25.03.2017 - 20:31 Uhr
RegensburgSport

VfL Osnabrück nützt die Konzentrationsschwächen des SSV Jahn: Wriedt erschießt „kwasi“ Regensburgs Aufstiegsfantasie

Aktion volle Hütte gelungen, Projekt „selbst belohnen“ gescheitert: 10.216 Zuschauer sehen eine rasante erste Halbzeit mit einer halbwegs verdienten Jahn-Führung und eine zweite Hälfte, in der der SSV nach der Pyro-Show der Gäste-Fans nicht mehr in die Spur findet. So verspielt Regensburg (6./43 Punkte) beim Last-Minute-1:2 (1:0) in den letzten zehn Minuten nicht nur drei Punkte, sondern auch Platz 3, den jetzt der VfL Osnabrück besetzt (45).

Mag ja auf der Tribüne hübsch ausschauen ... Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

„Es war ein Spiel auf Augenhöhe“, tröstet Gästetrainer Joe Enochs die enttäuschten Oberpfälzer, „wer Regensburg kennt, die werden wieder aufstehen und den Weg nach vorne suchen.“ Dabei wünsche er den Oberpfälzern viel Glück. Ausgerechnet in Duisburg (1./53) am kommenden Samstag. Klasse Timing. „Und wir sind gut beraten, auf dem Teppich zu bleiben.“ Das nennt man gutes altes US-Understatement – davon könnte sich ein mäßig erfolgreicher Präsident ein Stück abschneiden. Und es stimmt ja auch: So stark der VfL in einzelnen Phasen des Spiels auftritt, beherrscht haben die Niedersachsen das Geschehen keineswegs.

So hat der Gastgeber nach der 1:0-Führung beste Gelegenheiten, noch vor der Pause für klare Verhältnisse zu sorgen. Schwer zu erklären, woran der Bruch nach dem Seitenwechsel festzumachen ist: Ziemlich genau in der Phase, als der Gästeblock seinen Feuerzauber abbrennt und Nebelschwaden über dem Platz hängen, kommt den Regensburgern die Konzentration abhanden. Nicht, dass das eine Entschuldigung wäre, es ist lediglich eine Beobachtung. Osnabrück dominiert fortan, ohne – analog zu seinen Fans – ein Chancenfeuerwerk abzubrennen. Die Situationen, die dann zu den Toren führen, zeigen den Unterschied an diesem Tag:

  • Kwasi Wriedt nimmt das Heft des Handelns an sich, sorgt mit gefährlichen Freistößen für Chaos im Regensburger Strafraum und nutzt die eine, entscheidende Situation, um Wastl Nachreiner zu vernaschen und den Auswärtssieg einzutüten.
  • In der Jahn-Offensive reiben sich in der ersten Hälfte Erik Thommy und Kolja Pusch auf, um Haris Hyseni ins Spiel zu bringen, der keine rechte Bindung findet. Ausgerechnet die beiden Kreativspieler müssen dann frühzeitig das Feld räumen – und weder Andi Luge noch Marcel Hofrath haben die Regisseurqualitäten, das Spiel in die andere Hälfte zu verlagern.
  • Selten gewinnt wirklich ein einzelner Spieler das Match: Dennoch, heute hätte wohl ein mitspielender Marco Grüttner der Jahn-Offensive mehr Durchschlagskraft verliehen, mehr gegnerische Kräfte gebunden, als ein bemühter Hyseni, der meist als Joker einspringt und dem deshalb die Sicherheit fehlt, um Spielaktionen auch mal cool zu Ende zu spielen.

Kein Glücksschrei aus 10.000 Kehlen

Ob seine Mannschaft zu Beginn vielleicht ein zu hohes Tempo gegangen sei, wird Heiko Herrlich von einem Osnabrücker Medienvertreter gefragt. Der Mann kennt die „Scheißhausfliegen-Philosophie“ des Jahn-Trainers offenbar nicht, die im Hinspiel noch drei fette Früchte trug. Schließlich hat der SSV gerade durch seinen anerzogenen Willen gepaart mit starker Physis in Hälfte zwei viele Spiele umgebogen.
Es ist gar nicht so sehr der unbedingte Wille, in der allerletzten Sekunde doch noch das erlösende Remis zu erzwingen und die Conti-Arena zu erlösen, der heute zum Schluss fehlt. Es ist eher die ordnende Hand, die Spielidee, die diese eine letzte Chance eröffnen könnte. So verspielt Rot-Weiß eine ausgezeichnete Gelegenheit, mit einem Schrei aus 10.000 Kehlen – davon gut 1000 entsetzten – einen kollektiven Glückszustand zu erzeugen, der nachhaltig ansteckend hätte wirken können.

