31.05.2017 - 03:52 Uhr
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SSV Jahn Regensburg: Bilanz eines jahnsinnigen Jahrhunderts Und jetzt einfach mal drin bleiben

Was die Löwen heute durchmachen, haben die Regensburger ohne Scheich schon oft in ihrem Jahn-Dasein durchlitten – seit 1889 fährt kaum eine deutsche Mannschaft so fleißig wie der SSV Jahn Regensburg im Fahrstuhl durch die Ligen der Republik. Wäre es da nicht Herrlich, wenn es Schluss, Heiko und Keller einmal eine Endstation Zweite Liga gäbe?

Der Jahnsinn schleicht durch die Nacht: Die Löwen hat der Jahn zum Drittligisten gemacht. Bild: Sascha Janne
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Es ist ein bisschen wie Fahrrad fahren. Als sich 2003 das Fernduell gegen Saarbrücken entschied fuhr ich durch den Böhmerwald – als der Aufstieg in Liga 2 feststand, riss fast die Kette. Am Sonntag, nachdem sich der SSV Jahn heuer die Relegation gesichert hatte, radelte ich durch den Oberpfälzer Wald – kurz vor Regensburg führte 1860 in Heidenheim mit 1:0. Bielefeld schien der nächste Gegner. Zurück zu Hause hatte München mit 1:2 verloren und dem SSV stand auf dem Papier eine fast unlösbare Aufgabe bevor: gegen die Multimillionen schweren Löwen gespickt mit Bundesliga-Know-how und Championsleague-Ehrgeiz.

„Magdeburg wäre ein ganz anderes Kaliber!“

Der Löwen-Scheich mag sich gründlich verzockt haben, als er Experten Gehör schenkte, die mehr von arabischen Vollblütlern als bayerischen Fußballprofis verstehen. Aber wie sollte die oft hypernervöse Regensburger Abwehr in einer Löwengrube mit über 60.000 Zuschauern bestehen gegen einen mutmaßlich zähnefletschenden Gegner, der mit aller Macht das Desaster verhindern will? Mölders, Aigner, Olic: Man wollte sich gar nicht ausmalen, wie Wastl Nachreiner & Co gegen so abgezockte Profis ins Schwimmen geraten, wenn schon das laue Lüftchen der Fortunen aus Köln reichte, um nach einer Spielunterbrechung zehn Minuten vor Schluss das Spiel von 0:2 auf 2:2 zu stellen?

Ähnlich mögen viele Löwen-Anhänger gedacht haben: „Gottseidank ist es Regensburg geworden“, freute sich ein Fan vor den beiden Spielen, „Magdeburg wäre ein ganz anderes Kaliber!“ Man möchte nicht wissen, wie die Löwen gegen die Sachsen-Anhaltiner abgeschnitten hätten. Allerdings hätte dem Mann auch der 2:1-Auswärtssieg der Oberpfälzer vor ein paar Wochen eben dort zu denken geben können – ein Grundstein für die Eroberung von Platz 3. Alle, die jetzt tönen, sie hätten schon immer gewusst, dass der direkte Wiederaufstieg von der Regionalliga ins deutsche Unterhaus möglich ist, seien daran erinnert: Der Weg war kein leichter.

Durchhänger und Schlappen

Es war ein krummer Pfad, den Heiko Herrlich zusammen mit seinem wichtigsten Berater – Straßenkehrer Beppo aus Momo – und den Spielern eingeschlagen hat. Es hat gedauert, bis der ruhige, aber im richtigen Moment auch gestrenge Herr Ex-Nationalstürmer seinen Jungs sämtliche Flausen ausgetrieben hatte. Wer erinnert sich noch an den Durchhänger in der Regionalliga, als Herrlich den Spielern sogar den Mannschaftsbus strich und sie mit Privatwagen nach Buchbach fahren ließ? Jedem sollte klar werden: Nichts ist selbstverständlich, jedes Privileg will erarbeitet sein.

