18.02.2017 - 20:34 Uhr
RegensburgSport

SSV Jahn ringt FSV Frankfurt mit herrlicher Willensleistung nieder: Regensburg dreht wieder in zweiter Hälfte auf

4461 Zuschauer sehen eine erste Hälfte, die nicht unbedingt ein Happy End erwarten lässt. Wie gegen Großaspach gerät der SSV Jahn früh in Rückstand, verliert den Faden. Kurz vor der Pause erzwingt der Gastgeber mit Powerplay im Strafraum einen Elfer – und dreht wie zuletzt schon in Halle in der zweiten Halbzeit mächtig auf. Weil die Jahn-Stürmer ihre Ladehemmung noch immer nicht überwinden konnten, hilft FSV-Defensivmann Christopher Schorch mit dem Eigentor zum 2:1-Endstand aus.

Auch Bastian Nachreiner (links) und Andi Geipl (rechts) nehmen noch einmal den langen Weg zur Jubeltraube auf sich. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Was kann einem Trainer Besseres widerfahren, als der Luxus, über die kleinen Mängel am Rande sprechen zu können, weil die Gesamtleistung dennoch zum Sieg reicht? Es ist die immer wieder geforderte „Heiko Herrlich“-Mentalität, die dem Jahn zurzeit Flügel verleiht. Beeindruckend, wie sich die Mannschaft auch vom dritten Rückstand in Folge – 0:1 gegen Großaspach, 0:1 in Halle, 0:1 auch heute wieder – nur kurz aus dem Konzept bringen lässt.

Beeindruckend, wie es das in der Breite sehr ausgeglichene Team schafft, nominell besser aufgestellte Clubs wie Halle oder Frankfurt eine Halbzeit lang faktisch alternativlos an die Wand zu spielen. Kaum auszudenken, wo der SSV stünde oder noch stehen wird, wenn er das im Ansatz schon clevere Aufbauspiel, mit dem sich die Regensburger unaufgeregt auch aus kritischen Situationen befreien, noch genauer zu Ende spielt, wenn er die zahlreichen Konter auch noch verwertet.

Vrabec: „Momentan sehr verunsichert“

„Ich denke, dass der Sieg völlig in Ordnung geht“, muss FSV-Trainer Roland Vrabec einräumen, „meine Mannschaft ist ganz gut ins Spiel gekommen, hat das 1:0 erzielt – dieses 1:0 hat uns trotzdem keine Sicherheit gegeben." Der FSV sei im Gegenteil immer passiver geworden, habe nur noch defensiv reagiert. „Ich denke, man hat gesehen, dass wir momentan sehr verunsichert sind.“ Erst nach dem 2:1 haben wir uns noch einmal aufgebäumt, haben uns bemüht, wollten das Spiel drehen, ohne großartig Torchancen zu haben – aber da man gemerkt, dass wir uns dagegenstemmen.“

„Zufrieden bin ich mit dem Ergebnis“, lässt Jahn-Trainer Heiko Herrlich schon bei den ersten Worten anklingen, dass Kritik folgen wird. „In der Anfangsphase habe ich einen klaren Elfmeter für uns gesehen“, bekräftigt er noch einmal die aufgeregten Gesten am Spielfeldrand bei dieser Szene. „Da hätten wir dem Spiel direkt eine Richtung geben könne, danach haben wir’s aus der Hand gegeben.“

Herrlich: Zu Beginn „sehr defensiv“

Man habe es nicht geschafft, Druck aufzubauen. „Frankfurt hat das Spiel breit gemacht, konnte jedesmal über die Sechs aufbauen, die Stürmer haben nicht abgekappt“, klagt Herrlich. „Wir waren eigentlich sehr defensiv, so wie wir’s eigentlich gar nicht spielen wollen.“ In der Endphase der ersten Halbzeit habe man wieder etwas höher verteidigt, Zugriff auf das Spiel und den Elfmeter bekommen.

