20.05.2017 - 17:53 Uhr
RegensburgSport

Regensburgs Elfer-Held Andi Geipl kann Relegation am besten Jahn macht’s in Münster mörderspannend

Eine Stunde lang scheint das 0:0 in Münster zu reichen, weil sich Magdeburg gegen Lotte schwertut. Dann der Jubel in Sachsen-Anhalt: 1:0 und 2:0 innerhalb weniger Minuten. Der FCM ist Dritter, der SSV muss liefern. Powerplay im Preußen-Strafraum, Keeper Drewes fischt alles raus. Dann der Pfiff in der 80.: Elfer für den Jahn, Andi Geipl cool in die Mitte, 0:1, der SSV hat die Nase vorne. 15 Minuten Zitterpartie, nach 95 Minuten ist Schluss, der Aufsteiger kann weiter aufsteigen!

Der Mann der Relegationsspiele: Wie gegen den VfL Wolfsburg II verwandelt Andi Geipl (8) den entscheidenden Elfer zum 1:0-Auswärtssieg. Bild: Sascha Janne
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ein Krimi, der die gesamte Saison widerspiegelt: Der SSV Jahn erspielt sich in Münster beste Chancen, lässt sie alle liegen. Zeigt Lücken in der Abwehr, eine Achterbahnfahrt für die Nerven der Fans. Dann bleibt Jann George verletzt liegen, muss früh gewechselt werden. Pentke rennt Nachreiner um – noch ein Ausfall in Hälfte 1? Immerhin, der Abwehrturm kann weitermachen.

Dennoch, wieder müssen die Oberpfälzer einen Nackenschlag hinnehmen. Uwe Hesse, weniger wendig als George, tut sich schwer, auf der rechten Seite Sturmwirbel zu entfachen. Wieder muss der Jahn in einem entscheidenden Spiel einen Schlüsselspieler ersetzen – wie über weite Strecken der Saison.

Lebensversicherung Penkte

Spielerisch überzeugt Rot-Weiß bei den Westfalen, Tikitaka im Mittelfeld, ab und an sogar noch im Strafraum. Aber es reichen einfachste Mittel, um die Oberpfälzer Abwehr ins Schwimmen zu bringen, weite Bälle, Flanke, Loch – aber da steht dann Keeperkapitän Philipp Pentke immer richtig, reißt die Fäuste hoch, klemmt die Beine zusammen, kommt dreimal weit raus, macht den Neuer. Zum Schluss steht ein absolut verdienter 1:0-Sieg für die Regensburger auf der Anzeigentafel, allen Gesängen der Münsteraner zum Trotz: „Ohne Schiri, habt ihr keine Chance“. Denn Bundesliga Schiedsrichter Sascha Stegemann (Niederkassel) entscheidet alle kritischen Situationen korrekt:

  • Klarer Handelfmeter: Stéphane Tritz wirft sich wie ein Handball-Torwart in den Schuss (80.).
  • Klares Abseits: Pechvogel Al-Hazaimeh steht bereits beim ersten Schuss, den Pentke exzellent pariert, im Abseits. Dann zählt natürlich auch der Nachschuss, der im Netz zappelt, nicht (89.).
  • Kein Elfer: Marvin Knolls ungeschickte Aktion, als er sich im Duett mit Pentke beim hohen Ball verschätzt, und mit rausgetrecktem Hinterteil den Stürmer am Schuss hindert, ist zu wenig, für den Konzessionselfer.

Kein Wellness für Regensburger Nerven

Vor allem aber: Allein Marco Grüttner hätte mit einem Abstauber aus fünf Metern (15.), einer artistischen Volleyabnahme an den Pfosten (41.) und einem Gerd-Müller-Drehschuss (47.) sein Doppelpack vom Hinspiel zumindest einstellen können. Kolja Pusch mit einem Strich über die Latte (12.), Marc Lais mit Pfostenschuss (15.) und Schlenzer aus elf Metern, Haris Hyseni aus fünf Metern (77.), Marcel Hofrath mit einem starken Aufsetzer (78.) und immer wieder Erik Thommy mit Tänzchen im Strafraum oder mit dem Kopfball, den Drewes über die Latte hebt (43.) – sie alle hätten den Nerven der 400 mitgereisten Regensburger frühzeitig ein Wellnessbad gönnen können.

