05.05.2017 - 22:08 Uhr
RegensburgSport

Momentaufnahme: Jahn Regensburg träfe in der Relegation auf Würzburger Kickers Erfurt besiegt sich mit Panikattacken

Der Jahn kann’s nicht lassen: Statt es bei einer prima Aufstiegssaison zu belassen, müssen die Regensburger unbedingt um das Aufstiegsdouble buhlen – und die Fans dürfen weiter vom Durchmarsch träumen. Stand jetzt: Nach dem 4:1 bei Rot-Weiß Erfurt würde Regensburg in der Relegation um die Zweite Liga gegen Würzburg antreten.

Die Gladiatoren nach erfolgreicher Schlacht: Das Steigerwaldstadion liegt dem SSV Jahn. Bild: Sascha Janne
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Zugegeben, die Gastgeber können einem leidtun. Denn mindestens drei Tore der hypernervösen Thüringer sind lupenreine Gastgeschenke:

  • Grüttner allein zu Haus: Schon nach zehn Minuten bedient Jann George den völlig verwaisten Marco Grüttner, der frei vor Klewin mit dem zwölften Saisontor zum 0:1 einschiebt.
  • Duplizität der Ereignisse: Um dem Ruf der großzügigsten Abwehr der oberen Tabellenregion gerecht zu werden, revanchiert sich der Gast mit einer ähnlichen Löchrigkeit – Aydin passt auf Tyrala, der mutterseelenallein vor Pentke zum Ausgleich einnetzt (25.).
  • Damit will es freilich Rot-Weiß nicht bewenden lassen: Ein Verteidiger rutscht weg, George hat freie Bahn, lässt Keeper Klewin stehen und vollendet aus spitzem Winkel zum 1:2 (30.).
  • Noch kurioser die Vorentscheidung: Tyrala schießt beim Freistoß im Mittelfeld aus Ärger, weil Grüttner nicht schnell genug abzieht, den Gegenspieler an, Schiri Justus Zorn lässt weiterlaufen, Grüttner hat freie Bahn und überlässt George den Lauf aufs leere Tor, 1:3 (75.).
  • Finaler Todesstoß wie im Training: Lockerer Spielzug über links, Pass in die Mitte, Grüttner unbedrängt am Fünfer, Klewin reagiert kaum mehr, 1:4 (79.).

Max, Belli, Bisi oder alle Luschen

Es ist wie beim Watten: Entweder man hat die Maschine oder nur Luschen. Schlecht verteilt, möchte man meinen. Gegen Kiel ging alles schief, was misslingen konnte – das 0:1 nach Knolls Abpraller fast ein Abziehbild der heutigen Treffer. Gegen Erfurt muss sich der Aufsteiger kaum anstrengen, weil sich die hypernervösen Gastgeber mit der Abstiegsangst im Nacken selbst ständig ein Bein stellen.
Als hätten die Thüringer nicht schon genug finanzielle Sorgen, kommt jetzt auch noch veritable Existenzangst dazu – wie bitte wäre das denn, wenn der UEFA-Cup-Teilnehmer von 1992 in die Regionalliga abdriften würde! Dann schon lieber die Jungspunde der Bundesliga-Vereine … Die Oberpfälzer sollten sich vom Ergebnis aber nicht täuschen lassen. So leicht wird es dem Jahn so schnell keine zweite Mannschaft im Saisonfinish machen. Trotzdem, der Auswärtsdreier ist eine ausgezeichnete Basis, um den pekuniär so wichtigen DFB-Quali-Platz 4 zu sichern.

Herrlich: „Kein gutes Spiel in der ersten Halbzeit“

„Ich denke, dass der Sieg heute verdient war“, sprudelt Jahn-Trainer Heiko Herrlich keineswegs über vor Übermut, „wir haben uns schwer getan, ins Spiel zu kommen.“ Mit dem ersten Abschluss habe man das 1:0 gemacht. Dann sei Erfurt immer stärker aufgekommen. „Wir haben förmlich darum gebettelt, und haben folgerichtig das 1:1 bekommen.“ Man sei bereits in zwei, drei Szenen davor nicht mehr richtig rausgerückt. „Sonst hätte man vielleicht Tyrala Abseits stellen können.“ Dann sei man wieder aufgewacht, habe das 2:1 gemacht, auch wenn man kein gutes Spiel gemacht habe bis dato.

„Ich habe der Mannschaft in der Halbzeit auch gesagt, dass sie sich steigern muss“, ist Herrlich wieder ganz gestrenger Kabinenprediger. „Ich denke, das hat sie getan.“ Erfurt habe zwar versucht, auf den Ausgleich zu spielen, seine Mannschaft habe aber nichts 100-Prozentiges zugelassen. „Wir standen ganz gut – und haben dann schlussendlich in der 75. Minute mit Jann George den Sack zugemacht.“ Das 4:1 durch Marco Grüttner sei dann vielleicht einen Tick zu hoch gewesen.

