23.10.2016 - 17:43 Uhr
RegensburgSport

Regensburger Herbstdepression nach 0:2 bei Ex-Schlusslicht Mainz II SSV Jahns Flop-Spiele-Gönner

Wer noch keine Herbstdepression hatte, konnte sich den Sonntag in Mainz trefflich vermiesen lassen: Rund 100 Regensburger unter den knapp 800 Zuschauern sahen ein überflüssiges 0:2 des SSV Jahn gegen ein Ex-Schlusslicht, das die wenigen Chancen im Gegensatz zu den Gästen nutzte. Der Jahn kann wohl wirklich nur Top-Spiele – bei Flop-Spielen gefällt er sich als Gönner der Kellerkinder.

Roundabout 100 enttäuschte Regensburger haben eine lange Rückfahrt vor sich.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Wie Recht Heiko Herrlich doch immer wieder behält: Immer dann, wenn er auf die Lobbremse tritt, wie nach der starken, wenngleich ertraglosen Leistung gegen Spitzenreiter Duisburg, ist Gefahr im Verzug. Die historische Parallele: Auch nach dem Pokal-Aus im Elfmeterschießen gegen den Bundesliga-Zweiten Hertha BSC rechnete keiner ernsthaft mit einer Klatsche in Zwickau. Am Ende stand bei den Sachsen ein 0:4 auf der Anzeigentafel über den Köpfen begossener Jahn-Pudel.

Und statt heute „weiter an der Wurst zu riechen“, wie der Jahn-Trainer das Schnuppern an den vorderen Plätzen als Ziel ausgab, dürfen die Oberpfälzer jetzt wieder schauen, dass es ihnen hinten nicht nass reingeht. Es reicht einfach nicht, gegen ein Team, das mit 6 Pünktchen (-14 Tore!) Abstiegskampf ankündigt, ein schönes Ballbesitzspielchen aufzuziehen, reihenweise Standards zu verballern, ein paar Hochkaräter für bessere Zeiten aufzusparen und mal zu gucken, ob die denn auch das Tor treffen – so geschehen beim unbedrängten Abschluss von Benjamin Trümner.

Herrlich: „Chancenverhältnis von 5:1“

„Wenn man 0:2 verliert“, sagt SSV-Coach Heiko Herrlich, „hat man normalerweise wenig Argumente in der Hand.“ In der ersten Halbzeit habe er dennoch ein Chancenverhältnis von 5:1 für seine Mannschaft auf seinem Zettel notiert – davon zwei kritische Elfmeter-Situationen, „die man vielleicht hätte geben können“. Es fehle die Kaltschnäuzigkeit vorm Gehäuse. „Man muss halt mal gucken, dass man auch das Tor trifft“, lacht er bitter, „ich glaube in der ersten Halbzeit hat der Torwart nicht einen Ball halten müssen.“ Mit der zweiten Chance der Mainzer sei man dann in Rückstand geraten.

„Wir haben uns vorgenommen, nach der Halbzeit nochmal Gas zu geben, haben es dann aber nicht mehr geschafft, uns was Nennenswertes herauszuspielen.“ Zum Schluss habe man aufgemacht, Mainz hätte bei Konterchancen endgültig den Sack zumachen können. Vergangene Woche habe man gegen den Spitzenreiter mit zwei Slapstick-Toren verloren: „Heute wieder genauso, wir haben den Moment verpasst, das Spiel in unsere Richtung zu drehen.“ An der Einstellung habe es nicht gelegen, es fehle einfach die Effizienz. „Die Spieler sind sehr enttäuscht, die sitzen in der Kabine.“

Schwarz: „In der Box sehr, sehr gut verteidigt“

„Zu Beginn mussten wir sehr sehr leidenschaftlich verteidigen“, sagt FSV-Trainer Sandro Schwarz, „und in der Tat war es in der ersten Halbzeit so, dass Regensburg mit einer sehr sehr guten Selbstverständlichkeit Fußball gespielt hat, und wir über kompakte Abstände reinkommen mussten, und die Dinge in der Box weitestgehend sehr sehr gut verteidigt haben.“ Dennoch habe man einige gute Chancen zugelassen, aber nach einer guten Umschaltaktion eben auch das Tor gemacht.