Das soll nicht heißen, dass Münster den Regensburgern das Feld überlassen hätte – im Gegenteil, die Preußen spielten so giftig, als hätten sich die Magdeburger angeboten, die Zeche für den kollektiven Malle-Urlaub zu übernehmen. Keeper Drewes treibt Psychospielchen mit Geipl vorm Elfer, als hätten die Preußen selbst noch Chancen auf den Aufstieg. Münster setzt mit Tobias Rühle aus spitzem Winkel (5.) und mit einem Kopfball, den Pentke an die Latte lenkt, immer wieder Nadelstiche. Chef-Preuße Benno Möhlmann hat sich offenbar genau ausgeguckt, wo die Oberpfälzer ihre Schwachstellen haben – in der Rückwärtsbewegung verlieren die Rot-Weißen zu schnell die Übersicht, Kontern leicht gemacht.

Chancenzettel: 9:3 für Regensburg

Trotzdem, auf Herrlichs Chancenzettel dürfte zum Schluss ein Gesamtresultat von gut und gerne 9:3 für die Gäste stehen. Keine Frage, der Sieg geht mehr als in Ordnung, die Spannung hat Regensburg durch den fahrlässigen Umgang mit den eigenen Chancen selbst hochgehalten – und natürlich durch die zittrige Abwehrarbeit. Doch das sind nur unwesentliche Schönheitsfehler.

Was zählt, ist die Endabrechnung: Und da hat der SSV Jahn eben das kleine Fußballwunder vollbracht – der Aufsteiger erspielt sich trotz aller Widerstände, trotz einer unglaublichen Verletztenmisere, trotz des Wirbels um die Korruptionsaffäre phasenweise mit ästhetisch wertvollem Kombinationsfußball aus einem Guss verdient die Chance auf den möglichen Relegationsknaller gegen … 1860 München?

Herrlich: „Eckenverhältnis von 13:1“

„Ich freue mich natürlich riesig“, sagt Heiko Herrlich, „dass wir hier heute die Hürde Münster genommen haben – es war kein normales Spiel.“ In der ersten Halbzeit habe der Jahn-Trainer 3:3 Chancen registriert. „Ich denke, dass wir mehr fürs Spiel gemacht haben, hatten aber auch immer die Gefahr, weil Münster sehr stark war, dass wir eines fangen.“ In der zweiten Halbzeit habe seine Mannschaft aus dem Spiel heraus drei Großchancen gehabt, „wo wir eine machen müssen“.

Ein Spiegelbild der Saison: „Dass wir da nicht so effizient in den entscheidenden Situationen sind.“ Das Eckenverhältnis von 13:1 spreche Bände. „Es war kein normales Spiel, weil man sich normalerweise darauf einstellt, alles zu geben, und wenn es zu einem Punkt reicht, dann ist das so, weil es ein sehr respektabler Gegner ist.“ Heute habe man gewusst, wenn Magdeburg in der 88. Minute ein Tor mache, habe man keine Zeit mehr, das indirekte Duell für sich zu entscheiden. „Deshalb mussten wir immer mehr hinten aufmachen und hatten so natürlich viele Konterchancen zugelassen.“

Möhlmann: „13:2 war das Eckenverhältnis“

„Glückwunsch an Regensburg“, sagt Benno Möhlmann, „ich denke, Heiko, man hat schon gesehen, dass meine Mannschaft ein Stück weiter ist.“ Er sei mit der ersten Halbzeit nicht so unzufrieden gewesen. „Wir haben auch mit unserer Spielweise, die vielleicht nicht so sehr auf Ballbesitz beruht und nicht so viele gute Kombinationen drin hat, drei hochkarätige Chancen gehabt.“ In der zweiten Halbzeit habe man keine klaren Situationen mehr herausgespielt.

„Wir haben Glück gehabt und einen guten Torwart, dass wir nicht in Rückstand geraten sind – und haben letztlich das Spiel durch einen Elfmeter verloren.“ Die Spieler seien zum Schluss etwas sauer auf den Schiedsrichter gewesen, weil sie selbst noch gerne einen Elfmeter bekommen hätten. „Beide Situationen, wo der Hofmann angegangen wird, von meiner Position kann man’s nicht Hundertprozent sagen.“ Das einzige, wo sich Herrlich verzählt habe: „13:2 war das Eckenverhältnis.“

Möhlmann sei, auch wenn sein Team die beiden letzten Spiele gegen Paderborn und Regensburg – wie schon in der Hinrunde – nicht gewonnen habe, zufrieden: „Wir haben eine gute Rückrunde gespielt und durch eine erfolgreiche Heimbilanz viele Zuschauer zufriedengestellt.“ Der einstellige Tabellenplatz mache Mut.

