18.09.2017 - 21:22 Uhr
RegensburgOberpfalz

Bundeskanzlerin Angela Merkel in Regenburg Beifall vorne, Pfiffe hinten

Zwei leidenschaftliche Empfänge bot Regensburg Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): einen in überzeugter Freude, einen anderen in lautstarker Abneigung.

von Alexander Rädle Kontakt Profil

Die Bässe wummern, als Angela Merkel durch die Menge am Regensburger Domplatz schreitet. Die Regentropfen haben sich gerade verzogen. Die Kanzlerin ist einige Minuten früher dran als geplant. Um 16 Uhr sollte es losgehen. Zuvor hatte die Band mit dem passenden Namen "Victory 17" noch geschmettert "Ich will alles oder gar nichts - 100 Prozent".

Merkel steigt die Stufen auf die Bühne hinauf. Sie erzählt vom Besuch bei Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der seinen 75. Geburtstag feiert. Vorne, auf den reservierten, abgesperrten Plätzen für die CSU-Mitglieder, ist sie ja noch ganz gut zu verstehen. Doch hinter der Absperrung pfeifen und schreien Merkel-Gegner so laut, dass weitere Gäste kaum noch etwas verstehen. Geschätzt zehn Minuten lang geht das. In einer Art Talkrunde wiederholt Merkel ihren Slogan: "Wir werden heute die Weichen stellen, dass wir auch morgen so gut und gerne in Deutschland leben." Die Zahl der Arbeitslosen sei von 5 auf 2,5 Millionen gesunken. Vorne Beifall. Hinten Pfiffe. Der Regensburger Bundestagskandidat Peter Aumer bescheinigt Merkel: "Sie strahlen Glaubwürdigkeit aus." Vorne Beifall. Hinten Pfiffe.

Herrmann für Kontrollen

Bevor Merkel aber vom Talk-Tresen ans Redner-Pult wechselt, darf CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann ans Mikrofon. Er sagt: "Eine Situation wie 2015 darf sich nicht wiederholen." Der bayerische Innenminister, der das gleiche Amt nach der Wahl auf Bundesebene anstrebt, will deutlich besser kontrollieren, wer einreist. Er will die Grenzen besser schützen - und er will straffällig gewordene Asylbewerber abschieben. "Es ist unerträglich, wenn jemand ins Land kommt und um Zuflucht bittet und Frauen vergewaltigt." Herrmann verweist auf jüngst abgeschobene Asylbewerber aus Afghanistan. 15 000 neue Stellen will er in der Polizei schaffen. Herrmann wettert gegen Anarchisten, Linksextreme, die Rote Flora in Hamburg, die Hausbesetzer in Berlin. "In Bayern bleibt kein Haus länger als 24 Stunden besetzt", brüllt Herrmann. Seine Stimme ist so laut, dass die Pfiffe von hinten kaum noch zu hören sind. Auch gegen Rechtsextremismus wendet er sich.

Sicherheit geht vor Erweiterung des Schengen-Raums.Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU)



Als Merkel gegen 16.25 Uhr das Wort ergreift, geht sie sofort auf ihre Kritiker unter mehr als 2000 Leuten auf der Südseite des Domes ein. "Manche Transparente zeigen ja schon, dass wir auch Aufgaben haben." Und schiebt nach "Wir lösen keine Probleme durch Pfeifen oder Schreien." Vor allem AfD-Anhänger tragen ihre Ablehnung offen zur Schau: "Buh", "Hau ab" oder "Lügner" rufen sie zum Teil in Sprechchören. Sie halten Schilder hoch, auf denen "Diktator Merkel muss weg" steht oder schlicht einfach die Grafik einer Tomate aufgedruckt ist. Gegenstände werden nicht geworfen. Die Polizei hat präventiv Tennisbälle eingesammelt. Ein AfD-Sympathisant hat sich laut Polizei eine Anzeige eingehandelt, weil er dazu aufgefordert haben soll, Flüchtlinge zu erschießen. Es gibt aber auch Demonstranten, die sich nicht als Störer gerieren. Naturschützer stellen sich gegen Stromtrassen. Und die KAB warnt vor Altersarmut. Das nimmt die Kanzlerin auf: "Gute Arbeit ist die beste Voraussetzung, dass es nicht zu Altersarmut kommt", sagt sie. "Deshalb brauchen wir mehr gute Arbeit."

Wir lösen keine Probleme durch Pfeifen oder Schreien.Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

Stärke in der Vielfalt

Die Kanzlerin geht quasi zur Wahlkampf-Tagesordnung über: Abgas-Skandal ("Die Automobilindustrie muss Vertrauen zurückgewinnen"), Steuern ("Steuersenkungen für kleine und mittlere Einkommen, die zu schnell den Spitzensteuersatz erreichen") und die EU-Außengrenzen ("Wir brauchen einen besseren Außengrenzenschutz"). Womit sie beim Thema Flüchtlinge angelangt ist. Sie dankt den Bayern für ihre Hilfe im Jahr 2015. "Ein tolles Zeichen." Die Lautstärke der Pfiffe schwillt wieder an. Ein Jahr wie 2015 dürfe und werde sich nicht wiederholen, verspricht Merkel. Sie verweist auf das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei, das trotz aller Differenzen mit Präsident Erdogan "richtig" sei. Man müssen die Flüchtlingen heimatnah helfen.

Wir haben vier Jahre keine Schulden gemacht. Wir werden auch die nächsten vier Jahre keine Schulden machen.Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)



Nach rund einer halben Stunde Redezeit beschwört Merkel die Vielfalt in der Einheit. "Die Stärke unseres Landes sind auch die Unterschiede." Sie machten stark, nicht schwach. Sie selbst wolle vier weitere Jahre als Kanzlerin arbeiten. Sie bittet die Bürger, am 24. September zur Wahlurne zu gehen. "Der Sonntag ist das Fest der Demokratie", sagt sie. Für Merkel geht es danach flugs weiter nach Passau. Dort steht um 18 Uhr die nächste Wahlkundgebung an. In der Drei-Flüsse-Stadt erteilt Merkel einer neuen Mietpreisbremse, wie sie die SPD fordert, eine Absage.

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