06.05.2018 - 16:30 Uhr
RegensburgOberpfalz

Mit PK: Verkehrte Fußballwelt - Jahn drückt, Darmstadt trifft dreifach Lilien springen von Platz 17 auf 14

Klingt nach Schönschreiben, stimmt aber: Nach der schwachen Auswärtspartie in Duisburg möchte der SSV Jahn das letzte Heimspiel der Saison in der ausverkauften Conti-Arena in ein Fußballfest verwandeln – 15.200 Zuschauer sehen phasenweise ein Powerplay der Regensburger, aber die Tore schießen die Gäste aus Darmstadt.

Sorgt für die Vorentscheidung: Darmstadts Dong-Won Ji (rechts) nach seinem Treffer zum 0:2 in Regensburg. Bild: Armin Weigel/dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Zahlen lügen nicht: 25 zu 6 Torschüsse, 452 zu 288 Pässe bei einer Passquote von 78 zu 59 Prozent, 63 zu 37 Prozent Ballbesitz – aber das Tor der Hessen ist wie vernagelt. Die einen nennen das Unvemögen, die anderen schlicht Pech. Denn dass Marco Grüttner, der die Lilien heute allein in die Dritte Liga schießen hätte können, es besser kann, hat er zu genüge bewiesen. So erlebt die Oberpfalz zum Saisonfinale eine verkehrte Fußballwelt: Darmstadt springt mit einer überschaubaren Leistung vom direkten Abstiegsplatz 17 auf Rang 14, Kiel hat mit einem Punkt in Düsseldorf die Relegation zur Bundesliga endgültig sicher.

Dirk Schuster: „Alles abverlangt“

„Ich musste jetzt erst mal durchschnaufen“, gesteht Darmstadts Trainer Dirk Schuster bei der PK, „nach dieser Partie, bei der uns der Gegner alles, aber auch wirklich alles abverlangt, einen sehr guten Fußball gespielt und uns speziell in der zweiten Halbzeit arg in Bedrängnis gebracht hat.“ Sein Team habe gut dagegengehalten, aber Regensburg habe das gezeigt, was man im Vorfeld erwarten konnte: „Ein spielstarkes Team mit brutalem Pressing.“

In vielen Belangen sei der Gegner heute statistisch überlegen gewesen – außer in der Effizienz. „Ich möchte davor warnen, in Euphorie zu verfallen – erreicht ist gar nichts.“ Alles entscheide sich am letzten Spieltag.

Achim Beierlorzer: „Statistik spricht Bände“

„Ich habe gerade mal so die Statistik überflogen“, kann Jahn-Coach Achim Beierlorzer dem Lob des Gegners nur zustimmen, „und die spricht natürlich schon Bände.“ Er könne seiner Mannschaft heute überhaupt keinen Vorwurf machen. Sie habe alles investiert, habe sehr aggressiv gespielt, den Raum extrem verdichtet, kaum Torchancen zugelassen. „Wir hätten uns einfach belohnen müssen“, seufzt der Trainer. „Wenn der Pfosten nicht im Weg war, war es die Zehenspitze von Fernandes.“

In dem Moment sei das frustrierend: „Aber wie wir uns von den Fans verabschieden konnten, wie wir dieses Fußballfest feiern konnten, bin ich sehr, sehr stolz auf diese Mannschaft – sie gibt nie auf und das müssen wir uns fürs nächste Jahr bewahren.“

Man spürt den Fußballfest-Willen

Die Oberpfälzer wollen die unnötige 1:4-Schlappe beim MSV Duisburg mit folgender Startelf ausbügeln: Vor André Weis formieren sich Bene Saller, Asger Sörensen, Marvin Knoll und Alex Nandzik. Das Mittelfeld gestalten Marc Lais und Andi Geipl zusammen mit Sebastian Stolze und Albion Vrenezi. Sargis Adamyan und Marco Grüttner sollen Zählbares erzielen.

Es geht gleich gut los: Adamyan versucht‘s aus vollem Lauf aus 30 Metern, weil SV-Keeper Daniel Heuer Fernandes an der Strafraumkante lagert – links vorbei (1.). Auf der anderen Seite zielt Kempe mit einer Flanke auf den langen Pfosten, aber Sörensen köpft das Ding weg (3.). Knoll schickt Nandzik links, Grüttner und Adamyan starten im Zentrum, Grüttner hält den Schädel in die Flanke, die Kugel trullert neben den langen Pfosten (8.).

Wie Gomez auf der Linie

Das war das Gomez-Kunststück von der EM in Österreich – Pass Saller von rechts, Adamyan verlängert per Flugkopfball, Grüttner bekommt den Ball aus drei Metern nicht unter Kontrolle, fliegt statt der Kugel ins Netz (21.). Vrenezi stoppt einen Darmstädter kurz vorm Strafraum, gefährliche Freistoßsituation für Joevin Jones, Weis zwar noch dran, aber er lässt die Kugel an den Handschuhen vorbeischlüpfen, 0:1 (29.).