Oder an das Donnerwetter nach der peinlichen Doppel-Pokalschlappe: Innerhalb einer Woche scheiterten die Regensburger nach bravuröser Leistung an Hertha BSC nach Elfmeterschießen und am Bezirksligisten Aiglsbach – in beiden Spielen verballerte Marcel Hofrath vom Punkt. Zugegeben, Herrlich hatte im August nicht die beste Mannschaft nach Niederbayern beordert – nicht aus Arroganz, sondern weil er wollte, dass die zweite Garde sich zu einer echten Konkurrenz für die Stammelf mausert. Pustekuchen.

Die Stunde der Abgehängten


Für Marcel Hofrath, Uwe Hesse, André Luge oder auch Haris Hyseni brachen schwere Zeiten an. Sie schienen abgehängt und aussortiert. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Hofrath und Hesse in den letzten Saisonspielen, als auch noch Alexander Nandzik und Oli Hein wegbrachen, mit ihrem mörderischen Einsatz und zum Teil überragenden Leistungen wichtige Garanten für den Aufstieg wurden – nicht nur, wegen Hofraths Flanke zum 2:0. Wer hätte in Aiglsbach geglaubt, dass man in einer Relegation zur Zweiten Liga darauf hoffen würde, dass Herrlich Hesse für den angeschlagenen George bringt?

Oder am anderen Ende der Nahrungskette: Als der SSV Jahn kurz vor der Winterpause in eine kleine Krise schlitterte – nach der 0:1 Heimniederlage am 17. Spieltag gegen Erfurt rutschte Regensburg auf Platz 15, drei Punkte über dem Strich – meldete sich Kolja Puschs Berater zu Wort, sein Schützling sehne sich nach höheren Weihen. Es mag sein, dass Herrlich den technisch versierten Wuppertaler mit Ausbildung in Leverkusen aufgrund einer Verletzung schonte – die Länge der Schonzeit dürfte gleichwohl ein Wink mit dem Torpfosten gewesen sein: erst die Mannschaft, dann das Ego.

Herrliches Teambuilding

Das formvollendete Ergebnis von Herrlichs Teambuilding konnte man auf den Punkt genau im Saisonfinish bewundern. Mit wenigen Ausnahmen – kleinen Aussetzern in der Rückwärtsbewegung – trat in beiden Relegationsspielen „La Jahn-Mannschaft“ aus einem Guss auf den Plan. Auch deshalb erlebten die Blauen ihr rot-weißes Wunder. Man möchte aus dieser Einheit keinen hochloben und auch keinen runtertadeln – auch nicht Jann George, der sich offensichtlich durch seine 70 Minuten quälte und bei seiner Auswechslung nicht maulte, sondern die Mitspieler nochmal anfeuerte.