In der zweiten Halbzeit habe die Mannschaft ein anderes Gesicht gezeigt: „Wir haben mutiger attackiert, mutiger nach vorne gespielt. Das einzige, was man ihr vorwerfen kann, ist, dass sie nicht früher den Sack zugemacht hat, um einfach mal nicht in den letzten 20 Minuten zittern und kämpfen zu müssen, sondern auf Ballbesitz zu spielen.“ Uwe Hesse habe mit viel Herz gespielt, wie man ihn eben kenne, auch wenn er den einen oder anderen Ball verstolpert habe. „Haris Hyseni hat einfach Pech gehabt mit dem Pfostenschuss.“

Lohn für Leistung der Reservisten

Leistung muss sich lohnen, findet Heiko Herrlich und belohnt Uwe Hesse und Haris Hyseni mit einem Platz in der Startformation – beide hatten in Halle nach ihrer Einwechslung für Druck gesorgt und waren maßgeblich am erkämpften Remis beteiligt. Zusammen mit Marco Grüttner stehen also zwei auf dem Rasen, die bereits Halle vor große Probleme stellten. Kollege Vrabec gab einem neuen Quartett mit Ex-Bundesligaprofi Patrick Ochs, Christopher Schorch, Massimo Ornatelli und Dennis Russ eine Startelf-Wildcard.

Die ersten fünf Minuten tut sich der SSV schwer gegen forsch forcheckende Frankfurter. Dann kommt der SSV über die Flügel. Der erste Vorstoß von Alexander Nandzik wird unsanft an der Grundlinie gestoppt: Freistoß Erik Thommy – rein ins Getümmel, nicht ungefährlich (6.). Nächste gute Gelegenheit, Marco Grüttner zwängt sich in den Strafraum, Ballverlust, Ballrückeroberung, Vorlage für Thommy am Fünfer, der ganz offenbar nicht freiwillig fällt – Schiri Eric Müller findet nicht, dass das nach Foul aussieht, die Tribüne tobt, das Spiel läuft weiter.

Oli Hein: erst Nickerchen, dass Rettungstat

Aus dem Nichts, oder wie der Brite sagt, out oft thin air, dann das 0:1: Starker Seitenwechsel nach rechts auf Patrick Ochs, der holt die scharfe Flanke gekonnt herunter, gelernt ist eben gelernt, feiner Pass in die Mitte, Hein dackelt neben dem Angreifer her, ohne einzugreifen, Cagatay Kader steigt hoch und köpft unbedrängt aus sieben Metern ein (14.). Nach einem unwiderstehlichen Solo von La'Vere Lawrence Corbin-Ong – nicht einmal Prof. Google weiß, welcher Teil des Namens des Kanado-Briten Vor- und was alles Nachname ist – macht Hein sein Nickerchen wieder gut, und spitzelt dem besten Frankfurter den Ball in letzter Sekunde weg (17.).

Erik Thommy versucht in der Mitte die Fäden zu ziehen, Doppelpass mit Hein, Foul fast an der Grundlinie – der Freistoß wird erst geklärt, Hysenis Schuss aus der zweiten Reihe streicht einen Meter am linken Pfosten vorbei (20.). Missverständnis im Frankfurter Mittelfeld, Hesse darf Richtung 16er losspurten, läuft sich aber ohne Not an der ersten Verteidigungsreihe fest (21.). Das sieht im Ansatz ganz gut aus, was der SSV da anbietet – wenn auch reichlich kompliziert. Während in der Mitte Grüttner lauert, versucht ein Quartett an der rechten Außenlinie noch eine fünfte Station miteinzubeziehen (23.).

Warum einfach, wenn’s umständlich auch geht?

Frankfurt lauert auf Konter, taktisches Foul an Corbin-Ong (24.). Die Hessen haben sich inzwischen ganz gut auf den Jahn eingestellt – machen die Räume eng und nach der Balleroberung geht’s schnell und mit technischer Finesse nach vorne: Milad Salem bringt sich mit ein paar schnellen Körpertäuschungen in Schussposition, guter Meter drüber. Auf der anderen Seite fällt Hesse der Ball im Strafraum vor die Füße, er spielt dann so ungenau zurück – irgendwo in die Mitte zwischen zwei Jahnspieler –, dass die Schusschance vertan ist (28.).

