13.05.2017 - 18:10 Uhr
RegensburgSport

Regensburg verschenkt 2:0 gegen Chemnitzer FC und gewinnt trotzdem SSV Jahn braucht das Drama

Theatralischer kann man so ein Herzschlaghalbfinale nicht gestalten: Da führt der SSV Jahn über 80 Minuten souverän mit 2:0 – zwischenzeitlich liegt Magdeburg in Aalen mit 1:2 zurück, Regensburg könnte mit Drei-Punkte-Vorsprung zum Saisonfinale nach Münster reisen, ein Punkt würde reichen für den Relegationsplatz. Aber dann legt die Jahn-Abwehr ein kollektives Schläfchen ein, kassiert innerhalb von zwei Minuten (83./85.) den Ausgleich. Das war’s dann wohl, den 12.113 Zuschauern rutscht das Herz in die Hose. Von wegen: Marc Lais stochert das launische Spielgerät in der 90. Minute ins Netz, 3:2, Happy End – Regensburg fährt als Dritter nach Münster.

Der Dosenöffner für Platz 3: Jubel nach Bene Sallers 1:0. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Er ist der der Spieler der Saison: Erik Thommy, der Edeltechniker aus Augsburg, dessen Abgang zurück zu den Schwaben immer näher rückt. Mit seinen unwiderstehlichen Solos ist er das Alleinstellungsmerkmal des Aufsteigers.

Seine Assists und einige Traumtore haben die Oberpfälzer ganz nah an die Zweite Bundesliga heranrücken lassen. Der Durchmarsch ist möglich, und Erik Thommy hat daran einen gewaltigen Anteil. So sehen es auch die Zuschauer und wählen das Supertalent zum Jahni oft the Year.

Der Trainer nicht nur des Jahres

Die Lücken werden weniger im Jahn-Stadion – wenn der SSV so weiterspielt, gibt’s bald keine Plätze mehr. Es muss zwar nicht immer ein Psycho-Thriller dieser Güte sein, der die Nerven bis zum Zerreißen in Anspruch nimmt. Aber was Regensburg zwischendurch fußballerisch so abliefert ist auch aller Ehren wert: Was waren das für bittere Momente, als die Oberpfälzer vor zwei Jahren den Gang in die Regionalliga Bayern antreten mussten – pünktlich zum Einzug in die neue Arena: Sportchef Christian Keller stand vor dem Aus, setzte mit letzter Autorität Abstiegstrainer Christian Brand durch.

Und dann das: Trainerwechsel in der Regionalliga als Tabellenführer. Heiko Herrlich übernimmt – und formt aus der Looser-Mannschaft von 2014 das giftigste Scheißhausfliegen-Kollektiv der Dritten Liga, schafft einen Tag vor dem Saisonfinale die direkte Qualifikation für die DFB-Pokal-Hauptrunde. Seit Weinzierls eingeschworenen 11 Freunden, die den KSC in die Dritte Liga kickten, hatte Regensburg keine Mannschaft mehr, die so zusammen fightet. Die zwar noch immer haarsträubende Fehler fabriziert (50 Gegentore!), aber eben auch kein Spiel verloren gibt (61 Tore, Spitzenwert der Liga). Schon heute steht fest: Mit diesem Trainer hat Christian Keller seine Lehrjahre als Sportchef mit einem Meisterstück abgeschlossen.

Köhler: „Traurig für die Jungs“

CFC-Coach Sven Köhler sah in der ersten Halbzeit einen gegnerischen SSV Jahn, „der mit sehr viel Laufbereitschaft, sehr viel Biss verdient in Führung gegangen ist.“ In der zweiten Halbzeit sei sein Team besser ins Spiel gekommen, hatte „dann auch zwei Chancen, vielleicht eher mal ein Tor zu machen“. Dann aber das 2:0, das der Torwart aus Sicht Köhlers halten hätte müssen.
„Es ist schon eine sehr ordentliche Moral, wenn die Mannschaft dann zurückkommt, das 2:2 macht – und dann ist es schon ärgerlich für uns und dann bin ich auch traurig für die Jungs, die sehr viel in die zweite Halbzeit investiert haben, und am Ende es eben nicht geschafft haben, dieses 2:2 über die Zeit zu bringen.“ Nichtsdestotrotz: „Sie stehen verdient, wenn man dann auch solche Spiele gewinnt, da, wo sie stehen.“

Herrlich: „Für mich nervlich sehr anstrengend“

„Für die Zuschauer war es ein schönes Spiel heute“, schnauft Jahn-Teamchef Heiko Herrlich tief durch, „für mich war’s nervlich sehr anstrengend.“ Heute seien die Seinen mal die Glücklichen am Ende – anders als in Lotte oder Köln, wo man ein Spiel nach 2:0 noch abgeschenkt habe. „Ausgleichende Gerechtigkeit“, sei das wohl, „auch wenn ich denke, dass wir heute insgesamt das Spiel verdient gewonnen haben.“ Bis auf die Anfangsphase habe man das Spiel kontrolliert, sei folgerichtig in Führung gegangen. Heikos berühmter Chancenzettel zeigt ein Verhältnis von 3:1 an.

