04.04.2017 - 23:59 Uhr
RegensburgSport

Regensburg muss gegen junges wildes Mainz lange zittern Jahn stellt Chancenvernichtungsrekord auf

Wenn das die Reifeprüfung für Liga 3 war, dann hat sie der SSV Jahn gerade mal so bestanden: Das 2:1 gegen das widerspenstige Tabellenschlusslicht Mainz II stand lange auf wackligen Beinen – obwohl oder gerade weil die 4260 Zuschauer mitlitten, wie die Regensburger Chance um Chance versiebten.

9:4 Torchancen hat Heiko Herrlich auf seinem berüchtigten Zettel stehen: Die Zuschauer kommen kaum mehr mit, so schnell verballern die Regensburger ihre 77 bis 99 Prozentigen. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Jahn-Therapeut Heiko Herrlich warnt ja immer vor zu viel Lob. Da wollen wir ihm gerne folgen. Jetzt, wo das Klassenziel so gut wie erreicht ist, sollte man sich die Schwächen nicht schön reden: „Ein Chancenverhältnis von 9:4“ hat der Trainer zugunsten des SSV Jahn auf dem Zettel. Das Endergebnis von 2:1 muss Regensburg dennoch mit Haken und Ösen verteidigen, weil Erik Thommy und Jann George ihre Solos ein ums andere Mal vergeigen, weil weder Marco Grüttner noch Haris Hyseni oder der spät eingewechselte André Luge mit Kopf, Fuß oder Brust die Kugel über die Linie bringen.

Osnabrück-Gedächtnis-Minuten

Zittern müssen die Regensburger auch, weil sie gerade in Hälfte 2 erneut einige Osnabrück-Gedächtnis-Minuten einlegen, in denen sie die Kontrolle im Mittelfeld völlig aus der Hand geben. Da muss man sich nicht wundern, wenn dann der – technisch freilich durchaus versierte – Tabellenletzte gerade über den Bundesliga-erfahrenen Aaron Seydel zu Hochkarätern kommt. Zu mehr übrigens, als Spitzenreiter MSV Duisburg gegen zehn Oberpfälzer vergönnt war.

Klar ist das Meckern auf hohem Niveau, aber es wäre doch fahrlässig, die grandiose Chance auf zumindest Platz 4 ohne Defizitanalyse verstreichen zu lassen – was beim doppelten Pokal-Aus in der Hinrunde gegen Hertha und dann gegen eine Mannschaft, deren Klassenzugehörigkeit nicht genannt werden sollte, noch kaum einer für möglich hielt, kann jetzt wahr werden: Regensburg kann sich als eine der Top-40 Profi-Mannschaften direkt für die Hauptrunde qualifizieren.

Sandro Schwarz: „Verdienter Sieg“

„Ich denke“, sagt FSV-Trainer Sandro Schwarz, „dass es dann, wenn man die gesamte Spielzeit nimmt, ein verdienter Sieg war. Dass wir in der ersten Halbzeit keine gute Kontrolle hatten von Beginn an. Dass wir in den ersten 20 Minuten nur mit Verteidigen beschäftigt waren, obwohl wir ganz gut angelaufen sind.“ Die Problematik: „Dass wir in letzter Linie die Bälle unsauber geklärt haben, dass wir viele Freistöße, viele Ecke produziert haben.“

Dennoch habe man aus einem guten Anlaufverhalten heraus das 1:0 gemacht: „Was uns dann gut getan hätte, wäre das einfach länger zu halten diese Führung, um einfach mehr Umschaltmöglichkeiten zu bekommen.“ Aber dann sei gleich das 1:1 gefallen, wo man unsauber rückwärts auf den Torwart gespielt habe: „Dann resultiert da heraus die Ecke, die wir nicht gut verteidigen.“

2:1 nach eigener Balleroberung

Beim 2:1 sei man selbst eigentlich in der Balleroberung gewesen, habe eine riesige Möglichkeit zum Umschaltspiel: „Ballverlust, so fällt dann das 2:1.“ Kurz darauf habe man noch zwei Möglichkeiten zum Ausgleich vergeben. „Es war dennoch eine verdiente Pausenführung für Jahn Regensburg.“

Schwarz habe dann in der zweiten Hälfte umgestellt: „Mit Beza Halimi und Philipp Klement in den Halbräumen, wo wir dann auch mehr Sicherheit hatten in unseren Aktionen, mehr Kontrolle hatten auch vorne heraus, hatten dann auch die ein oder andere Möglichkeit – trotz allem mussten wir aufpassen, dass wir nicht das dritte Tor bekamen, da hatten wir dann etwas Glück gehabt.“ Extrem ärgerlich aus Schwarz‘ Sicht, dennoch eine verdiente Niederlage.