Fallbeispiel für Umstandskramerei: Nähe Mittellinie köpfen sich beim Befreiungsversuch fünf Rot-Weiße die Kugel immer so grenzwertig zu, dass der Ball verloren gehen muss – Andi Geipl kassiert Gelb für den unsanften Stopper gegen Corbin-Ong (30.). Hyseni ist viel zu eigenwillig, beim Versuch sich längerfristig für die Startelf zu qualifizieren, will sich gegen zwei Blaue durchsetzen, anstatt den freien Hesse miteinzubeziehen (34.). Bis zum 16er schön gespielt mit Flügelwechsel, dann der ungenaue Pass in die Mitte – immerhin die zweite Ecke: viel zu lang auf den zweiten Pfosten direkt ins Aus (35.).

Elfer als Wachmacher

Überzogene Gelbe gegen Patrick Ochs, das sah eher nach Pressball mit Nandzik aus (38.). Wie umständlich ist das denn? Der Ball kommt in den Strafraum, zwei gegen eins, Thommy und Lais werden sich nicht einig, wer ihn nehmen soll, legen die Kugel ungenau zurück, Freistoß Frankfurt. Und im dritten Anlauf bekommt der SSV dann doch das Elfergeschenk, das Herrlich schon vor einer halben Stunde gefordert hatte: Erst fällt Nandzik, Schiri Eric Müller lässt weiterlaufen, dann Heins Fall mit Schmerzensschrei nach Fußkontakt mit Ochs bei tobender Hans-Jakob-Tribüne – und der Fingerzeig auf den Punkt folgt. Kann man wohl geben.

Andi Geipl schiebt die Kugel nur ein paar Fußbreiten am unbewegten Keeper Sören Pirsen vorbei in die Maschen, 1:1 (42.), morgen fragt keiner mehr, wie! Jetzt ist der Jahn aufgewacht: Das war mal richtig stark: Oli Hein rasant über rechts, der Pass genau auf den semmelblonden Schädel von Hesse, der aus fünf Metern in Pirsons Arme köpft (44). Nach Ballgewinn im Mittelfeld marschiert Geipl ab durch die Mitte, wird kurz vorm 16er gelegt, Vorteil, Grüttner ist rechts durch, erst auf Pirsons Körper, den Nachschuss will er vom Fünfereck hoch ins lange Eck zirkeln, der Keeper bekommt noch ein paar Finger an die Kugel (45.).

Pech oder Unvermögen?

Der Jahn verteidigt jetzt hoch, bekommt aber noch keinen richtigen Zugriff. Die vierte Ecke versandet wie die Standards zuvor – erst der Ball auf den Kopf am kurzen Pfosten, dann der zweite Ball in den Himmel (49.). Ganz starkes Tackling von Marvin Knoll, der den Konter sofort einleitet, langer Ball auf Hesse, der rackert rechts, bleibt aber wieder zweiter Sieger gegen Corbin „Mähne“ Ong. Auf der anderen Seite wird’s brenzlig, Pentke ist schon aus dem Tor, Nachreiner drängt den Angreifer gerade noch zur ersten Frankfurter Ecke ab – Salem aus der zweiten Reihe deutlich vorbei (51.).

Konter über Thommy, der entscheidet sich statt für den freien Grüttner für Hyseni, den Mann an seiner Seite – der läuft sich fest. Akkurater Pass auf Hyseny, Kopfball an den Pfosten, die Kugel bleibt im Feld, Corbin-Ong spritzt dazwischen und gibt aus nächster Nähe zum Keeper zurück – da kann man auch indirekten Freistoß pfeifen (53.). Ist das noch Pech oder schon Unvermögen? Klasse Vorarbeit Hesse, und dann versuchen in zwei Sturmwellen gefühlt zehn Jahn-Spieler vergeblich die Kugel zu versenken – jeder verhungerte Schuss löst einen Aufschrei auf der Tribüne aus wie beim Stierkampf, wenn der Matador das schwarze Biest wieder ins leere Tuch laufen lässt.

Georges Assist und Schorchs Beitrag

Jetzt darf’s Jann George versuchen, der Hesse nach einer Stunde ablöst – erste Annäherung, ein Zwitter zwischen Flanke und Schuss auf Pirson (60.). Und als endlich das Tornetz rauscht, weil Pirson zwar Thommys Schuss noch abwehrt, aber Hyseni den Ball im langen Eck vergräbt, vertraut Müller der Fahne seines Assistenten – sehr fragwürdig, zumal Ochs tief da hinten drin stand (63.). Diese vielen vertanen Standards: Thommys vermeintliche Freistoßflanke ins Aus (65.). Dann muss es Frankfurt eben selber richten: Ganz feiner Antritt von Jann George über rechts, US-Boy Shawn Barry und Schorch nehmen Grüttner in Schutzhaft, Schorch will am Fünfer klären, die Kugel ist drin, 2:1 (68.).

