22.04.2017 - 17:33 Uhr
RegensburgSport

Regensburg schenkt beim 1:1 in Wehen-Wiesbaden zwei Elfer und zwei Punkte ab SSV Jahn mit Elfmeterverweigerung

Kann man zwei Elfmeter innerhalb von zehn Minuten verschießen? Der Jahn, der kann: Erst pariert Wehens Kapitän Markus Kolke Erik Thommys halbhohen Schuss ins rechte Torwarteck famos (84.). Dann schiebt Marc Lais die letzte Aktion des Spiels flach exakt in dieselbe Ecke (94.) – und Regensburg rutscht von Platz 2 auf Platz 4, weil Kiel (2:0 gegen Chemnitz) und Magdeburg (2:1 gegen Großaspach) ihre Heimspiele gewinnen.

Erik Thommys Führungstreffer gegen Wehen-Wiesbaden reicht heute nicht. Bilder: Sascha Janne (13)
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Klar. Jeder darf mal einen Elfer verballern – vor allem wenn einer wie Thommy den SSV zuvor mit einem Freistoß-Nachschuss überhaupt erst in Führung geschossen hatte. Natürlich versagen auch den Besten in den entscheidenden Situationen immer wieder die Nerven, wenn es darum geht, aus kurzer Distanz den relativ riesigen Kasten zu treffen.

Trefferwahrscheinlichkeit bei 75 Prozent

Die Fußball-Mathematik lehrt uns, dass die Trefferwahrscheinlichkeit beim Elfmeter bei rund 75 Prozent liegt: Das Tor hat eine durchschnittliche Fläche von 18 Quadratmetern. Ein Torwart ist knapp zwei Meter groß und hat dabei eine Armspannweite von etwa 2,50 Metern – ergibt eine Fläche von fünf Quadratmetern. Damit kann der Keeper circa 25 Prozent seines Tors abdecken – 75 Prozent nicht. Weil: 5 geteilt durch 18 ergibt 0,27.

Und zum Trost für die beiden Fehlschützen: Die Elfmeter-Wahrscheinlichkeitsrechnung rät, in die Ecken des Tors zu zielen. Der Schuss rast mit rund 100 Sachen in 0,4 Sekunden auf den Kasten zu. 0,2 Sekunden benötigt ein guter Keeper als Reaktionszeit, in denen er nicht zum Ball hechten kann – und 0,2 Sekunden bis in die Ecke geben die Muskeln nicht her. Bleibt nur noch ein kleiner Vorwurf: Warum noch einmal die gleiche Ecke, auf die sich Kolke offensichtlich eingestellt hat? Egal, denn die Wahrscheinlichkeit, dass dieser die Ecken variiert, liegt ebenfalls bei 50 Prozent.

150 Prozent Aufstiegschance verballert

Zusammengerechnet hat Regensburg also 150 Prozent der Chance vergeben, sich im Aufstiegsrennen, das Heiko Herrlich kalt lässt, sensationell zu positionieren – zuvor vergab Marvin Knoll bereits zweimal aus ähnlicher Position aus dem Spiel heraus und auch Haris Hyseni hätte vor dem Strafstoß aus acht Metern den Deckel draufmachen können. Aber das alles trifft nur auf den Schlussspurt der Gäste zu. Denn umgekehrt hatte Wehen-Wiesbaden in der ersten Hälfte und zu Beginn der zweiten die besseren Chancen.

Fazit: Das Ergebnis eines zwar spannenden, in der Schlussphase gar dramatischen aber spielerisch übersichtlichen Matchs, geht über die gesamte Spielzeit durchaus in Ordnung. Das große dicke Extra aber, das Rot-Weiß auch dem großzügigen Schiedsrichter Nicolas Winter zu verdanken hat, hat der SSV in unvergleichlich jahnsinnigerweise verseppelt – sollte einmal ein Unternehmensberater nach dem USP, dem Unique Selling Point der Regensburger fragen, dann sind es solche Big Points, die die Oberpfälzer liegen lassen – nachdem der alte Spruch „Wir ham koan Strom, wir ham koa Geld, wir san da geilste Club der Welt“ ja nur noch bedingt gilt.