Der Jahn lässt die nächste Chance liegen: Stolze springt im Strafraum die Flanke zu weit von der Brust (31.). Und nochmal mag Grüttner sein Konto nicht hochschrauben: Sallers Flanke klärt der Goalgetter vom zweiten Pfosten (33.). Mann, Geipl schenkt mit einem überflüssigen Schuss knapp vorm 16er die Kugel zu leicht ab (34.). Bis zur Pause dann vor allem Hektik und viele Ballverluste – für Darmstadt könnte es nicht besser laufen.

Dreimal Alu für den Jahn

Was für ein Pech: Nandziks klasse Pass über alle hinweg auf Grüttner, der nimmt das Ding aus der Luft und knallt es an den Außenpfosten (46.). Stolze spurtet über rechts – und wieder kracht das Leder an den Pfosten, gibt‘s doch nicht (47.)! Im Gegenzug startet Ji Dong Won zum Konter, am Schluss verlassen ihn die Kräfte, Weis ohne Probleme. Und aller verflixten Dinge sind drei: Wieder der Pass von Nandzik von links, Grüttner grätscht in den Ball, der dritte Pfosten in drei Minuten und den Abpraller bekommt Heuer Fernandes ans Knie (49.).

Darmstadt versucht etwas den Druck rauszunehmen, bringt mit Immanuel Höhn eine Defensivkraft für Marvin Mehlem (52.). Jetzt darf nach einem kleinen Powerplay rund um den hessischen Strafraum auch mal Saller sein Glück versuchen, die Kugel prallt von der Bande zurück (56.). Alex Stark räumt Grüttner ab, Knolls Freistoß auf Stark (57.) ... eine kleine Bosheit? Darmstadt stellt sich nur noch in den Strafraum und versucht, das Schlimmste zu verhindern.

Gefeierter Konter

Die Anhänger der Auswärts-Orangen feiern Kempes Entlastungskonter, der eine Ecke bringt – und Kevin Großkreutz kommt für Sandro Sirigu (63.). Die nächste Chance für Grüttner: Tempovorstoß bei 3 gegen 3, aber nur Ecke (65.). Und auch Großkreutz wird bejubelt für seinen Einsatz zur nächsten Corner – blöder geht‘s nicht: Die Kugel bereits zur Kerze abgewehrt, dann darf Ji aus zehn Metern mit einer Bogenlampe einköpfen, 0:2 (68.). Meine Güte, da muss man sich nicht wundern: Weiter Pass auf Grüttner, der trifft die Kugel nicht richtig, den zweiten Ball bekommt Adamyan, aus spitzem Winkel drischt er das Ding in den Himmel (69.).

Die nächste Möglichkeit für Regensburg, Grüttner schmeißt sich kurz vor dem Strafraum in den Ball, knallt am rechten Pfosten vorbei (70.). Jetzt wird‘s peinlich: Knoll bekommt unter Druck den Ball nicht weit genug weg, Ji mit Kopfballverlängerung zu Kempe, der aus zehn Metern kein Problem hat, 0:3 (74.). Ob das jetzt noch was bringt: Marcel Hofrath kommt für Stolze (77.) – wieder scheitert Grüttner nach Nandzik-Flanke am vernagelten Darmstädter Kasten, dieses Mal per Kopf (76.).

Rekord im Chancenvergeben

Zum Schluss darf Bene Gimber für Andi Geipl mit den rot-weißen Kollegen dem aussichtslosen Rückstand hinterherlaufen (79.). Ein weiteres Mal spielt sich der SSV in den Lilien-Strafraum, Nietfeld vergibt kläglich (82.). Fast nicht mehr zählbar, die Chancen der Oberpfälzer, erst bleibt Adamyan hängen, dann köpft Nietfeld aus acht Metern daneben (84.). Ganz starker Ball auf Adamyan, der bekommt die Kugel allein vorm Keeper nicht unter Kontrolle (86.).

Auf Darmstädter Seite darf Terrence Boyd für den platten Felix Platte noch die letzten Minuten mithelfen, den sicheren Sieg über die Zeit zu schaukeln (88.). Zum Kotzen: Lais spielt sich nochmal geschickt Richtung Fünfer, Heuer Fernandes mit Knieabwehr und Adamyan drischt die Kugel ein weiteres Mal unkontrolliert aus elf Metern in den Himmel – Schlusspfiff.

Jetzt darf der Kalssenerhalt trotz der beiden bitteren Pillen in Duisburg und gegen Darmstadt gefeiert werden – 15.000 plus x außer Rand und Band. Die einen feiern die Auferstehung der Lilien, die anderen eine starke Saisonleistung mit leichtem Druckabfall zum Ausklang. Beim punktgleichen VfL Bochum darf der SSV Jahn am nächsten Sonntag, 15.30 Uhr, versuchen, den überragenden 5. Platz und damit eine gehörige Schippe TV-Gelder obendrauf zu sichern.

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