15.02.2018 - 16:42 Uhr
Regensburg

Klaus Panzer spricht über seinen Alltag mit Prostatakrebs "Opa geht auf die letzte Reise"

Wenn ein Mensch geht, der noch voll im Leben steht, hinterlässt er Lücken. Klaus Panzer erzählt von seinem Alltag als Krebspatient. Und er versteht sich als Mahner: "Geht zur Vorsorgeuntersuchung, im frühen Stadium ist diese Krankheit heilbar."

Klaus Panzer beim Redaktionsgespräch im Januar 2018. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Regensburg/Weiden. Drei Jahre sind vergangen, seit Klaus Panzer erstmals in unserer Zeitung, die auch seine ist, von seiner Prostata-Erkrankung erzählte. "Wenn ich das heute lese, habe ich manches wohl doch etwas zu heldenhaft geschildert", sagt der 72-Jährige schmunzelnd. Zeit, manche Einschätzung neu einzuordnen.

Die Krankheit hat den Ingenieur gezeichnet: Vor weniger als einer Wahlperiode blickte ein braun gebranntes, gestandenes Mannsbild selbstbewusst in die Kamera. Jetzt lächelt ein schmaler, blasser Senior in die Linse. "Radfahren traue ich mich inzwischen nicht mehr, wegen der Knochenmetastasen." Die Kampfkraft des Oberpfälzers ist langsam gewichen. Aber sie hat keine Leere zurückgelassen. An ihre Stelle trat eine weise Gelassenheit: "Ich habe Frieden geschlossen", sagt Panzer, "ich weiß, wo's hingeht." Jedenfalls meistens.

Natürlich gibt es auch dunkle Momente. "Wenn ich in ein Loch falle, weil ich mir zu viel zugemutet habe, ist da schon ein Gefühl der Traurigkeit." Der Zorn aber über den Tod, der sich zu früh in sein Leben drängte, ist verraucht. "Wir haben noch so viel schöne Zeit bekommen, dafür bin ich dankbar." Er habe nicht das Bedürfnis, nach Strohhalmen zu greifen: "Ich muss das nicht haben", sagt er verschmitzt, "dies und das Kräutlein - ich verlasse mich da lieber auf Erprobtes."

Die Prognose, die der passionierte Fotograf vor vier Jahren über Umwege - der Hausarzt hatte die Symptome falsch eingeschätzt, erst eine Ärztin im Notdienst erkannte den Ernst der Lage - mit der Diagnose auf den Weg bekam, habe ziemlich genau gestimmt. "Die erste große Hormontherapie hielt eineinhalb Jahre", erinnert sich Panzer. Vor zwei Jahren sei er in ein Tief gerutscht. "Alle sagten, es bleibt nur noch die Chemo", erzählt er, "aber die wollte ich nicht, es gab zu viele kritische Veröffentlichungen, dass daran nur die Ärzte verdienten."

Bestinformierter Patient

Sein Therapeut habe sich die Zweifel geduldig angehört und ihm trotzdem eine angeboten: "Die sanftere, palliative Variante - eine Art Wellness-Chemo." Sie habe ihn wieder hochgebracht für fast ein Jahr. "Der bestinformierte Patient", wie ihn sein Arzt einmal nannte, ist auf dem aktuellen Forschungsstand. Das merkt man spätestens, wenn er wie bei einer ärztlichen Visitation mit Medikamentennamen jongliert wie andere mit Bällen: "Bei Tagungen ist zurzeit ein heißes Thema, in welcher Reihenfolge man Medikamente wie Zytiga nehmen soll", referiert Panzer. "Die Wirkung baut aufeinander auf, eine frühe Chemo bringt mehr." Dagegen sei "Xtandi das Sahnehäubchen zum Schluss".

Jedem Prostata-Patienten vertraut ist die PSA-Kurve: "An meiner sieht man, es geht zu Ende", sagt er lakonisch. "Ich habe noch eine Chemo im Programm und die Nuklearmedizin - dann werde ich zum radioaktiven Sondermüll", sagt er grinsend mit schwarzem Humor. "Die soll gezielt im Körper Metastasen bekämpfen, aber sie zerstört natürlich auch andere Zellen."