Heiko Herrlich: „Spiel in Duisburg kostete viel Kraft“

„Erst einmal freue ich mich riesig“, fällt Jahn-Coach Heiko Herrlich ein Stein vom Herzen, „dass wir nach dem Spiel am Samstag in Duisburg, das viel Kraft gekostet hat, das viel Lob gegeben hat, dass wir heute die Hürde Mainz genommen haben, wo wir in der Favoritenrolle waren, wo ich gebeten habe, Lob bitte erst nach dem Mainz-Spiel.“ Mainz sei für ihn viel besser als der Tabellenplatz suggeriere. „Ich denke, dass der Sieg absolut in Ordnung geht, dass wir gut ins Spiel gekommen sind, eine ungeheure Druckphase gerade in der Anfangsphase mit zwei Tormöglichkeiten hatten.

Dann sei man in Rückstand geraten und zum Glück schnell wieder zurückgekommen: „Endlich mal durch einen Eckball – nach gefühlten 120 Eckbällen, wo’s kein Tor gab, haben wir heute endlich mal durch eine Standardsituation wieder ein Tor gemacht.“ Anschließend sei man mit einem tollen Gegenkonter durch Erik in Führung gegangen. „In der zweiten Halbzeit haben wir gerade in der Anfangsphase, wo Mainz eigentlich so langsam mehr Kontrolle bekommt, die größten Chancen – drei stehen auf meinem Zettel, wo wir den Sack hätten zu machen können.“

„Kevin hat das sehr gut gemacht“

Anschließend sei Mainz immer besser geworden. „Zum Schluss haben wir noch einmal zwei gute Möglichkeiten gehabt.“ Umgekehrt habe Pentke einmal gut gehalten, einmal habe man auch Glück gehabt. „Dennoch habe ich auf meinem Chancenzettel ein Verhältnis von 9:4.“ Der Wechsel von Kevin Hoffmann zu Markus Palionis sei rein taktisch bedingt gewesen: „Ich finde, Kevin hat das sehr gut gemacht, Mainz ist immer stärker geworden, wir hatten keinen Zugriff mehr, und bei Kevin war’s mir klar, dass er nach 60 Minuten keine Gegenwehr mehr leisten konnte, weil er körperlich das hohe Niveau nicht mehr gehen konnte – bis dahin hat er es super gemacht.“

Er habe dann noch einmal die Defensive verstärken wollen. Markus Palionis, der eigentlich nicht für einen so langen Einsatz vorgesehen war, habe seinen Job gut erledigt, man habe wieder mehr Zugriff bekommen. Aber vielleicht bringen dem SSV einfach nur die frühen Gegentreffer in Siegeslaune. Immer wieder habe man Spiele nach Rückstand gewonnen: Frankfurt, Aalen, Mainz. „Wenn wir geführt haben, wie gegen Zwickau oder Osnabrück, haben wir es noch aus der Hand gegeben.“

Englische Rotation

Ein Heiko, ein Wort: Wie angekündigt lässt Herrlich trotz zehn fehlender Akteure im englischen Schonprogramm rotieren. Für den Rotsünder Hofrath übernimmt Benedikt Saller die verhexte Position rechts hinten. Kevin Hoffmann rückt als Novize ins Mittelfeld. Haris Hyseni verschafft Kolja Pusch eine Verschaufpause.

Und es geht gleich rasant los: Saller antizipiert sehenswert beim Forchecking und setzt die grellgelbgrüne Abwehr gleich unter Druck. Kann man machen: Alex Nandzik mit dem Flankenlauf über links, mit dem Hacken zurück auf Erik Thommy, dessen Flanke wird geblockt, Andi Geipl mit dem zweiten Ball deutlich vorbei (2.). Hyseni zieht sich das Trikot über den Kopf: Gut bedient zieht er aus zehn Metern ab und verzieht gewaltig (4.).

Mainzens Keeper warmgeschossen

Thommy zieht nach innen und ab, FSV-Keeper Lukas Watkowiak hält die rechte obere Ecke sauber. Nandzik wieder im Expressmodus, Flanke gerade noch zur Ecke geklärt – da stellen sich die Roten etwas dämlich an: Watkowiak lässt den Ball fallen, keiner kann damit so recht was anfangen, schließlich wieder der harmlose zweite Ball von Geipl (10.).

