03.02.2017 - 16:07 Uhr
RegensburgSport

Vor Großaspach: Heiko Herrlich erinnert in der Korruptionskrise an die Grundtugenden: Jahn-Emblem wichtiger als der Name hinten drauf

Es war ein spektakuläres Match am 7. August in Großaspach: Zwei Gelb-Rote Karten (Landeka und Palionis), sieben Treffer und ein in zwei Minuten gedrehtes Spiel in Überzahl: Der SSV Jahn sackte nach zwei Rückständen (1:2 und 2:3) binnen zweier Minuten die volle Punktzahl ein – Jan George und Erik Thommy (76./78.) besiegelten den ersten 4:3-Auswärtssieg. Mit einem Heim-Dreier am Samstag, 14 Uhr, kann Regensburg nicht nur den Gegner überflügeln, sondern theoretisch bis Rang 5 vorstoßen.

Schrie wie am Spieß: Oli Hein fällt mindestens für dieses Spiel mit einer Verletzung am Ellbogen aus. Bilder: Göpel/Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Man sollte niemals niemanden unterschätzen – vor allem keine schwäbischen Dörfer und Kleinstädte: Sandhausen (knapp 15.000 Einwohner), Heidenheim (48.000), Aspach (8290). Da wo „Schaffe, schaffe, Punkte sammeln“ zu Hause ist, kann man nur mit Ausdauer, Fleiß und einer Portion Spielwitz bestehen. Die Bilanz gegen die Württemberger mit dem poetischen Namen Sportgemeinschaft Sonnenhof Großaspach (8./29 Punkte) spricht zwar leicht für Jahn Regensburg (zwei Siege, eine Niederlage; 9./28 Punkte), doch in der Tabelle haben die Rot-Schwarzen die Nase vorne.

SG-Trainer: „Oberstes Regal der Liga“

„Unser Ziel ist es, die Form vom vergangenen Wochenende zu konservieren und an diese im Spiel beim SSV Regensburg anzuknüpfen“, orientiert sich SG-Cheftrainer Oliver Zapel an der Leistung vom Remis gegen Chemnitz. „Das wird auch dringend nötig sein, denn insbesondere die Offensive von Regensburg, gespickt mit Spielern wie Thommy, gehört zum obersten Regal der Liga.“ Er freue sich „auf das tolle Stadion und hoffentlich eine schöne Kulisse, vor der wir mutig und couragiert agieren wollen“.

Großaspachs Kapitän Daniel Hägele sieht die eigene Stärke im Zusammenhalt des Teams: „Daher wird am Samstag auch jeder Drittligaspieler der SG, egal ob im Kader oder nicht, die Reise nach Regensburg antreten.“ Es werde alles andere als leicht in Regensburg, aber: „Wir fühlen uns gut, wollen unbedingt punkten und freuen uns sehr auf die Partie.“

Herrlich: „Wir wollen überholen“

„Wir haben einen sehr guten Abschluss gehabt gegen Münster“, beschreibt Jahn-Trainer Heiko Herrlich die Vorfreude aufs erste Heimspiel der Rückrunde, „jetzt wollen wir die Leute wieder begeistern mit einem guten Spiel du dem richtigen Ergebnis.“ Großaspach sei einen Punkt voraus: „Das bedeutet, wir wollen sie natürlich überholen, wir müssen gewinnen.“ Die Württemberger seien gut in die Saison gestartet, hätten dann einen Durchhänger gehabt, anschließend wieder richtig viel gepunktet – jetzt habe sich das wieder eingependelt.

Die Spielanlage der Gäste begeistere Herrlich: „Ihr 3-4-3, da sieht man einfach, ohne Ball, da ist ein Plan, mit Ball ist auch eine klare Struktur. Das werden sie auch morgen wieder versuchen umzusetzen.“ Unter Druck würden sie auf lange Bälle ausweichen, die aber alle geplant seien und oft zu Toren führten. „In den letzten drei Spielen haben sie drei Tore allein über Flanken geschafft, die müssen wir gut versuchen zu verteidigen.“ In Kiel, wo der Jahn verloren habe, habe Großaspach gewonnen, gegen Chemnitz kurz vor Schluss noch das 2:2 kassiert: „Ein Gegner und ein Trainer, die Respekt verdienen.“