Den Alltag bewältigt der weitgehend autonome Krebspatient mit Morphin in Form von Retardtabletten: "Eine sollte einen halben Tag wirken." Sein Arzt habe ihn gut ausgerüstet mit Schmerzmittel in verschiedenen Stärken, so dass er je nach Lage dosieren kann. "Durch die Metastasen schmerzen die Knochen." Aber immerhin, die Droge macht ihn auch etwas euphorisch: "Das nimmt man in meiner Lage gerne mit." Die Nebenwirkung aber ist weniger schön: "Wenn ich's vergessen habe, falle ich in ein Loch, dann würde ich am liebsten in den Keller."

Der Keller ist nicht nur der Ort der Rückzugs, er ist auch ein Notausgang: "Meine Frau macht einen Bogen um das Zimmer mit dem Kohlenmonoxid-Messgerät, mit dem man sehen kann, was da drin los ist." Panzer hat keine Angst vorm Sterben, aber vor den Schmerzen: "Knochenmetastasen können das Leben zur Hölle machen", weiß er aus Erfahrungsberichten. "Es ist meine letzte Risikoversicherung, das Gefühl, man könnte gehen, wenn es unerträglich wird, beruhigt mich."

Natürlichste Sache der Welt

Der Patient ist mit seiner Krankheit gewachsen - und hat erfahren, dass die Schmerztherapie voranschreitet. "So lange es mir so gut geht, spielt der Gedanke, dem Leben ein Ende zu setzen, keine Rolle", betont er. Stattdessen nutzt er sein Refugium für kleine Zeitreisen: "Ich habe erst wieder meine Bildbank durchstöbert." Seine Negative und Dias sind digitalisiert, ein Monitor hängt so an der Wand, dass er auch noch liegend durch die Jahrzehnte scrollen kann.

Der Abschied auf Raten hat die ganze Familie geprägt: "Meine Frau weiß genauso gut Bescheid über die Krankheit wie ich", sagt Panzer. "Dass sie alles versteht, ist wichtig", räsoniert er. Angehörige müssten dem Patienten seine Freiheit lassen. "Wenn ich Hilfe brauche, melde ich mich schon", sagt er. Ganz so einfach ist es im Alltag dann doch nicht: "Sie müssen ein Gefühl dafür entwickeln", ergänzt er nachdenklich, "wenn ich Aufmunterung brauche, sitze ich meist ruhig in der Ecke und sage gar nichts mehr."

Am natürlichsten gingen die Enkel mit seiner Krankheit um: "Der Opa geht auf die letzte Reise", bereitet sich die achtjährige Pauline auf den Abschied vor. "Das gehört für sie zum Leben, die natürlichste Sache der Welt."

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Klaus Panzers Blog:

http://letztabent.blogspot.de/2017/10/eine- gelungene-ruckzugsaktion.html

Therapiebegleiter für Paare

Wenn sich jemand mit der Fachliteratur zu seiner Krankheit auskennt, dann Vielleser Klaus Panzer: "Es gibt wohl kaum einen Krebs, der so viele unterschiedliche Aspekte aufweist, wie der Prostatakrebs." Gerade durch die oft lange Dauer und unterschiedlichen Stadien dieser Krankheit gebe es viel zu berücksichtigen. Unter dieser Prämisse hält er als Betroffener den neu im Trias-Verlag erschienenen Band "Prostatakrebs" für "eine einmalig gute Zusammenstellung aller Aspekte ... einen guten Wegbegleiter durch den Verlauf der Krankheit". Er nehme dem Anfänger den Schrecken und liefere dem Fortgeschrittenen Erfahrungswissen. "Sehr gut finde ich, dass auch die Frau miteinbezogen ist. ... Sie kann sich informieren und dadurch oft ihren Mann besser verstehen." (jrh)

"Prostatakrebs - Der Therapiebegleiter für Paare", Hrsg. Georges Akoa, Maximilian Burger, Wolfgang Otto

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