  • Wir haben sie in unseren 45-Fan-und Reporterjahren alle erlebt:
  • Mit Aki Schmidt hat Regensburg ans Tor zur Bundesliga geklopft und anschließend wieder schnöde Bayernliga-Kost serviert bekommen (in Etappen von 1968 bis 1994).
  • Karsten Wettberg führte den SSV von der Landesliga in die Regionalliga Süd (1998-2001).
  • Günter Sebert (2001-3) gelang der drittletzte Aufstieg in die Zweite Bundesliga – als Lohn wurde er vom drögen Ingo Peter (2003) ersetzt. Nach dessen Entlassung konnte auch dessen Assi Günter Brandl (2003-4) den Abstieg nicht mehr verhindern.
  • Mario Basler (2004-5) feierte vor allem sein faules Genie und ließ die Spieler in der Dritten Liga halt mal machen, während er sein Weizen schlürfte.
  • Die Kurzeinsätze von Dariusz Pasieka (2005-6), Günter Güttler (2006-8) und Thomas Kristl (2008) hinterließen keinen bleibenden Eindruck.
  • Markus Weinzierl (2008-12) kam in der Stunde größter Jahn-Not, stabilisierte das Team, von dem er noch selbst ein Teil war, und schaffte den vorletzten Aufstieg in Liga 2.
  • Oscar Corrochano (2012) war von Beginn an ein großes Missverständnis: Sportchef Franz Gerber sollte einen „jungen, unverbrauchten Trainertyp“ engagieren, er hätte lieber auf einen erfahrenen Zweitliga-Fuchs gesetzt. Corrochano strahlte keine Autorität aus, die Mannschaft dafür arge konditionelle Defizite.
  • Franz Gerber in Personalunion als Sportchef und Interimscoach (2012/13) holte noch einige Remis, die polnische Nationaltrainerlegende Franciszek Smuda erwies sich als Fehlgriff, der keinerlei Fingerspitzengefühl für die verunsicherte Mannschaft entwickelte – und Zweite Bundesliga war abermals nach einem Jahr passé.
  • Stimmungskanone Thomas Stratos (2013/14), noch von Franz Gerber verpflichtet, und der neue Sportchef Christian Keller fanden keinen Draht zueinander – trotz Klassenerhalts musste der Deutschgrieche, der jetzt bei Griechenlands Nationalmannschaft assistiert, nach nur einem Jahr Γεια σας, Servus, sagen.
  • Alexander Schmidt (2014) schien die Voraussetzungen für das idealtypische Keller-Profil zu erfüllen: Der U19-Trainer der SpVgg Unterhaching hatte vor allem als Jugendcoach Erfolge vorzuweisen und wollte, anders als Stratos, junge regionale Spieler ins Team integrieren. Mit seiner etwas schwäbisch-ruppigen Art gelang ihm weder die Integration der Jungen noch die Motivation der Alten – das Team rutschte immer tiefer in die Abstiegszone.
  • Christian Brand (2014-15) misslang die Rettung. Fehlender Erfolg und ungeschickte Äußerungen Richtung Jahn-Fans waren eine schwere Bilanz für den freundlichen Niedersachsen. Deshalb reichte eine Durststrecke des Tabellenführers der Regionalliga für seine Demission.
  • Alles, was folgte, war Herrlich (2016 fff).

In Karlsruhe war‘s Dusel, in München Können

Wer die zwei Relegationsduelle von 2012 und heute noch vor Augen hat, erkennt den Unterschied: Damals mogelte sich Markus Weinzierls Truppe mit einem 1:1 zu Hause und einem 2:2 in Karlsruhe in die Zweite Bundesliga. Ein Auswärtstor mehr reichte. Ausschlaggebend sicher der Sonntagsschuss von Oli Hein, einer, der diesem seitdem nicht mehr vergönnt war. Und das späte Kopfballtor von André Laurito. Der KSC war damals die bessere Mannschaft.

Wie anders das Bild heute: Regensburg dominiert in beiden Spielen. Ob Stefan Effenberg oder Thomas Hitzelsberger, alle Experten loben die Spielanlage der Oberpfälzer. Wie sich der SSV durchs Mittelfeld kombiniert, das ist Tikitaka für Arme. Verkehrte Welt: Nicht der Außenseiter grätscht die Techniker von den Beinen, sondern die Favoriten wissen sich oft nicht anders zu helfen, als mit Frustfouls den Regensburger Spielfluss zu stoppen.

Fall und Aufstieg des Professors

Die wirkliche Sensation ist nicht, dass der Jahn schon wieder einen Aufstieg geschafft hat – es ist die Art und Weise, wie Regensburg in der Allianz-Arena aufgetreten ist. Wir haben sie alle erlebt, aber unter kaum einem Trainer war ein solch klares Konzept zu erkennen. Die annähernd gleiche Mannschaft trat unter Brand oft fahrig und planlos auf – vieles blieb dem Zufall überlassen, auch wenn Regensburg aufgrund seiner Möglichkeiten die Regionalliga natürlich dominierte.