„In der Anfangsphase der zweiten Halbzeit hätten wir den Sack schon viel früher zu machen müssen“, findet Herrlich. „Dann ist Chemnitz stärker aufgekommen Mitte der zweiten Halbzeit, wir konnten vorne nicht mehr so gut attackieren, sind dann nicht mehr in die Zweikämpfe gekommen.“ Genau in der Phase habe Kolja Pusch den Sack vermeintlich zugemacht: „Und dann waren die zwei Gegentore, die das Spiel eigentlich auf den Kopf gestellt haben.“ Trotzdem, die Hoffnung stirbt zuletzt: „Die Mannschaft hat es in diesem Jahr sieben Mal geschafft, einen Rückstand noch umzubiegen.“

In die leere Gasse

Es gab nicht viel zu ändern an Regensburgs Dream-Team vom 4:1 in Erfurt – Herrlich muss den Gelb-gesperrten Wastl Nachreiner mit Markus Palionis ersetzen und Marvin Knoll rückt für Ali Odabas zurück in die Innenverteidigung. CFC-Coach Sven Köhler hatte nach dem 0:3 gegen Münster mehr Veränderungsbedarf: Er schickt Florian Hansch für Frahn in die Offensive und Stefano Cincotta für Mbende in die Defensive.

Da war die erste Lücke, leider nicht sauber zu Ende gespielt, Reinhard klärt vor Thommy – und Grüttners Schuss aus 25 Metern ziemlich überflüssig (4.). Riesenchance für Chemnitz: Erst mutige Entscheidung, Dennis Grote allein zu lassen, der flankt scheinbar in die leere Gasse, doch da stehen noch zwei Giftgrüne an der Grundlinie, Glück für den SSV, dass die nicht schneller schalten (5.).

Kunststückchen an der Grundlinie

Gar kein übler Pass von George von rechts, Grüttner bekommt die Birne hin, drüber (7.). Das nächste ganz große Ding läuft über links aufs Sachsen-Tor, Thommy serviert für Marc Lais, knapp vorbei aus 7 Metern (8.). Erste umstrittene Situation: Thommy nicht im Abseits, wird im Strafraum gezupft und gezogen, legt sich hin, Schiri Timo Gerach wedelt beidhändig „weiter“.

Da lassen sie Florian Hansch in aller Ruhe laufen und Knoll kann ihn nicht am Abschluss hindern – schwach flach auf Pentke (12.). Marcel Hofrath ackert über rechts, holt einen Einwurf, will das Spiel schnell machen, wird ohne Ball gesperrt, das Spiel läuft weiter (17.). Erik Thommy mit Kunststückchen an der Grundlinie, leider wird der finale Pass abgefangen (21.). Flanke von Thommy über links, Grüttner kurz vorm Fünfer mit dem Kopf drüber (24.).

Saller behält die Nerven

Jann George hatte sich schon im Training leicht verletzt – jetzt bleibt er ein paar Minuten liegen, läuft danach unrund. Den weiten Ball von links kann er nicht stoppen (30.). Wenn’s heute einer macht, dann Thommy, Solo über links bis in den 16er, dann links knapp flach vorbei (31.). Aber nein, wer nicht hören will … Hofrath lässt links vier Grüne stehen, Thommy mit dem perfekten den Ball auf Saller, der allein vor Keeper Kevin Kunz die Nerven behält, 1:0 (33.).
Jann George über rechts, wieder Grüttner mit dem Quadratschädel, abermals zu hoch (36.). Hofrath heute hochmotiviert, quert das Feld, der Pass in die Spitze knapp abgefangen, den zweiten Ball schlenzt er dann aus 20 Metern vorbei (40.). Bissig wie eine französische Bulldogge beißt er sich am Verteidiger fest, erzwingt den Einwurf (42.). Geipl holt sich den Ball nicht ganz fair, tanzt vorm 16er vier Grüne aus und bekommt den Freistoß 18 Meter fast zentral: Pusch doch klar übers Kreuz (45.).

Chemnitz feiert Pentke

„Philipp Pentke, Philipp Pentke, Philipp Pentke“, bekommt der Jahn-Keeper nach der Pause Rückendeckung von den Chemnitzer Fans in seinem Rücken – eine besonders charmante Ablenkungstaktik? Die zweite Hälfte beginnt mit einem Spurt von Jann George über rechts und zwei Himmelschüssen von Pusch und Thommy (47.). Pentke muss mit dem Kopf klären, der Ball noch nicht ganz entschärft, Freistoß Chemnitz halbrechts – ohne Feindberührung ins Aus (48.).