„Die zweite Halbzeit mit der Elfmetersituation – ich weiß jetzt nicht, ob’s ein Elfmeter war – haben wir natürlich komplett den Spielverlauf gehabt mit dem 2:0.“ Man hätte den Deckel früher draufmachen können. „So mussten wir bis zum Schluss hellwach bleiben, mussten viele seitliche Freistöße verteidigen, das haben die Jungs sehr, sehr gut verteidigt.“

Bemühen um Dominanz

Regensburg läuft in der Duisburger Besetzung in der Rheinlandpfälzer Hauptstadt auf. Mainz 05 ohne wesentliche Unterstützung aus der Ersten: Besa Alimi fehlt Rot-gesperrt, Maximilian Beister, früher HSV, wurde erst in die Zweite zurückversetzt und wechselte dann nach Australien. Optisch sieht es danach aus, als ob der SSV Jahn in Nachtblau von Beginn an Dominanz ausüben möchte. Dennoch gelingt den Gastgebern der erste Abschluss aus 20 Metern, den Philipp Pentke freilich mit dem Fernglas beobachten kann (3.).

Erste Jahn-Chance: Nervöser Querschläger des bedrängten FSV-Keepers Florian Müller, Jann George gibt in die Mitte, Kolja Pusch verpasst knapp (8.). Erik Thommy marschiert in den Strafraum, der Pass zu Andi Geipl misslingt, aber Marcel Hofrath kommt nochmal zur Flanke auf Grüttner – zur Ecke geblockt (12.). Thommy versucht das Spiel schnell zu machen, ein Mainzer lässt das Bein stehen – Freistoß aus 25 Metern, Thommy himself, der Aufsetzer klatscht an den Außenpfosten, der Keeper bleibt wie angewurzelt stehen (17.).

05: Pressen und dichtmachen

Die Strategie der Mainzer in der ersten Viertelstunde: pressen und hinten dicht stehen. Allerdings spielen bei den Weißen die Nerven immer wieder einen Streich: Kapitän Maximilian Rossmann haut ein Luftloch, Pusch taucht frei vorm Keeper auf, lupft aber lässig deutlich drüber (19.). Der nächste Standard für den SSV, nachdem Müller George den Boden entzieht – schwache Flanke von Pusch, der Ball verhuscht (22.).

Macht es Mainz besser, nachdem Benjamin Trümner gut 20 Meter vor dem Jahn-Gehäuse unnötig gefoult wird? Devante Parker, der Bruder von 05-Profi Shawn, versucht’s direkt mit einem Pfund, Pentke ist mit den Fäusten dran, erste Ecke für Weiß (25.). Auf der anderen Seite die nächste Pusch-Ecke, kurz auf Thommy, zurück zu Pusch – wieder futsch (28.). Nach einer halben Stunde das Zwischenfazit: noch kein Allesgeber-Spiel hier beim Letzten.

Müde Jahn-Abwehr bewundert Mainzer 1:0

So hat sich das Heiko Herrlich ganz bestimmt nicht vorgestellt: Viel zu einfach geht das, ein Treffer über drei Stationen, Keeper Müller schlägt weit auf Aaron Seydel ab, der bedient Benjamin Trümner – und die 17 darf unbedrängt aus gut 20 Metern abziehen, platziert ins Eck, keine Chance für Pentke, 1:0 (33.). „Steht auf, wenn ihr Mainzer seid“, singt ein gutes Dutzend Mainzelmännchen die Torjubel-Arie aus den Lautsprechern mit. Im direkten Gegenzug kann, darf, muss der Jahn schon den Ausgleich eintüten: George mit starkem Antritt, Hereingabe auf Lais, der vom Fünfer knapp daneben spitzelt (35.).