Herrlich (ver-) zweifelt an den Elfern

„Ja gut, bei aller Emotion versuche ich das jetzt erst einmal sachlich aufzuarbeiten“, ringt Jahn-Coach Heiko Herrlich seinen Ärger bei der PK nieder. „Ich sehe in der ersten Halbzeit drei sehr gute Möglichkeiten für Wehen-Wiesbaden.“ Der Jahn habe das Tor nach einem Standard gemacht gegen eine Mannschaft, die sehr tief und kompakt gestanden sei „und auf unsere Fehler gewartet hat“. Der SSV habe versucht das Spiel zu machen, sei „trotz stumpfen Platzes“ ganz gut ins letzte Drittel gekommen. „Wir hatten mehr Spielanteile, ohne etwas Nennenswertes zu haben.“

Nach der Halbzeit habe seine Mannschaft aber dann die Chancen gehabt, das Spiel für sich zu entscheiden: „Ich habe da vier an der Zahl, da müssen wir den Sack zumachen, dann müssen wir auch nicht darüber diskutieren, ob das Elfmeter waren.“ Aus seiner Sicht könne er das nicht wirklich seriös beantworten. „Ich glaube, dass alle drei strittigen Situationen – der von Wehen geforderte und unsere zwei Elfmeter keine waren.“

Herrlich habe insgesamt ein tolles Kampfspiel gesehen. „Wenn die Heimmannschaft nach dem Punkt feiert, als hätten sie die Meisterschaft erreicht, das macht mich ein Stück weit stolz und glücklich und sagt eigentlich alles aus, was unsere Mannschaft dieses Jahr leistet trotz der vielen Rückschläge.“

Rehm: „Gegenseitig alles abverlangt“

SV-Trainer Rüdiger Rehm ist „sehr, sehr stolz auf seine Mannschaft“ nach einer englischen Woche: „Die Jungs haben Vollgas gegeben, wir haben Regensburg alles abverlangt, Regensburg hat uns alles abverlangt.“ Man habe dieses Spiel unbedingt gewinnen wollen: „Ich glaube, dass wir in der ersten Halbzeit ein Plus hatten, ich habe nur die Freistoßsituation für Regensburg gesehen, gehen trotzdem mit 0:1 in die Halbzeit.“

Die zweite Halbzeit sei ausgeglichen gewesen mit Chancen auf beiden Seiten – „und wir eben mit dem Ausgleich“. Von daher sei das 1:1 leistungsgerecht. „Ich bin sehr stolz auf unsere Truppe, ich denke die Zuschauer gehen als Sieger nach Hause.“

Pusch gegen Kiel gesperrt

Viel zu korrigieren hatte SSV-Coach Heiko Herrlich nach dem Ausfall von Alex Nandzik ohnehin nicht: Wie angekündigt rutscht vor Keeperkapitän Philipp Pentke Marcel Hofrath in die Viererkette der Startformation – zusammen mit Bene Saller, Wastl Nachreiner und Ali Odabas. Marc Lais und Marvin Knoll bilden die Doppelsechs hinter dem offensiven Mittelfeld um Kolja Pusch, Erik Thommy und der Abteilung Sturm mit Jann George und Marco Grüttner.

Der Jahn lässt Wehen erst einmal fröhlich aufspielen. Hofrath ist auf seiner linken Seite Kilometer von seinem Gegenspieler weg, Pass in die Mitte, Pentke ist mit der Hand dran, Mintzel drischt den zweiten Ball ans Außennetz (8.). An der Seitenlinie hat der Jahn einfach kein Glück: Pusch mit normalem Zweikampf, beide heben das Beinchen, der Regensburger aber sieht Gelb und ist gegen Kiel gesperrt, Prost Mahlzeit (12.).