Das Beste natürlich zum Schluss: Was haben wir uns über ihn geärgert! Der Professor von der gierigen Unternehmensberater-Firma und die Plattitüden der ersten Präsentation. Und zu Beginn misslang Christian Keller so ziemlich alles:

  • Das Regionalmarketing „Wie spuin fir eich!“: aufgesetzt
  • Die Entscheidungen, wie die Trennung von Thomas Stratos: intransparent
  • Die Mannschaftszusammenstellung: ein Desaster mit dem Abstieg pünktlich zur Fertigstellung der Arena.

Arrangement in Ungnade gefallener Herren

Christian Keller sagt heute, schon damals habe er alles richtig gemacht. Entscheidend sei gewesen, dass man die Weichen in der Geschäftsstelle auf Profi-Fußball umgelegt habe. Sagen wir es so: Ohne das wirtschaftspolitische Arrangement einiger, heute in Ungnade gefallener Herren, gäbe es den SSV Jahn womöglich in dieser Form gar nicht mehr. Weichen hin oder her, ein insolventer Verein braucht kein Zweitliga-taugliches Sportmanagement.

Da der SSV aber gerade mal so dem Totengräber von der Schippe sprang, gibt der Erfolg Keller im Nachhinein Recht:

  • Die Region fühlt sich allmählich wieder dahoam im Jahn-Stadion: Selten hat man so viele Nordoberpfälzer ohne Schadenfreude nach Regensburg pilgern sehen.
  • Der dritte Schuss sitzt: Mit Heiko Herrlich hat Keller genau den Trainer engagiert, der aus vermeintlichen Versagern ein Team von Gewinnern geformt hat.
  • Aus dieser Perspektive ist die Zusammenstellung der Mannschaft ex post geglückt. Glückwunsch!

Darüber nur noch der FC Bayern

Wenn diese Kombination aus wirtschaftlicher Vernunft und sportlicher Kompetenz weiter reift, könnte es endlich gelingen, Oberpfälzer Fußball langfristig in der Zweiten Liga zu etablieren – in der Saison 2017/18 misst sich der SSV Jahn auf bayerischer Ebene wieder mit dem 1. FC Nürnberg, der SpVgg Greuther-Fürth und dem FC Ingolstadt. Darüber ist jetzt nur noch der FC Augsburg und der FC Bayern München.

An einem Punkt verstehen sich Traditionalisten und Vermarktungsstrategen prächtig: Ostbayern hat riesiges Potenzial: Kein Bundesligist weit und breit zwischen Weiden und Straubing, zwischen Passau und Abensberg. Sentimentale Erinnerungen werden wach: „Damals, als 20.000 Fans zum Derby zwischen dem Jahn und Weiden ins alte Jahn-Stadion pilgerten.“ Die durchaus überregionale Begeisterung der letzten Tage zeigt: eine Renaissance ist möglich.

Bei alldem die Fans nicht vergessen!

Deshalb, liebe Funktionäre, Füße jetzt mal still halten, die Profis machen lassen, Eitelkeiten ganz weit hinten anstellen und einfach mal drinbleiben – und bei alldem die Fans nicht vergessen! Man muss sich nicht zwei Stunden „Hart aber fair!“ mit Marcel Reif, Edmund Stoiber und Willi Lemke geben, um zu kapieren, dass Fußball der größte Kommerz nach Helene Fischer ist. Die Preise sind schon jetzt an der Schmerzgrenze oder darüber.

Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner fiebert mit: Ein restlos ausverkauftes, aber zu einem Drittel leeres VIP-Stadion kann keine Begeisterung entfachen. Seit langem standen die Chancen nicht mehr so gut wie heute, dass sich Fans mit einer Mannschaft und ihrem bodenständigen Trainer identifizieren. Das Gesamtpaket muss stimmen: Ein Fußballstadion ist nicht die Mailänder Skala und Erik Thommy noch kein Ronaldo – auch wenn er deutlich sympathischer ist und gerne für immer bleiben darf.

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