Enochs: „Einwechselspieler machen den Unterschied“

„Wir sind gut ins Spiel gekommen“, kommt VfL-Coach Joe Enochs sofort auf den Punkt, „wir haben durch eine Standardsituation die erste große Chance, was wir nicht reinmachen.“ Insgesamt sei die Anfangsphase sehr ausgeglichen gewesen. „Wir wissen um die Stärke von Regensburg, dass sie gerade über links, über Nandzik und Thommy extrem lange Wege gehen.“ So sei auch das Gegentor entstanden. „Thommy mit seiner Qualität, etwas Glück dabei, dass es abgefälscht ist, aber ein schönes Tor.“

Am Ende der ersten Hälfte habe seine Mannschaft etwas den Zugriff verloren. „Wo Regensburg wieder gefährlich vors Tor gekommen ist, war aber nicht in der Lage, das 2:0 zu machen – und deswegen sind wir in die Halbzeit gegangen, haben gesagt, wir haben noch ‚ne Chance, wir spielen richtig gut.“ Man müsse nur noch konsequenter nach vorne spielen, auch mal schießen und nicht nur immer versuchen, den tödlichen Pass zu spielen.

„Und haben das 1:1 durch eine wirklich gute Leistung von Ahmet Arslan gemacht, der sich auf der rechten Seite durchsetzt, den Ball auf Heider spielt und in der Anschlusssituation in den Strafraum sprintet – dann ist es auch schwer zu verteidigen.“ Die Mannschaft habe immer an den Sieg geglaubt. „Vielleicht zum Zeitpunkt etwas glücklich das 2:1 gemacht – aber letztendlich verdient.“ Enochs sei sehr stolz auf die Spieler, die reingekommen sind: „Sie haben den Unterschied gemacht.“

Herrlich: „Das 2:0 hätte es leichter gemacht“

„Die erste Viertelstunde war mächtig viel Druck auf unser Tor“, fasst Jahn-Trainer Heiko Herrlich seine Beobachtungen zusammen, „gerade durch die drei Standardsituationen.“ Dann habe man das Spiel Schritt für Schritt in den Griff bekommen und Angriffswellen aufs gegnerische Tor gefahren. „Wir haben versucht, das Tor zu erzwingen, was wir ja dann auch geschafft haben. Vielleicht hätten wir in der Phase das 2:0 auch noch machen müssen, damit’s danach leichter wird für uns.“

So sei man mit 1:0 in die Halbzeit gegangen und habe in der zweiten Hälfte nicht mehr viel für Entlastung sorgen können. „Ich habe auf meinem Zettel nicht eine Torchance stehen.“ Auch das Eckenverhältnis spreche Bände für die Spielanteile der Gäste. „Obwohl die Gegentore, so wie sie gefallen sind, eigentlich verteidigt hätten werden können.“ Beim 1:1 sei man schon wieder ganz gut in der Ordnung gestanden, habe sogar eine 2:1-Situation am Flügel: „Ähnlich wie vor zehn Tagen gegen Zwickau muss die Flanke halt einfach verteidigt werden und in der Mitte muss an den Leuten drangeblieben werden.“

Umso bitterer kurz vor Schluss der Ball in die Mitte über die andere Seite: „Nicht einmal gut geflankt, Wriedt macht das einfach sensationell, dreht sich da um Wasti Nachreiner und schließt dann ab – mit einem Unentschieden wäre ich natürlich glücklicher gewesen, aber aufgrund der zweiten Halbzeit, war es jetzt nicht ganz unverdient.“

Spitzenspiele zwischen Platz 1 und 12

Osnabrück beginnt wie beim 3:0 gegen Chemnitz, der Jahn-Trainer muss seine Anfangsformation nur moderat anpassen: Für Ali Odabas, der nach langer Verletzung langsam aufgebaut werden soll, und Marco Grüttner (5. Gelbe) kehren Andi Geipl nach verbüßter Gelbsperre und Kolja Pusch zurück. Rasanter Auftakt beim Spitzenspiel – bei der Tabelle ist jedes Spiel zwischen Platz 1 und 12 ein solches.