Tapfer: Stefan Krämer übernimmt die volle Verantwortung

„Es war ein ganz schlechtes Spiel von uns“, redet RWE-Trainer Stefan Krämer erst gar nicht um den heißen Brei herum, „weil wir von Anfang an fahrig im Ballbesitz waren, weil wir nicht gut in Zweikämpfen waren – wir waren nicht gut nach Ballgewinn, wir waren nicht gut im Ballbesitz, wir waren immer einen Schritt zu spät, wir hatten keine gute Kompaktheit – das kann man sich gegen eine so gute Mannschaft nicht erlauben.“ Er habe es unter der Woche nicht geschafft, die Jungs vernünftig auf das Spiel vorzubereiten.

Krämer selbstkritisch: „Wir sind anscheinend auch in der Trainingsintensität nicht richtig gelegen, weil die Jungs nicht frisch gewirkt haben.“ Natürlich spiele der Kopf eine Rolle im Abstiegskampf. „Trotzdem muss man in so einem Spiel eine andere Leistung zeigen – für die Leistung bin ich verantwortlich, danke.“ Wow, so etwas würde man sich mal von Frau von der Leyen wünschen. Die Entstehung des 3:1 bewertet Krämer lakonisch: „Man kann’s besser machen – ich weiß nicht genau, was Basti in der Situation vor hat, ob er eine Gelbe Karte provozieren will.“

Greifbare Verunsicherung

André Laurito kann’s schon mal nicht richten für den SSV, der sitzt nur auf der Bank der Thüringer – tja, wäre er halt in Regensburg geblieben! Keine Überraschung in der Regensburger Startformation: Vor Philipp Pentke (K) tummelt sich die Viererkette mit Benedikt Saller, Wastl Nachreiner, Marvin Knoll und Marcel Hofrath. Zurück auf der 6 Andi Geipl zusammen mit Marc Lais. Eine Reihe weiter vorne Jann George, Kolja Pusch und Erik Thommy als Wegbereiter für den torhungrigen Marco Grüttner.

Bei Erfurt merkt man die Verunsicherung: Schlampiger Rückpass von Jens Möckel auf Keeper Philipp Klewin, der’s jetzt eilig hat und die Kugel vor Grüttner wegkickt (6.). Aber auch der SSV lässt sich von der Unruhe anstecken. Aus dem Nichts die Führung: George hebt mal kurz den Kopf und stellt zu seiner Überraschung fest, dass Sportsfreund Grüttner ohne Begleitung im Erfurter Strafraum auf der Lauer harrt, der stoppt sich den Pass und schiebt das Kügelchen ganz lässig an Klewin vorbei zum 0:1 in den Erfurter Kasten (10.).

Hofrath bewacht die gähnende Leere

Erik Thommy holt die nächste Ecke: lang und schlecht (23.). Erfurt hoch nervös, halbherziger Tempogegenstoß nach Ballverlust Grüttner. Was für eine Blödelei: Okan Aydin bringt den Ball von links, Sebastian Tyrala völlig allein am Fünfer, Hofrath bewacht die gähnende Leere um sich herum, und schon steht’s 1:1 (25.). Nächster Konter der Gastgeber, der Pass etwas zu weit, das lässt sich Pentke kein zweites Mal nachsagen: Obwohl zwei Regensburger da sind, spritzt der Kapitän dazwischen. Aber die Erfurter reichen das Geschenk gleich wieder zurück: Fehlpass im Mittelfeld, George marschiert allein Richtung Tor, umkurvt den Keeper, schiebt zum 1:2 (31.) ein.

Schön anzuschauen: Pusch übt Tontaubenschießen (33.). Was treiben die Erfurter denn da? Nächster Fehlpass, Grüttner muss aber das Tempo rausnehmen, ein Versuch über rechts, Georg verdribbelt sich, immerhin Ecke – auch wenn die natürlich nichts einbringt (34.). Gelb für Saller, ohne Diskussion: Er fällt Luka Odak an der Seitenlinie (39.). Nach dem dritten Freistoß aus dem Halbfeld muss Grüttner am Fünfer zur Ecke klären (41.). Mann, was sind das für Abwehraktionen: Gestocher bis in den Jahn-Strafraum, bis endlich Saller die Kugel beherzt wegdrischt (44.).