Nächster Schritt auf aufgetautem Platz

Auf der „sehr guten Leistung“ von Rostock könne seine Mannschaft aufbauen. „Die Chancen waren vorhanden, die haben wir uns erspielt, aber auch zwei Chancen zugelassen, hatten Fehler im Spielaufbau, wo auch Rostock hätte gewinnen können.“ In drei Spielen nur ein Gegentor bekommen, ein für Herrlich positiver Trend nach den vielen Patzern in der gegentorreichen Defensive zuvor. „Jetzt müssen wir wieder den nächsten Schritt gehen, dass wir aus den Chancen mehr Zählbares rausbekommen.“
Wie sehr hat der Platz unter den Witterungsbedingungen der letzten Wochen – vor allem nach dem Kühlschrankeffekt des eisigen Dienstags gelitten? „Christian Keller hat mich gestern noch einmal angerufen und hat mir versichert, dass er bis morgen bespielbar ist – seit vier Tagen ist die Rasenheizung an.“

Oli Hein schrie wie am Spieß

„Leider haben wir einen Verletzten mehr“, bedauert Herrlich den Ausfall von Oli Hein, „den haben wir uns gestern im Training geholt – trotz eisfreien Platzes – bei einem harmlosen Zweikampf fällt Oli, will sich aufstützen, kommt auf den Ellbogen, schreit wie am Spieß.“ Gebrochen sei zwar nichts, aber die Untersuchung habe eine Subluxation ergeben, eine unvollständige Ausrenkung des Gelenkes. Man müsse abwarten, ob Sehnen gerissen seien. „Im besten Fall kann er nächste Woche wieder spielen.“

Jann George habe aus Sicherheitsgründen das Training mit einer Wadenverhärtung abgebrochen – den Platzverhältnissen geschuldet, zumal man unter der Woche auch in der Halle trainiert habe. „Die Alternative wäre, wir machen gar nichts und alle sind gesund – bei Jann bin ich dennoch sicher, dass er morgen spielen wird.“ Benedikt Saller klage seit einer Woche über diverse Wehwehchen in der Muskulatur, werde aber Heins rechte Außenverteidigerposition übernehmen. „Er hat gefährliche Großchancen eingeleitet, selber zwei gute Einschussmöglichkeiten gehabt – hat in Rostock eine ordentliche Leistung gebracht.“

Pusch auf dem Weg in den Kader

Mittelfeldmotor Kolja Pusch habe die Vorbereitung nicht Hundertprozentig mitgehen können, was man auch an den Laktatwerten ablesen könne und musste deshalb nacharbeiten: „Er hat zuletzt mehr Einheiten gemacht als die anderen und sehr gut in der U21 gespielt – zwei Tore gemacht, zwei Tore vorbereitet.“ Er sei einen Riesenschritt weiter und spiele eine Rolle bei den Nominierungsüberlegungen.

Vertragsverlängerung mit Heiko Herrlich nach geschafftem Klassenerhalt? „Der Verein hat oft signalisiert, dass er mit mir zufrieden ist und gerne weitermachen würde, ich habe das auch oft gesagt.“ Man habe jetzt mündlich eine Option vorweggenommen, falls der sportliche Erfolg eintrete. Jetzt solle man sich erst einmal auf die sportlichen Ziele konzentrieren. „Kontinuität kann was Gutes sein, damit der Verein sich sportlich weiterentwickeln kann.“

Wirtschaftskrimi noch nicht ausgestanden

Und dann kommt sie doch noch, die Korruptionsfrage: „Ich bin immer jemand, der dafür plädiert, dass das, was vorne drauf ist, wichtiger ist, als was hinten drauf ist“, gibt Heiko Herrlich dem Auditorium auf Gerd Ottos Wunsch, die Mannschaft solle gerade jetzt für Verein und Vaterstadt spielen, eine Denksportaufgabe mit auf den Weg. Klartext: „Das Vereinswappen ist wichtiger als der Name hintendrauf, das fordere ich permanent, dass man Diener ist.“ Deshalb brauche es auch jetzt kein Mehr an Dienst am Verein.

Es gebe auch jenseits der aktuellen Vorgänge viele Themen, die vom sportlichen Fokus ablenken können. Der falsche Physiotherapeut, die zu lange Busfahrt, eine Entscheidung von Christian Keller. Herrlich versuche in jeder Situation, die Konzentration aufs Wesentliche zu lenken. „Das tue ich unabhängig von der augenblicklichen Situation sowieso.“ Der bedrohliche Unterton vom ehemaligen Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung und Jahn-Fan seit Jugendtagen bleibt dennoch: „Es geht um die finanzielle Existenz des Vereins.“ Mit anderen Worten: Auch für den Jahn ist der Regensburger Wirtschaftskrimi noch nicht ausgestanden.

 

 

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