Alex Nandzik über links verheddert sich, direkter Gegenzug über Nazim Sangare, Pentke kommt raus, Geipl fälsch¬t die Kugel ab, der Keeper wird am falschen Fuß erwischt, Saller ballert den Kuller vor der Linie weg (2.). Gefährlicher Freistoß von halbrechts, Kwasi Wriedts Flanke, keiner kommt hin, der Aufsetzer bommelt ans Kreuz, Klärung zur Ecke (5.). Schöner Spielzug rechts auf George, genaue Flanke auf Pusch, Kopfball aus acht Metern drüber (8.).

Wriedt schießt sich von halbrechts warm

Klasse Ballgewinn von Andi Geipl, Zuspiel auf Hyseni im Strafraum, der setzt sich durch und zieht ab, Keeper Marius Gerspeck liegt ungeschlagen im linken Eck (11.). Netter Versuch, Nandziks Flanke von links ans Außennetz (13.). Die Position liegt dem VfL: schon der dritte Freistoß von halbrechts, Nachreiner geht etwas zu energisch gegen Konstantin Engel zu Werke, diesmal zielt Wriedt zu weit (16.). Aber auch die Gäste können Härte: Nandzik springt über die Klinge, Gelb für Marcel Appiah (17.). Thommy mit dem Freistoß, Lais mit der Schulter, den Abpraller säbelt Geipl aus 17 Metern drüber (19.).

Keine Künstlerpause, schon brennt es wieder im Jahnstrafraum, Sangare & Co versuchen sich den Ball im Strafraum zurecht zu legen, bis endlich Nandik zur Ecke klärt (20.). George setzt sich energisch rechts durch, der Pass wird gerade mal so abgefangen (21.). Gefährlich Flanke in die Mitte, den Abpraller schnappt sich George am Strafraumrand, wieder bekommt ein Schwarzer den Fuß in den Schussweg (23.). Scheißhausfliege Nandzik nimmt Sangare den Ball ab, beim Pressball sieht Schiri Tobias Reichel leider nicht, wie klar der Gästespieler zuletzt am Ball war.

Puschs tiefgelegter Fallrückzieher

Im Gegenzug kommt Osnabrück gefährlich über links, Wriedt wird vom Assistenten sofort zurückgewunken, schießt aber dennoch Pentke halb k.o. (27.). Da wäre mal die Lücke für Hyseni, Gersbeck antizipiert und krallt sich die Kugel (30.). George über rechts, die Flanke kommt zu weit, senkt sich aber noch kurz hinters Tor (31.). Was für eine Aktion: Flanke von links, Pusch frei für den tiefgelegten Fallrückzieher, der Ball geht 20 Zentimeter neben den linken Pfosten, Gersbeck schaut nur hinterher.

Auch versehentlich kann schön sein, Thommy spielt nicht auf Nandzik, sondern versucht’s im Strafraum allein, der abgefälschte Lupfer senkt sich unhaltbar ins linke Torwarteck (35.). Sensationeller Spielzug über sieben Stationen, bis Nandzik etwas zu spitz zum Flanken kommt, viel Glück für Osnabrück, dass am Ende der Verwertungskette am Fünfer ein verdutzter Osnabrücker den Fuß auf den Ball bekommt (41.). Dummes Foul der Gäste am Strafraum, Gelb für Engel – kein Schlechter von Thommy knapp neben das linke Kreuz (46.). Pause.

Orientierungsphase im dichten Rauch

Mitten in die Bengalo-Show hinein kann Sangare nach einem Freistoß in den Strafraum marschieren, Pentke sicher (47.). Orientierungsphase im dichten Rauch: Unverständlich, warum Schiri Tobias Reichel gar nicht reagiert. Wriedt ist an Nachreiner vorbei, der Jahn bekommt den Ball nicht weg, Kopfball aus sechs Metern, Klasse Reaktion von Pentke, der das Leder über die Latte hebt (55.). Gefährlicher Freistoß unmittelbar vorm Strafraum nach Geipls Gelb-würdigem hohen Bein, erlösender Applaus, nachdem Wriedts Ball rausgekratzt werden kann (57.).