Der nächste Konter rollt, Grüttner behauptet den Ball bärenstark, gibt weiter zu Thommy, der etwas zu verspielt mehrere Pirouetten rings um den Strafraum läuft, bis am Ende einer langen Kette Geipl aus der zweiten Reihe einen Meter danebensäbelt (69.). Es geht auch einfacher, strammer Schuss von Lais aus 12 Metern halbrechts, Pirsons Fäuste retten im Dreieck (71.). Zwischen Genie und Wahnsinn: brillante Balleroberung von Geipl, starker Antritt, aber der Pass auf den freien Stürmer kommt nicht. Hyseni will’s heute noch unbedingt wissen, gibt die Kugel einfach nicht mehr her – strammer Schuss aus 17 Metern, aber abgeben wäre die bessere Lösung gewesen (75).

Der Sack geht einfach nicht zu

Der Jahn macht sich das Leben selber schwer: Erst ein Bilderbuch-Konter über Grüttner, Nandzik läuft links frei, Grüttner spielt unbedrängt in die gegnerischen Beine. Das gibt Frankfurt – mit den zwei frischen Offensivkräften Jovanovic und Morabit – doch immer wieder mal Gelegenheit, neu anzulaufen. Vor allem, wenn die Rot-Weißen nach umjubelten Ballgewinnen die Kugel postwendend wieder abgeben – wie Hyseni, der einen Spurt Corbin-Ongs zur Grundlinie ermöglicht. Die scharfe Flanke bleibt unerreicht (84.). Immer wieder mal gefährlich lange Einwürfe und Freistöße aus dem Halbfeld: Kopfball knapp vorbei (86.).

Heiko Herrlich dreht an der Uhr, holt Grüttner herunter, Markus Ziereis bekommt ein paar Minuten Praxis (87.). Vorbildlicher Einsatz des Regionalliga-Topscorers der Aufstiegssaison, er holt sich die Kugel im 1:1, vier Regensburger laufen auf zwei Frankfurter zu, George treibt den Ball, deutet Ziereis an, er soll rechts gehen und schießt dann selbst genau den Mann vor ihm an – wenn sich das mal nicht rächt (89.). Jetzt bekommt auch Hyseni den vorzeitigen Applaus, Robin Urban darf auch noch mitmischen. 10:2 Ecken, das sagt schon einiges – über die Kräfteverhältnisse, aber auch den Übungsbedarf bei Standards – und so pfeift Schiri Müller den ersten Jahn-Sieg in 2017 ab.

Noch drei Punkte zum Relegationsplatz 3

Die Körpersprache spricht Bände. Die Frankfurter bleiben konsterniert an Ort und Stelle stehen, vor allem Corbin-Ong schüttelt ungläubig die Mähne: Da hat man sich so viel vorgenommen, und muss wieder mit leeren Händen nach Hause fahren. Dann der schwere Gang zum Fan-Häufchen: Ob die Jobgarantie für Sportsfreund Roland Vrabec hält? Wir wünschen es dem Kurzzeit Coach von St. Pauli. Auf der anderen Seite gehen die Jahn-Hände vor der Hans-Jakob-Tribüne in die Höhe.

Der SSV Jahn fährt immer besser mit dem herrlichen Beppo-Prinzip: Was schert mich die Tabelle – drei Punkte Abstand zum VfL Osnabrück (36) auf Aufstiegsrelegationsrang 3? Das nächstes Spiel in Aalen (7./34), Samstag, 14 Uhr, ist eh das wichtigste – zumal die Schwaben den Regensburgern im Hinspiel sowohl die erste Heimniederlage als auch die erste Pleite überhaupt einbrockten und die schöne Tabellenführung futsch war. Braucht’s noch mehr Motivation, um zum verflixten siebten Mal in Folge ungeschlagen zu bleiben?

 

 

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