Erste Jugendforensik Bayerns in Regensburg
"Patienten, keine Sträflinge"

Gefängnis und Krankenhaus in einem: Die neue Jugendforensik (grünes Gebäude im Hintergrund) mit Sportanlage und Freisitzen auf dem Gelände des Bezirksklinikums Regensburg. Bild: Luge
Vermischtes
Regensburg
29.08.2017
655
0
 
(Foto: Medbo/Frank Hübler)

Die erste Jugendforensik in Bayern bereitet sich auf den Betrieb ab Dezember vor. Psychisch und suchtkranke Jugendliche sollen hier fit für den straffreien Alltag gemacht werden.

Von Miriam Luge

Bayerns erste Jugendforensik entsteht am Bezirksklinikum Regensburg. Dort werden junge Menschen untergebracht, die nicht voll straffähig sind. Nun werden die Sicherheitsvorkehrungen eingebaut und das Team vorbereitet, wie Lissy Höller, die Pressesprecherin der Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (Medbo), im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. Im Dezember wird die Klinik in Betrieb genommen.

Frustverarbeitung

Unter den vielen einfarbigen Gebäuden des Bezirksklinikums blitzen nun hellgrüne hervor, die Fenster sind schwarz gehalten. Ein Garten mit frisch gepflanzten Bäumen und grünem Gras säumt einen Volleyballplatz und ein Basketballfeld. Unter Sonnensegeln befinden sich Bänke und Hängematten. Doch vor den Fenstern sind Gitter angebracht, um die Gebäude und den Sportplatz hohe Zäune. So stellt man sich ein Gefängnis nicht vor, eine Klinik auch nicht. Genau diese Schnittstelle deckt die Forensik aber ab.

Wenn psychisch Kranke Verbrechen begehen, werden sie vom Richter nicht zur Gefängnishaft verurteilt, sondern zur Therapie im Maßregelvollzug. "Sie sind keine Sträflinge, sondern Patienten", sagt Höller. Und einige von ihnen sind noch Jugendliche oder junge Erwachsene. Sie sollen in der Klinik ein normales Leben lernen", sagt Höller: Durch einen Rhythmus, durch Arbeit, durch Sport. Stärker als bei Erwachsenen wird den Jugendlichen beigebracht, wie sie ihr Suchtverlangen und ihre Frustrationen durch Sport kompensieren können. Einige können so erst ein Körpergefühl entwickeln.

Diese Therapie absolvieren bayerische Jugendliche künftig in Regensburg. Bislang konnten in Bayern nur Suchtkranke untergebracht werden - im Bezirkskrankenhaus in Parsberg. Daran wird sich auch nichts ändern. Doch für junge Leute bis 24 Jahren, die aufgrund psychischer Erkrankungen kriminell wurden - etwa weil sie auf innere Stimmen hörten - gab es keine Einrichtung in Bayern.

Sie wurden etwa nach Hessen verlegt, weit weg von ihren Familien. Letztes Jahr wurden 23 junge Leute aufgrund von Straftaten unter Einfluss psychischer Erkrankungen verurteilt. 2007 entschied der Freistaat Bayern, in Zukunft Kranke, die als nicht schuldfähig verurteilt werden, in Bayern unterzubringen. Weil das Bezirksklinikum Regensburg in der Erwachsenen-Forensik und Kinder- und Jugendpsychiatrie gute Erfolge erzielt hat, bot es sich an. Am 17. Mai 2013 wurde der Grundstein gelegt. 40 Millionen Euro kosten den Freistaat die Baumaßnahmen, 6200 Quadratmeter wurden bebaut. Der größere Teil dient der Erweiterung der Erwachsenenforensik. Über insgesamt 24 Plätze verfügt die Klinik für forensische Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.

Die ersten Patienten werden aus dem Bezirkskrankenhaus Parsberg umgesiedelt - junge Erwachsene, die drogen- oder alkoholsüchtig sind und bei denen psychische Krankheiten zugrunde liegen. "Bei psychisch kranken Jugendlichen und jungen Erwachsenen fehlt es an der Reife", erläutert Höller. In der Forensik sollen sie so therapiert werden, dass sie straffrei in der Gesellschaft leben können. "Der Erziehungs- und Bildungsaspekt steht im Vordergrund", sagt Höller. Die Patienten können ihren Quali oder andere Schulabschlüsse nachholen. In Einzel- und Gruppengesprächen werden sie therapiert. In Werkstätten üben sie beim Bau eines Vogelhäuschens, an einer Sache dran zu bleiben - oder üben beim Sport den Teamgeist.

Wenn die Therapie Erfolge zeigt, gibt es auch Lockerungen. Denkbar ist, dass der Betreuer mal mit den Jugendlichen ins Kino geht oder ein Wochenende mit ihnen zum Zelten fährt. Die Lockerungen dienen auch dazu, sich draußen ein Leben aufzubauen. Eine Chance für Drogensüchtige, den Freundeskreis zu wechseln, und eine Arbeitsstelle zu finden. "Die Lockerungen sind zentral für den Therapieerfolg, werden jedoch nur dann gewährt, wenn kein Fluchtrisiko vorliegt und die Staatsanwaltschaft zustimmt", erklärt Höller.

Derzeit steht die baldige Aufnahme der künftigen "Kunden" im Vordergrund. Die baulichen Maßnahmen für die Jugendforensik sind abgeschlossen. Jetzt wird das Sicherheitssystem eingebaut und getestet. Das Sicherheitskonzept wurde komplett neu entwickelt - auf Grundlage der Erfahrungen in der Forensik.

Bauliche Veränderungen

Schon jetzt gelten erste Sicherheitsmaßnahmen, wie eine Eingangsschleuse, die nur von den Sicherheitsmitarbeitern geöffnet werden kann. Die Jugendforensik ist mit der Erwachsenenabteilung baulich verbunden, die in Betrieb geblieben ist. Bei den großen baulichen Veränderungen wurde auch sie erweitert: Patienten, die bislang in Sechsbett-Zimmern untergebracht waren, dürfen in Zweier-Zimmer umziehen.

Auch das zukünftige Personal wird auf die neuen Aufgaben vorbereitet. Es stammt zum Teil aus der Forensik, zum Teil aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Einige werden neu eingestellt. Im Oktober beginnt eine zweimonatige Vorbereitungszeit. Die Angestellten können sich mit dem Gebäude und den Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen. Sie üben, was im bei einem Feueralarm zu tun ist. Und finden als Team zusammen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.