Fünf Jahre nach Unglück der Costa Concordia
Erinnerungen an Horror-Nacht

Das Ehepaar Christa und Bernhard Sperger, hier vor einem Bild mit Ausflugsschiffen in Kelheim, haben die Havarie der Costa Concordia mittlerweile verarbeitet. Die beiden waren sogar schon wieder auf einer Kreuzfahrt. Bild: hfz
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Regensburg
12.01.2017
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Vor fünf Jahren kenterte das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia", dabei kamen 32 Menschen ums Leben. Bild: dpa

"Ich habe gedacht, das ist das Ende": Ein Ehepaar aus Kelheim erinnert sich an die Unglücksnacht vor fünf Jahren auf der Costa Concordia. Ihre Reiselust haben sie trotz des Schreckens nicht verloren.

Regensburg/Kelheim. Fünf Jahre ist es her, dass die Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio im Mittelmeer kenterte. Horrorszenen wie beim Untergang der Titanic spielten sich ab. Bernhard Sperger aus Kelheim war in der Unglücksnacht an Bord. "Ich habe gedacht, das ist das Ende", sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Der Hotelbesitzer saß zusammen mit seiner Frau Christa, deren Tante und einer Mitarbeiterin im Speisesaal beim Abendessen, als ein lauter Schlag das Schiff erschütterte. Erst habe es geheißen, es handle sich um einen technischen Defekt, aber bald war klar: Das Kreuzfahrtschiff war in akuter Seenot, es hatte einen Felsen gerammt. Menschen rannten zu den Rettungsbooten. Das Schiff geriet immer mehr in Schieflage. Die Lichter gingen aus, es war kalt.

Aus den Augen verloren

Sperger berichtet von "unschönen Szenen": Eine Gruppe junger Männer versuchte die Menschen von den Rettungsbooten wegzudrücken, um selbst einzusteigen. "Nur weil wir mehr Leute waren, konnten wir dagegen halten." In dem Chaos verlor der heute 70-jährige Kelheimer seine drei Begleiterinnen aus dem Auge. Angst stieg in ihm hoch, dass sie es nicht alle von Bord schaffen. Erst auf der Insel Giglio konnten sich die vier Reisenden aus Ostbayern wieder in die Arme schließen. Sie hatten unterschiedliche Rettungsboote erreicht. "Wir haben großes Glück gehabt", ist sich Sperger bewusst. 32 Menschen verloren bei der Havarie ihr Leben.

2015 wurde Kapitän Francesco Schettino zu 16 Jahren Haft verurteilt. "Ein angemessenes Urteil", meint Sperger. Wie viele Jahre der Kapitän davon wirklich absitzen wird, sei allerdings fraglich, hätten ihm Freunde aus Italien gesagt. Schettino habe auf ihn von Anfang an einen schlechten Eindruck gemacht, erzählt der Kelheimer. "Wenn das der Kapitän ist, fresse ich einen Besen", habe er zu seiner Frau gesagt.

Ein Jahr nach dem Unglück waren die Spergers noch einmal auf der Insel Giglio. Das Schiffswrack hing damals immer noch an dem Felsen fest, erst 2014 wurde es zur Verschrottung nach Genua geschleppt. Die Spergers haben den Vorfall mittlerweile verarbeitet. "Vergessen kann man so etwas aber nicht", sagt Bernhard Sperger. Außerdem werde er immer noch mindestens zwei Mal im Monat von Leuten auf das Schiffsunglück angesprochen.

11 000 Euro Entschädigung

Zurücklassen musste das Ehepaar all seine Habseligkeiten in der Kabine. Die Kelheimer konnten nur mitnehmen, was sie am Leib trugen. Eine Entschädigung in Höhe von 11 000 Euro pro Passagier von der Reederei haben die Spergers angenommen. Damit gelten alle materiellen und psychischen Schäden als abgegolten. Auf einen Rechtsstreit, wie ihn andere Passagiere gegen die Reederei führten, verzichteten sie.

Zugesagt war ihnen, dass der Tresor in der Kabine geborgen und der Inhalt zugestellt wird. "Doch bis heute haben wir nichts zurückbekommen", bedauert Sperger. Diese Dinge seien aber letztlich zweitrangig. "Wir haben Glück gehabt ohne Ende, dass wir überlebt haben", sagt er. Die Reiselust ist dem Ehepaar im Übrigen nicht vergangen: 2014 unternahm es wieder eine Kreuzfahrt, von Tokio nach Vancouver.

Francesco Schettino, der "Kapitän Feigling"Durch alle Instanzen: "Costa Concordia"-Unglückskapitän Francesco Schettino geht nach seiner Verurteilung zu 16 Jahren und einem Monat Haft in Berufung. Das sagte im Juni letzten Jahres sein Anwalt Donato Laini. Das höchste italienische Kassationsgericht ist die letzte Chance für den 55-Jährigen, seine drohende Haftstrafe doch noch abzuwenden.

Das Berufungsgericht in Florenz hatte im Mai 2016 das Urteil aus erster Instanz und damit die lange Haftstrafe für den Ex-Kapitän bestätigt. "Das Urteil hat unsere Argumentation nicht mit einbezogen", kritisierte Laino, der einen Freispruch gefordert hatte. "Wie es Schettino jetzt geht? Das kann man sich ja wohl vorstellen", sagte er damals. Der Ex-Kapitän hatte das Urteil in seinem Heimatort Meta di Sorrento bei Neapel verfolgt.

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" hatte im Januar 2012 vor der italienischen Insel Giglio einen Felsen gerammt und war gekentert. 32 Menschen starben, darunter auch zwölf Deutsche. Schettino ist noch immer auf freiem Fuß. Sollte das Kassationsgericht den Schuldspruch gegen ihn bestätigen, müsste der 55-Jährige ins Gefängnis. Experten zufolge könnte mindestens ein weiteres Jahr bis zu einem endgültigen Urteil vergehen. Die Anklage hatte ursprünglich eine Haftstrafe von 27 Jahren und drei Monaten gefordert. Marco de Luca, Anwalt der Reederei Costa Crociere, bezeichnete das Urteil als "ausgewogen".

Schettino steht nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes mit mehr als 4200 Menschen an Bord öffentlich heftig in der Kritik. Die Medien in Italien verspotteten ihn als "Kapitän Feigling", weil er die "Costa" in einem Rettungsboot verlassen hatte, obwohl noch Menschen an Bord waren. Schettino begründete das damit, dass er in das Boot gefallen sei. Nach Ansicht von Prozessbeobachtern will Schettino nun sein Image in der Öffentlichkeit ändern. "Abschied vom angeberischen Playboy," kommentierte die Zeitung "La Stampa". (dpa)
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