Mainzens Keeper ist jetzt doch mächtig nervös, wiederholt verschätzt er sich oder schlägt unbedrängt ins Aus. Der rote Druck nimmt weiter zu: Wären die Ecken eine Torgarantie, würde es schon 3:0 stehen (15.). Scharfe Flanke Nandzik, George gerade noch geblockt (16.). Wieder Unordnung im Mainzer Strafraum, George und Grüttner müssen noch klären, wer schießen soll, Grüttner knallt drüber (19.).

Pentkes Bock

Watkowiak mag nervös sein, Pentke aber begeht den kapitalen Fehler: Sicher, der Rückpass von Odabas in Bedrängnis ist auch kein feiner Zug. Aber Pentke hat Zeit und bedient dennoch Aaron Seydel, der noch ein paar Schritte machen und sich aus 12 Metern die Ecke aussuchen kann, 0:1 mit dem ersten Torschuss (21.). Da hat Pentke seine Fehlerquote beim Ausschuss dramatisch gesenkt und dann so was. Genauso leichtsinnig aber fällt freilich der Ausgleich im Gegenzug: Bei der vierten Ecke kommt der Querschläger zum pudelnackten Ali Odabas, der aus 5 Metern nur noch einschieben muss, 1:1 (22.).

Dem Debüttanten unterlaufen schon noch einige Stockfehler: Schöner Konter über Nandzik, Seitenwechselversuch über die Schnittstelle, aber Kevin Hofmann spielt dem Neongelbgrünen in die Füße (24.) – und gleich der nächste Ballverlust, nachdem er beim Anspiel etwas überrascht wird (26.). Was war da los? Nandzik hängt mit Hasenhaken den Gegenspieler ab, flankt nach innen – ist da die Hand dran? Dann liegt George flach und Mainz startet den Konter, während sich die 9 weiterwälzt (28.).

Nandzik, die Tempomaschine

Mainz versucht jetzt recht rustikal die körperlichen Defizite auszugleichen: Gelb für Benjamin Trümner, der George rechts außen abräumt (31.). Sensationeller Einsatz von Nandzik, der nach Ballverlust den gleichen Spurt rückwärts antritt, Thommy auf die Reise schickt, der wie Messer durch Butter bis zum Fünfer marschiert und es rechts unten klingeln lässt, 2:1 (35.).

Die Scheißhausfliegen sind wieder zurück: Ein halbes Dutzend Roter attackiert die Grüngelben, da ist kein Durchkommen – Rossmanns Freistoß aus 25 Metern dagegen streicht sehr knapp vorbei (37.). Im Gegenzug ist wieder Thommy unterwegs, Flanke von rechts auf Hyseni, der die Kugel vor zwei Rivalen mit dem Rücken zum Tor stoppt und dann durch die beiden hindurchkullert, kein Thema für Watkowiak.

Jahn-Künstlerpause vor der Pause

Da haben einige nicht aufgepasst, plötzlich ist schon wieder Seydel unterwegs aufs Jahn-Tor, Nandzik überholt von hinten und klärt zur Ecke – was für eine Energieleistung des kleinen Blonden. Diesmal gelingt Hoffmann ein schönes Stück Maßarbeit auf George nach rechts außen, aber der bringt die Kugel nicht am Verteidiger vorbei. Hoffmann hat Selbstbewusstsein getankt, der Schuss vom 16er aber geht weit drüber.

Die erste Ecke der Gäste ist gleich brandgefährlich: Pentke pariert Charmaine Häusls Kopfball (43.). Diese Regensburger ist noch nicht verspeist, da muss der Jahn weiter den Druck hochhalten – in den letzten fünf Minuten nutzen die jungen Rheinhessen die kurze Künstlerpause der Gastgeber und kommen auch noch zu einem überhasteten Abschluss von Mounir Bouziane, der verzieht (45.).

Hälfte 2 beginnt mit Triple-Chance

Nach einer Riesenkombination verhudelt Hyseni den ersten Angriff nach Wiederanpfiff. Dann läuft George allein auf den Keeper zu, will aber querlegen, Fuß dazwischen, Geipl kommt von hinten angerauscht und zaubert den Ball ins Nichts (48.). Und dann noch eine Thommy-Flanke von links in die offenen Hände Watkowiaks.

So, statt „Sack zu“ jetzt „Warten auf das Gegentor“: Die Jahn-Abwehr lässt gefühlte drei Minuten Krachendgelb im Strafraum kombinieren, die Jungs sind aber zu verspielt, Schlenzer übers Kreuz (50). Das war jetzt der dreifache Georgeberger: Rechts außen wird die 9 zwar gefoult, aber die letzte Pirouette war überflüssig – dennoch Gelb für Häusl. Thommys Freistoß ist nicht übel, peitscht quer durch den Fünfer, Ecke. Grüttner ist noch dran mit der Stirn, aber ohne Wirkung (53.).