Wastl, das Kopfballungeheuer

Was für eine Chance für Nachreiner: Ecke auf den Kopf des Abwehrrecken, Klewin pariert, Nachschuss, wieder der Keeper, dann ist Erfurt save – nicht aber der Jahn, schneller Konter, Tyrala schickt den unauffälligen Tugay Uzan, Pentke hat mitgedacht und kommt dem zuvor (50.). Thommy bleibt nach einem Zweikampf liegen, Schiri Zorn lässt emotionslos weiterspielen (52.). Endlich mal wieder ein Pass in die Gasse, Grüttner fast dran, fällt über ein Verteidigerbein (57.).

Freistoß Thommy: Das kann er besser, zweimal in die Mauer und dann aufs Tordach (58.). Natürlich muss RWE-Trainer Krämer jetzt mal reagieren und bringt Carsten Kammlott für Daniel Brückner (60.). Freistoß Thommy aus 25 Metern 2,5 Meter drüber. Auf der anderen Seite zielt Uzan auf die Eckfahne (61.).

Georges langer Marsch aufs leere Tor

Aktion mit Seltenheitswert, die Flanke von links geht durch, Knoll klärt zur Ecke – und kleine Aufregung als Tyrala allein am Fünfer auftaucht, aber im Abseits steht (64.). Auf der anderen Seite knappe Abseitsentscheidung gegen den Jahn (65.). Saller macht das auf der linken Abwehrseite bislang prima, kein Durchkommen (67.). Zum ersten Mal taucht Kammlott vor Pentke auf, aber der ist deutlich vor ihm am Ball (69.). Herrlich sieht Veränderungsbedarf, wirft Hyseni für Pusch ins Spiel (71.). Und auch Erfurt, was Wunder, wechselt offensiv, und bringt Christopher Bieber für Theo Bergmann.
Die lethargische Spielweise der Erfurter ist ansteckend, Thommy mit kurzem Antritt im Mittelfeld, Schuss aus 25 Metern ohne Saft in den Thüringer Himmel. Aber Erfurt richtet's selbst für den SSV: Tyrala schießt beim Freistoß von der Mittellinie Grüttner an, weil er für sein Gefühl zu nah am Ball steht, das Spiel läuft weiter, Grüttner, allein vorm Keeper, überlässt Gentleman-like für George, der Torwart unterschreibt 30 Meter vorm Kasten bereits die Kapitulation – so lange musste der Deutsch-Amerikaner wohl noch nie aufs leere Tor zulaufen, 1:3 (75.).

Das ist jetzt ein Trainingsspielchen für die Regensburger, lockere Kombination über links, Pass in die Mitte, Grüttner zur Stelle, Klewin reagiert kaum noch, 1:4 (79.). Nochmal ein Doppelwechsel, Herrlich erspart den Gastgebern Grüttner und schenkt Palionis wieder Praxiszeit (83.). Und auch George hat genug, vergönnt Uwe Hesse seinen Auftritt. Freistoß Regensburg nach Foul an Hyseni, der sein Temperament auspackt. Und warum Wastl Nachreiner bei 4:1 um die Gelbe bettelt, bleibt sein Geheimnis. Auch Pentke darf noch mitspielen, und blamiert Bieber mit einer Dribbeleinlage (84.).

Letztes Heimspiel: Schon 7000 Karten verkauft

Die zwei Wochen der Wahrheit für den SSV Jahn: Als Tabellendritter startet Regensburg (57 Punkte) in den drittletzten Spieltag – am Samstag verteidigt Holstein Kiel (2./58) gegen Hansa Rostock das Pünktchen Vorsprung. Da könnte sich Hansa-Coach Christian Brand doch mal so richtig beliebt machen bei den Jungs von der Hans-Jakob-Tribüne … Und der FC Magdeburg (4./56) könnte zu Hause das flackernde Licht des FSV Frankfurt (19./33 – wegen des Insolvenzantrags werden wohl noch einmal neun Punkte abgezogen) endgültig löschen.

„Das war natürlich auch ein anderer Gegner“, vergleicht Heiko Herrlich die zwei ungleichen Spiele gegen Kiel und Erfurt. „Die Tabelle lügt nie.“ Unter der Woche habe er die fehlende Torgeilheit gerügt: „Heute waren wir dagegen sehr effizient.“ Jetzt gelte die volle Konzentration dem letzten Heimspiel am Samstag, 14 Uhr, gegen Chemnitz – 7000 Karten sind schon jetzt verkauft. „Das ist unbestritten, dass wir eine sehr gute Saison spielen, die 27 Punkte aus der Hinrunde haben wir heute mit 30 getoppt – jetzt steht Chemnitz vor der Tür, alles andere haben wir gar nicht selbst in der Hand.“

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