Vogelwilde Jahn-Abwehr

Vogelwild, die Oberpfälzer Abwehr: Gefühlt eine minutenlange Köpfchenball-Stafette am Strafraum, bis endlich ein Wehener in Schwarz seinen Fallrückzieher einstudiert hat – knapp am linken Pfosten vorbei (15.). Dann auch die erste Halbchance für Regensburg: Sallers Lupfer auf George, aber das ist mehr eine Rückgabe per Kopf (16.).

Erik Thommy fällt nach Solo durch fünf Gegner, Schiri Nikolas Winter gibt Abstoß (18.). Marc Lorenz ist auf der Gegenseite auf und davon, Patrick Mayer in der Mitte völlig frei, Odabas fängt den Pass ab (22.). Hofrath mit unbehindertem Pass von halblinks ins Aus (23.). Thommy schön am Strafraum freigespielt, ein Haken, Schlenzer übers Dreieck (24.). Foul an Pusch 18 Meter zentral vor dem Wiesbadener Tor (31.): Erik Thommy zielt in die Mauer, aber wie weiland Alfred Steinkirchner verwandelt er den Nachschuss zum 0:1 (32.).

Hofrath zu ungestüm

Hofrath hat die Weisheit manchmal nicht mit Löffeln gefressen: Er kommt zu spät und rennt in Müller, Gelb – hat der Mann aus dem Rot in Duisburg gar nichts gelernt? Bei allem Respekt für seinen Einsatzwillen, im Niemandsland muss niemand die nächste (Gelb-) Rote riskieren (36.). Da war dafür mehr drin: Guter Pass auf Hofrath, Thommy bereits allein Richtung Tor unterwegs, aber Hofrath verspringt der Ball – immerhin glücklicher Freistoß, Kolke vor Grüttner (38.).

Schöne Aktion von Jann George im Mittelfeld gegen drei, prallt dann gegen einen Gegenspieler – das Spiel läuft erst mal weiter, die 9 bleibt liegen. Das Spiel jetzt unterbrochen, aber George kann weitermachen (39.). Gefährlicher Ballverlust im Mittelfeld, Nachreiner grätscht ins Leere, Alf Mintzel mit dem Turbo, Flanke nach innen, Odabas klärt vor Mayer, Glück für den SSV (43.). Und wieder eine unbedrängte Hofrath-Flanke ins Nirgendwo (43.).

Chaosminuten im Jahn-Strafraum

Die zweite Hälfte beginnt mit Chaosminuten um den Regensburger Strafraum, der Jahn bringt den Ball mehrfach nicht weg, Nachreiner verliert die Kugel beim Spielaufbau, Pass auf den freien Philipp Müller, der kurz vorm Fünfer den Ball nicht sauber stoppen kann und deshalb noch geblockt wird (47.). Manuel Schäffler marschiert billig durch zwei Regensburger und bleibt am dritten hängen, schwache Ecke (48.).

Riesenchance für George: Präzisionspass von Thommy auf der linken Seite, George völlig frei am Fünfer, streichelt den Ball zum Keeper zurück – Höchststrafe für den SSV Jahn: Im Gegenzug schafft Wehen mit der zweiten Ecke den Ausgleich. Drei Regensburger bewundern festgezurrt am Boden den hochgestiegenen Niklas Dams, der mit dem Hinterkopf zum 1:1 einköpft (56.) – man könnte auch gleich die alte Regel auspacken: drei Ecken ein Elfer, das trifft in etwa die Gegentor-Wahrscheinlichkeit bei Standards.