Odabas rettet auf der Linie

Der Riese unter den Mainzelmännchen, Mainzelmann Seydel, wirkt ein wenig wie ein zu großer Tanker im Dorfweiher, als müsse er seine Kraft zügeln im Land der Zwerge – zudem läuft er gerade ins Abseits (55.). Herzstillstand: Saller verschätzt sich bei der Flanke nach links außen nicht zum ersten Mal, den nicht verteidigten Pass versucht Knoll zu entschärfen, Odabas kratzt den Boomerang von der Linie.

Zwei 99-Prozentige: Wieder marschiert Thommy, legt zurück, George vergeigt und Hyseni verpasst am zweiten Pfosten. Nochmal kombinieren sich die Roten bis zum Fünfer, Thommys Flugkopfball aus 5 Metern knapp daneben (60.). Fahrlässig: Wieder Thommy im Strafraum, abgefälschter Heber als Rückpass (62.). Schiri Johann Pfeifer liegt zum dritten Mal daneben: Freistoß Mainz aus 18 Metern, Pentke ist unten, Ecke (64).

Paradox: Freier Mann im Gedränge

Nächste Konterchance, perfekter Lupfer von Hyseni auf Thommy, der geht rechts auf und davon, versucht den Heber auf den völlig freien George, geblockt (66.). Herrlich bringt jetzt Markus Palionis für Kevin Hoffmann. Wie kann ein feindlicher Spieler so frei am 16er stehen, wenn doch alle 22 Spielteilnehmer am eigenen Strafraum lungern? Der Abschluss flach in Pentkes Arme (68.).

Rüdes Foul an der Seitenlinie – Gelb für Marcel Costly, Thommy steht schon wieder (70.). Herrlich schickt den nächsten frischen Mann aufs Feld: André Luge für Hyseni. Die Position lieben die Mainzer, da fallen sie besonders gerne: 25 Meter halb rechts – dieses Mal harmlos (73.). Wieder verschätzt sich Saller bei der Flanke nach links, Patrick Schorr kann nach innen ziehen und verzieht schrecklich (76.).

Seydel allein vor Pentke

Das sind die Osnabrück-Gedächtnisminuten: Mainz spielt sich in den 16er, Seydel plötzlich allein vor Pentke, Harakiri mit glücklichem Ende für den Jahn (77.). Und noch einmal verpasst der SSV den Konter zum 3:1: Grüttner zieht zwischen zwei Verteidigern ab, Watkowiak reißt die Fäuste hoch, die Kugel senkt sich noch aufs Tordach (78.). Ein weiterer Knüpfversuch: Flanke George, Thommy Hacke, Grüttner verpasst mit dem Kopf. Man kommt gar nicht mehr mit: Belagerungszustand um den Mainzer Strafraum, immer wieder Ballverluste, aus denen die Roten einfach kein Kapital schlagen.

Scharfe Flanke durch Freund und Feind, Grüttner rutscht vorbei. George über rechts auf Luge, Ablage zu Thommy, der schafft’s im Stolpern nur noch, die Kugel zu Watkowiak zurückzuschieben (85). Thommy rennt die Linie auf und ab und bekommt zum Ärger der Mainzer Bank den Freistoß (88.). Und auch André Luge verspielt die Konterchance (90.): Solo im Strafraum, Schuss hinter den Kasten. Uwe Hesse für George und drei Minuten Nachspielzeit? Was soll das: Der Jahn lässt sich belagern! Durchatmen, der Schlusspfiff rettet den ersten Heimsieg nach zwei Heimpleiten.

Vorentscheidung in Magdeburg?

Da sind sie jetzt also, die 47 Punkte. Was damit anstellen? „Ich denke, das spricht für die Mannschaft“, erinnert Herrlich noch einmal an die lauten Zweifel am lediglich Regionalliga-erprobten Kader. Trotzdem müsse man auf dem Boden bleiben. Man habe mit 27 Punkten eine tolle Hinserie gespielt: „Jetzt muss das Ziel sein, das nochmal zu toppen, noch mal die 27 Punkte zu holen – ich denk‘ jetzt von Spiel zu Spiel.“

Man habe nun nur noch positiven Druck. „Wir haben in Magdeburg wieder ein Top-Spiel, da muss das Ziel sein, dass wir da hinfahren und wieder was holen – am besten drei.“ Bei den Sachsen-Anhaltinern (2./51 Punkte) könnte dann am Samstag, 14 Uhr, tatsächlich die Vorentscheidung fallen, ob die Oberpfälzer wie Würzburg in der vorigen Saison im Schlussspurt eine realistische Chance für den direkten Durchmarsch wahren können.

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