Schiri Gerach hilft Palionis beim Aufstehen – er sollte besser die vielen Nickligkeiten mal unterbinden (50.). Das wär’s gewesen: Freistoß aus dem rechten Halbfeld, Palionis mit der Birne dran, Pfosten (52.). Nächste Großchance nach Ballgewinn, George setzt sich rechts durch, schickt Grüttner, der holt die nächste Ecke. Thommy nach kurzer Ecke an der Grundlinie wie Benzema, nur leider hebt er den Ball in Keepers Hände (53.). Thommy holt sich die Kugel unwiderstehlich, läuft allein auf Kunz zu – und schießt ihn an (55.).

Abwehrschläfchen, Teil 1

Thommy setzt sich schön rechts durch und spielt Lais brillant frei, Kunz einen Schritt vor ihm am Ball (63.). Riesenchance nach der zweiten Ecke: Erst Knoll dann Palionis frei am Fünfer drüber (65.). Und dann rettet Pentke die knappe Führung, weil plötzlich Baumgart hinter der schläfrigen Jahn-Abwehr auftaucht. Zweite Großchance in einer Minute: Rückgabe im 16er, Jopek kann sich vom Punkt die Ecke aussuchen, Ecke (70.).

Man will da Pusch schon an die Gurgel, weil er den völlig freien Thommy im 16er nicht anspielt und stattdessen aus 18 Metern abzieht – aber dann boxt sich Kunz die Kugel ins Dreieck, 2:0 (75.). Konter über Grüttner, weiter auf Thommy, der blickt sich um, sieht Hofrath, schickt ihn links, Lupfer übers Kreuz (77.). Kolja Pusch wird gebührend verabschiedet, für ihn nimmt Haris Hyseni den 30. Anlauf aufs zweite Saisontor – und er ist gleich zur Stelle, aber Kunz stibitzt das Ding vom Stürmerkopf (80.).

Abwehr-Alptraum

Da konnte man von ganz hinten mitverfolgen, wie sich der Jahn das 2:1 einschenken lässt: Sechs Rot-Weiße laufen mit zurück und alle, wirklich alle 12 Augen sind auf den Ball fokussiert und kein einziger Seitenblick aus dem Augenwinkel auf Danny Breitfelder, der allein in der Mitte erst Pentke anschießt und dann per Kopf einlocht (83.). Und wenn man sich schon blöd anstellt, dann bitte richtig: Wieder Ballverlust in der Vorwärtsbewegung, Tom Baumgart läuft allein auf Pentke zu und hebt die Kugel zum 2:2 über den Keeper (85.).

Uwe Hesse als letzte Hoffnung für den SSV? Er kommt für Jann George – erkämpft sich den Ball im 16er. Grüttner mit dem Abschluss, knapp vorbei (86.). Der Jahn muss jetzt mit der Brechstange ran, Hofrath wirft sich links außen in den Ball, Freistoß, irgendwie in die Mitte, Chaos im Strafraum, zum Schluss ist Lais dran, 3:2 (90.).

90 Minuten der Wahrheit in Münster

Thommy hält den Ball jetzt klug ganz lange im Spiel, setzt Hyseni in Szene, Emmanuel Mbende nochmal mit Rumpelfußball, Freistoß aus 18 Metern – jeder wartet auf den nächsten Thommy-Geniestreich, doch der legt clever quer, nimmt wieder Zeit von der Uhr. Der letzte Freistoß für Chemnitz, der letzte Herzsacker: Mbende noch mal mit dem Kopf nach innen – und als Thommy zum finalen Konter anläuft der Schlusspfiff: Jahn Regensburg jetzt am Relegationsplatz!

Am kommenden Samstag, 13.30 Uhr, in Münster also die eineinhalb Stunden der Wahrheit: Aller Voraussicht nach braucht der SSV Jahn mit zwei Punkten Vorsprung auf den Vierten bei den zurzeit so starken Preußen aus Münster einen Auswärtssieg – falls Magdeburg nicht zu Hause gegen Lotte die Aufstiegschance abschenkt.

Über Beppos Straßenrand hinaus

Wie eng Zweite und Dritte Liga beisammen liegen, lässt sich an den Gedankenspielen in den letzten Minuten ablesen: „Beim Stand von 2:2 habe ich wissen wollen, wie’s auf den anderen Plätzen steht“, blickt Jahn-Stratege Herrlich ausnahmsweise über Beppos Straßenrand hinaus, „weil du überlegst dir dann eine Strategie, das Spiel noch zu gewinnen.“ Eine Idee: Markus Palionis vorne mit reinzustellen und durch einen Größenvorteil mit drei Stürmern mit Haris Hyseni, Grüttner und Palionis noch einmal alles zu versuchen.

„Aber dann war meine Überlegung, wenn’s beim anderen Spiel unentschieden steht, nicht volles Risiko zu gehen, weil, wenn du dann komplett aufgemacht und das Spiel verloren hättest, wäre es auch blöd gewesen.“ Kein Grund abzuheben, warnt Herrlich. „Jetzt sind wir Dritter, den Platz wollen wir nächste Woche verteidigen.“ Er denke, man brauche wohl einen Sieg in Münster. „Jetzt müssen wir uns gut vorbereiten.“

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