Alles nur Sturmlauf, oder was?

Ist es nun eine heikle Mission oder eine ganz klare Kiste: Da bei einem Sieg alles klar ist, und jedes andere Ergebnis irrelevant wird, wenn Magdeburg zu Hause nicht wieder patzt, könnte Herrlich also von Beginn an zum Sturmlauf blasen, oder? Die auf einer Position veränderte Jahn-Elf – Wastl Nachreiner rückt für Markus Palionis in die Innenverteidigung – will nun aber auch nicht gerade mit Leichtsinn, einen Gegentreffer provozieren.

Der SSV wäre bei Führung Magdeburg doppelt in Zugzwang: Da mag es dann doch klüger sein, erst einmal geduldig mit kontrollierter Offensive den Führungstreffer anzupeilen und erst im Fall der Fälle alles auf eine Karte zu setzen. Auch Münster hat wenig Veränderungsbedarf: Passend zum Wonnemonat darf Sebastian Mai für Danilo Wiebe ran.

Nervöser Beginn

Eine gewisse Grundnervosität merkt man den Regensburgern schon an: Dummer Fehlpass Nachreiner, Adriano Grimaldi über links, Pass abgefangen – Marcel Hofrath startet durch, der erste Abschluss (3.). Nach dem suboptimalen Abschlussversuch von Kolja Pusch – Kiel lässt grüßen – der Tempogegenstoß, Rühle ist über rechts auf und davon, läuft in den Strafraum, knapp drüber (5.).
Missverständnis im Mittelfeld, George läuft nicht mit, der Ball geht ins Leere. Gleich danach bekommt Regensburgs 9 den zurückeroberten Ball, dreht sich aber so langsam, dass man ihm die Kugel vom Schlappen nehmen kann (10.). Das ist mal eine gute Aktion von Pusch: Zwei lässt er stehen, Schuss vom 16er, Drewes dran, Ecke – Kopfballverlängerung auf Nachreiner, runtergepflückt (12.).

Der erste Pfosten

Bene Saller spielt Doppelpass mit George, zieht ab vom Elferpunkt an den Pfosten, Grüttner haut den Abpraller aus fünf Metern drüber (14.). Flanke von rechts, George beim Kopfball aus fünf Metern leicht geschoben, drüber (16.). Die nächste Chance, Grüttner mit dem Pass nach innen – aber ohne zu schauen. Thommy mit dem Solo, da ist noch ein Schädel dazwischen, Ecke (17.).

Diese Standards: Thomys Ecke in den Rückraum mündet in den Konter, Rühle köpft völlig frei, Pentke boxt den Kopfball an die Latte, Ecke (19.) – der Kopfball geht einen Meter daneben. George wird rechts weggekickt, bleibt verletzt liegen (20.) – und muss wenig später raus. Uwe Hesse steht bereit. Thommy zur Abwechslung zu eigensinnig, sein Schuss aus 16 Metern drüber, Pusch beschwert sich – ausgerechnet.

Penkte überrennt Nachreiner

Was soll das jetzt? Pentke rennt Nachreiner um, Absprache tut Not, Wastl bleibt erst mal liegen – nicht das auch noch (27.). Andi Geipl macht an der Strafraumgrenze den Hampelmann, gefährliche Freistoßposition – der zweite Ball wieder auf Unruheherd Rühle, Hofrath rutscht weg, freie Bahn aus acht Metern, Pentke kneift die Beine zusammen, Glück für den Jahn (31.). Der Jahn ist seit dem Wechsel durch den Wind. Immerhin Ecke: erst kurz und dann viel zu lang (35.).
Thommy von Rühle 25 Meter vor dem Tor gelegt – Freistoß in die Mauer, du gute Güte (37.)! Pentke macht zum dritten Mal den Neuer, diesmal mit Köpfchen zum Einwurf (39.). Pusch mit dem ganz langen Ball auf Grüttner, Direktabnahme aus spitzem Winkel, Pfosten (41.). Thommy tanzt durch den Strafraum via Grundlinie, Flanke auf Lais, der ballert den Aufsetzer aus fünf Metern drüber (42.). Hofrath über links, Flanke auf Grüttner, die nächste Ecke: Warum kommt keine auf einen Jahn-Kopf? Und noch eine: Pusch zieht die Kugel vom Tor weg, Nachreiner an der Strafraumkante in den Himmel (47.).