Ungeordnet, unfertig, ungewollt

Auf der Gegenseite Thommys Freistoß halblinks vor dem 16er-Eck, flache Hereingabe, Knoll drischt vom Punkt aus frei drüber (58.). Ein seltsames Spiel ist das jetzt, beide Mannschaften hängen so ein bisschen in der Luft, alles wirkt ungeordnet, unfertig, ungewollt (65.). Dafür Chancen bei jeder Standardsituation: Selbst ein langer Einwurf mit angesagter Verlängerung reicht, dass die SSV-Defensive ins Schwimmen gerät: mit der Hacke drüber! Und Lorenz ist im nächsten Moment schon weit davon, passt aber dann auf die beiden dankbaren Regensburger Verteidiger (68.).

Nicht immer das probate Mittel: Heiko Herrlich nimmt ein zentrales Werkstück des Mittelfelds heraus und bringt Haris Hyseni für Kolja Pusch – der bekommt allerdings sofort den Ball im 16er, legt mit Übersicht auf Knoll ab, der die Kugel erneut aus 11 Metern diesmal dem Keeper in die Arme drückt (69.).

Elfer-Geschenk Nummer 1

Der nächste Freistoß für Thommy, diesmal vom rechten Strafraumeck: Thommy legt auf Hofrath ab, der drischt die Kugel in die Mitte, zu scharf für Grüttner, von dessen Birne der Ball in die Lüfte springt (72.). Der Schiri meint’s gut mit dem Jahn: Erst lässt er ein klares Foul von Nachreiner kurz vorm 16er weiterlaufen, dann übersieht er Hysenis Ellenbogen im Gesicht eines Weheners – nach einem eher regelkonformen Einstiegen sieht Hyseni dafür Gelb (76.). Fehlpassfestival auch zu Beginn der letzten Viertelstunde: Nachreiner mit dem Murks im Aufbau, holt sich die Kugel aber mit Nachdruck zurück –schon ist sie wieder weg (78.). Hoffen auf die Standards: Wieder mal Thommy von links mit dem Freistoß auf Grüttner, klasse Parade, aber der Schiri entscheidet auf Abseits (80.).

Die letzten zehn Minuten versucht’s der SSV mit Uwe Hesse für George und nachdem Wehen den Ball dreimal in Folge nicht wegbringt, hat Sascha Mockenhaupt nur kurz Glück, dass der Schiri beim Einfädeln im Strafraum weiterlaufen lässt – dann Beratung mit dem Assistenten und doch noch der Elfer, Ausgerechnet Juwel Thommy scheitert am Keeper mit einem gar nicht so unplatzierten Schuss in den linken Winkel. Und es geht kurios weiter: Der Ball zappelt nach der Ecke im Wiesbadener Netz, aber der Schiri hat sie noch nicht freigegeben (84.).

Elfer-Geschenk Nummer 2

Nachreiner mit Wahnsinnsfehlpass im Aufbau, der aber sofort wieder abgeschenkt wird (87.). Hyseni informiert durch Körpersprache den Schiri vorab von seinem Stürmerfoul – Raffinesse geht anders (89.). Uwe Hesse schießt die 10 an der Hand an, natürlich kein Elfer. Aber nachdem Hyseni zweimal aus acht Metern nicht einnetzen kann, Hesse den Ball nochmal in die Mitte bringt und Hyseni ohne Not an der Grundlinie zu Fall gebracht wird, zeigt der Schiri wieder auf den Punkt. Marc Lais schafft es bei seiner Elfer-Premiere, genau die gleiche Ecke zu wählen und Kolke auch dieses Präsent zu überreichen.

Jetzt also bekommt der SSV Jahn (4./54 Punkte) tatsächlich das vorgezogene Endspiel um die relevanten Plätze 2, 3 und 4 der Dritten Liga am kommenden Samstag, 14 Uhr, gegen Holstein Kiel (2./55) – voraussichtlich vor einer deutlich beeindruckenderen Kulisse als die mageren 2000 Zuschauer in der hessischen Landeshauptstadt. Zeitgleich könnte Magdeburg (3./55) in Halle als lachender Dritter aus dem Rennen gehen.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.