Hofrath setzt sich durch, ist schon im Strafraum, spielt auf Lais, der fällt zu leicht, kein Elfer. Stattdessen der Konter über Parker, Geipel zu pomadig, der Schuss aber deutlich vorbei (43.). Dem Jahn fällt wenig Konstruktives ein, stattdessen muss die Abwehr bei den Mainzer Nadelstichen aufpassen – Sekunden vor der Halbzeit gerade noch im Strafraum geklärt. Das muss deutlich besser werden, Hoffnung auf eine passende Kabinenpredigt.

Elfer-Geschenk für Mainz

Der Wille ist da, Regensburg wirkt aggressiv, Flanke auf Erik Thommy, Aufsetzer aus elf Metern nur knapp neben den rechten Pfosten (47.). Zwickau lässt grüßen: Der Jahn besiegt sich bei den Schlusslichtern selbst – Sven Kopp verursacht mit dem langen Bein den Strafstoß fast an der Grundlinie und zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Devante Parker knallhart ins linke Eck, 2:0 (53.). Ob man ihn geben muss? Im Vergleich mit dem Lais-Fall von vorhin eher ja.

Der Jahn braucht sich jedenfalls nicht zu beschweren: Wenn man mit zehn Freistößen nichts Produktives zustande bringt, kann man auch beim Letzten nicht gewinnen, Seydel klärt per Kopf. Klar, dass Herrlich jetzt volles Risiko gehen muss. Alex Nandzik kommt für Hofrath und Markus Ziereis für Kopp (61.). Freistoß Nummer 11 aus über 25 Metern: Pusch zielt drüber (64.).

Zu ungenau, zu halbherzig

Mainz verteidigt die Führung mit vielen Nickligkeiten: Tim Müller legt Lais kurz vor der Mittellinie, Schiri Felix-Benjamin Schwermer (Magdeburg) zieht Gelb. Nandzik führt sich gut ein, lässt ein Mainzer Quartett stehen, aber der Pass geht ins Leere (67.). Auch wenn Regensburg mehr für das Spiel tut, das Spiel wird dadurch noch lange nicht gut – zu ungenau, zu halbherzig, keine klaren Aktionen.

Thommy schießt den Schiedsrichter an, Grüttner schafft es im Strafraum nicht, das Ding unter Kontrolle zu bringen – Ecke Doppelpack, Hein mit dem Kopf in den Himmel (72.). Der Ex-Mainzer Bene Saller darf als letzter Joker für den Gelb-Meckerer Geipl versuchen, das Spiel noch zu drehen (73.) – Mainz kann seine drei Alternativen schön auf die verbleibende Zeit verteilen: Mounir Bouziane kommt für Heinz Mörschel (74.). Und Benjamin Trümner holt sich beim Abklatschen mit Nike Dige Zimling seinen Applaus fürs Führungstor ab (79.).

Schlussspurt im Schneckentempo

Dass Mainz viel Zeit hat, überrascht nicht. Jeder Körperkontakt führt zu Behandlungspausen – so kommt kein furioses Finale zustande. Flanke Nandzik, Grüttner bekommt keinen Druck hinter den Ball (82.). Freistoß nach Foul an George: Pusch ohne Zielwasser, alles alles alles harmlos (84.). Nandzik mit dem dritten Ball – zur Ecke geklärt (85.).

Enttäuschend, wie wenig die Regensburger gegen diesen limitierten Gegner zustande bringen. Den Kreativspielern fällt wenig ein, das Spiel zieht sich wie Kaugummi bis zum bitteren Ende, unappetitlich ist das aus Oberpfälzer Sicht. Schaulaufen für Devante Parker, der sich beim Wechsel von Patrick Schorr herzen lässt (92.).

Und das war’s dann auch schon: Lange 400 Kilometer Rückfahrt, auf denen sich Heiko Herrlich für den Tabellenelften eine Therapie für das kommende Heimspiel am Samstag, 14 Uhr, gegen den 1. FC Magdeburg (13./16 Punkte) einfallen lassen muss.

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