Tikitaka im Strafraum

Klasse Seitenwechsel, der Ball auf Grüttner am Elfer, der dreht sich wie Gerd Müller, schließt aber ab mit Kuller (47.). Bis zum 16er spielen sie’s spanisch, aber dann verheddert sich Thommy beim Queren des Strafraums, Saller verballert den zweiten Ball. Dann die ganz große Möglichkeit von Lais, der sich die Ecke aussuchen kann, der Keeper wischt das Leder zur Ecke (51.). Flanke Lais, Kopfball Thommy, Drewes dreht die Kugel über die Latte (56.).
So, jetzt führt Magdeburg – was hat der Jahn jetzt noch im Köcher? Herrlich muss mehr Risiko gehen, bringt André Luge für Pusch und natürlich kommt auch Hyseni wieder zum nächsten Anlauf aufs zweite Saisontor (72.) – für Lais. Riskante Entscheidung, wer soll da bitte die Bälle verteilen? Flanke Hofrath, Drewes entschärft das Ding. Dann Lais aus der zweiten Reihe, Ecke, ganz schwach (74.). Tikitaka im Strafraum, dann ist der Ball weg.

Geipl lässt sich nicht foppen

Mega-Doppelchance: Hyseni geht spitz rechts in den Strafraum, zieht vom Fünfer ab, Drewes rettet mit Fußabwehr, Hofrath reagiert am schnellsten, der Aufsetzer Richtung linker Winkel, wieder Drewes (78.). Voilà, dann hilft Münster doch noch mit: Tritz macht den Handballtorwart im Strafraum, klar, das gibt den Elfer: Keeper Drewes markiert den Störer, Geipl lässt sich nicht foppen, legt die Kugel neben Hampelmann Drewes flach in die Mitte, 0:1 (83.).

Jetzt ja nur nicht hinten reinstellen! Aber was sagt man dazu: Natürlich verfallen die Rot-Weißen wieder in alte Muster. Statt ruhig auf Ballbesitz zu setzen, generiert der SSV ein Abwehrchaos, verschätzt sich bei hohen Flanken, drischt die Bälle blind weg. Al-Hazaimeh steht hinter der Abwehrreihe, zieht ab, Fußabwehr Pentke, der Nachschuss ins Netz – Abseits (87.). Knoll kommt beim Kopfballversuch neben Pentke nicht zum Zug, verstellt dann im Strafraum dem Münsteraner den Weg mit dem Hinterteil (88.) – die Preußen außer sich, fordern vergeblich den Elfer.

Relegation: Am Freitag um 18 Uhr gegen ???

Fünf lange Minuten lässt Schiri Stegemann nachspielen, gefühlte zehn lange Pässe Richtung Jahn-Tor – da fehlt jetzt die ordnende Hand, der ruhige Fuß. Die zweite Münsteraner Ecke im ganzen Spiel, der Ball segelt durch den Strafraum, Herzen machen Aussetzer, dann schnappt sich Luge die Kugel, setzt zum Sprint an, wird vom Pfiff erlöst – Aus, der SSV Jahn erobert bei den Preußen Platz 3, fügt Münster die erste Heimniederlage der Rückrunde zu.

Ganz großes Kompliment: „Trotz fünf Minuten Nachspielzeit gegen einen Gegner, der gekämpft hat, als würde es selbst bei ihm um die Meisterschaft gehen“, bilanziert Jahn-Trainer Heiko Herrlich, „und die Spieler haben sich auch nach Spielende nicht beruhigt, weil sie da noch eine Situation mit dem Schiedsrichter etwas kritisch gesehen haben – deshalb finde ich es umso wertvoller, dass wir es heute geschafft haben.“

Am Sonntag entscheidet sich, gegen wen der SSV Jahn am Freitag, 18 Uhr, zum Hinspiel gegen den 16. der Zweiten Liga antritt: Im Topf tummeln sich noch Fortuna Düsseldorf, Erzgebirge Aue, der 1. FC Kaiserslautern und viel wahrscheinlicher – 1860 München oder Würzburger Kickers.

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