Mit Distanzschüssen ist Pentke nicht zu überwinden, flach ins rechte Eck, der Jahn-Keeper sicher (60.). Endlich mal wieder etwas Entlastung über links, Thommy spielt Nandzik in Position, der bringt die Flanke zu ungenau (63.). Jann George mit starkem Ballgewinn, leider anschließend mit ungenauem Seitenwechsel (64.). Der Jahn in dieser Phase viel zu passiv und unkonzentriert, sogar Marvin Knoll verspringt der Ball zweimal – aber bisher kann Osnabrück zu wenig daraus machen. Vorne fehlt jetzt Marco Grüttner, der die gegnerische Abwehr besser beschäftigen könnte als Hyseni.

Die Kreativen müssen weichen

5:1-Ecken für die Gäste, das ist eine Hausnummer – diese kommt direkt auf Saller, aber schon rollt der nächste VfL-Angriff über rechts, abseits. Herrlich reagiert, nimmt Pusch vom Feld, bringt André Luge, ein frischer Mann für neue Impulse im offensiven Mittelfeld (70.). Hyseni verseppelt die Kugel im 16er: Statt Blick auf den besser postierten Mann, läuft er – head down – zum spitzen Winkel und flankt parallel zur Latte (71.).

Noch ein kreativer Wechsel: Thommy, der sich wohl aufgerieben hat, weicht Marcel Hofrath (73.). Ein harmloser Freistoß von rechts außen rollt an Feind und Freund vorbei ins Aus, Pentke tobt (75.). Jann George immer wieder mit starken Aktionen im Mittelfeld, der Pass nach links außen leider einen Hauch zu scharf für Hyseni (76.). Und dann ist es doch passiert: Angriff über rechts, Doppelpass Ahmet Arslan und Marc Heider, Flanke in die Mitte, und der gerade eingewechselte Arslan köpft selbst den Ausgleich zum 1:1 (78.).

Gedrehtes Spiel schlägt auf den Fan-Magen

Jetzt kann’s noch richtig nach hinten losgehen: Kann der SSV jetzt noch einmal auf Angriff umschalten? Flanke von rechts, den Abpraller nimmt Sangare direkt, Pentke ist rechts unten im Eck (80.), Riesen Konterchance, Saller will Hyseni in die Gasse spielen, Geipl, mit dem Rücken zum einzigen Stoßtürmer der Regensburger, fängt die Kugel ab (81.). Der Jahn gibt die Bälle in dieser wichtigen Phase viel zu leichtfertig ab: Lais ballert aus 30 Metern auf die Gästetribüne (86.).

Die Strafe folgt auf dem Fuß: Ein unnötiger Freistoß nach Kopfballgerangel im Mittelfeld, steil links gespielt, Wriedt drängt sich an Nachreiner vorbei in den Fünfer und haut das Ding in den langen Winkel, 1:2 (89.). Was folgt sind zwei Minuten kopflose Hektik bis zum Abpfiff – es ist nicht leicht, 80 Minuten der Verwaltung einer Jahn-Führung zuzusehen, dann zwei Gegentreffer zu verdauen und fröhlich aus dem Stadion zu pilgern.

Neue Aktion gegen Mainz?

Da muss sich der SSV jetzt eine neue Aktion ausdenken, um die nur teilweise angefixten Neufans wieder in gleicher Mannstärke ins Stadion zu locken – so was wie das „Wir gewinnen am kommenden Samstag bei Spitzenreiter MSV Duisburg und versuchen es am Dienstag, 4. April, 19 Uhr gegen Schlusslicht Mainz mit einem neuen Anlauf auf Platz 3“-Projekt.

Zur Erinnerung: Der Kindergarten der Rhein-Pfälzer ist jener Underdog, der dem Jahn in der Hinrunde – wie auch Bremen II und Zwickau – eine empfindliche 2:0-Niederlage zufügte.

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