11.04.2017 - 21:40 Uhr
RegensburgOberpfalz

Krebserkrankungen stürzen Familien in materielle Not: Hingabe für Kinder als Kostenfalle

Wenn die Krankheit zum bloßen Kostenfaktor wird: Die Eltern von krebskranken Kindern sind nicht nur einer emotionalen Ausnahmesituation ausgesetzt. Hingabe und Fürsorge stürzen die Familien nicht selten in materielle Existenzängste.

Um "nachhaltig Einfluss zu nehmen", wählte Dr. Selim Corbacioglu einst den Beruf als Kinderarzt. Der international bestens vernetzte Mediziner bedauert, dass krebskranken Kindern in Deutschland die Lobby fehlt. Bild: cf
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Das Schicksal von Johanna (Name geändert) aus Weiden ist kein Einzelfall. Das achtjährige Mädchen muss zur Intensivbehandlung an die Uniklinik Regensburg. Mama und Papa wechseln sich ab mit den Besuchsfahrten, ihrem Kind geht es schlecht. Die Blutwerte sind so katastrophal, dass die Behandlung nicht beginnen kann. Daheim bedarf das vierjährige Brüderchen der Betreuung. Die Mutter muss den Job aufgeben. Das geschmälerte Familieneinkommen wird durch die Ratenzahlungen für das neu erbaute Häuschen strapaziert. Die Fahrten nach Regensburg gehen ins Geld, denn die Krankenkasse kommt nicht in jedem Fall dafür auf ...

Von "solchen oder ähnlich gelagerten Geschichten" kann Professor Dr. Selim Corbacioglu fast täglich erzählen. Der in Vohenstrauß aufgewachsene Kinderarzt leitet die Abteilung "Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation" der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Regensburg.

Als wäre das Los der krebskranken Kinder nicht schon hart genug: Ihre Familien leiden psychisch und finanziell mit. "Hier die Mitleids-Schiene zu bedienen - nach dem Motto ,die armen Kinder' - trifft nicht den Kern und hilft nicht weiter." Professor Corbacioglu macht eine "ökonomische Rechnung" auf: Weniger als 100 000 Euro kostet in Regensburg die Therapie eines krebskranken Kindes - bei einer Erfolgsquote von etwa 70 Prozent. "Diese gesunden Kinder zahlen später unsere Rente." Die tödliche Krebserkrankung eines Erwachsenen schlägt im letzten Jahr seines Lebens - bevor er stirbt - nicht selten mit 200 000 bis 400 000 Euro zu Buche.

Immenser Druck

Der Kinderarzt hat vor diesem Hintergrund nur einen einzigen Wunsch: "Ordentliche Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen." Sie übernehmen nach seinen Schilderungen nur zum Teil die Kosten für Room-In, aufwendige Besuchsfahrten oder Haushaltshilfen daheim. "Dabei geht es hier um überschaubare Beträge, um den Eltern die materiellen Existenzängste zu nehmen." Auch die Geschwister der Kinder leiden heftigst, weil ihre Betreuung häufig vernachlässigt wird. Immer mehr Eltern scheitern an dem immensen Druck: Jede dritte bis vierte Ehe wird geschieden.

Ohne die Unterstützung des Vereins für krebskranke und körperbehinderte Kinder (VKKK) wäre es sowohl um die Kinder-Onkologie als auch das familiäre Umfeld der Patienten kärglicher bestellt. Der VKKK trägt nicht nur die Personalkosten von fast 250 000 Euro für Arzt, Psychologe, Dokumentare, Spiel-, Kunst- und Musiktherapeuten. Weitere 90 000 Euro im Jahr fließen in Fahrtkosten, Familienunterstützung bei finanziellen Engpässen, Familientage für krebskranke Kinder und trauernde Familien, Übernachtung im Elternhaus u. a.

Selbst "Herzenswünsche" werden erfüllt, Instrumente, Bastelmaterial, Begleittherapie bezuschusst. "Es gibt in Deutschland keine einzige Kinder-Onkologie, die ohne Unterstützung durch die Eltern-Fördervereine existieren könnte", sagt Corbacioglu. Etwa 100 kleine Patienten aus einem Einzugsgebiet von Passau bis Hof behandelt die Kinder-Onkologie in Regensburg jährlich. Corbacioglu berichtet von einer 90-prozentigen Erfolgsquote bei Leukämie, von immerhin 40 bis 60 Prozent bei Hirn-, Knochen- oder Muskeltumoren. Nicht selten sind die Eltern auch die Stammzellen-Spender. Der Leiter der Abteilung bedauert nachdrücklich, dass für die Krebsbehandlung der Kinder meist nur "Uralt-Medizin" - zum Teil mehr als 50 Jahre alt - zur Verfügung stehe. Für die pharmazeutische Industrie sei die Entwicklung moderner Krebsmedikamente speziell für Kinder unrentabel, "da sie angesichts der relativ geringen Fallzahlen viel zu kostenintensiv sind".

Adoleszenz-Station geplant

"Ohne den Einsatz von modernen Krebs-Medikamenten, die eigentlich nur für Erwachsene zugelassen sind, könnte ich meinen Job an den Nagel hängen", betont Corbacioglu. Die Behandlung geht auch aus diesem Grund immer mit klinischen Studien einher. "Sie sind elementarer Bestandteil jeder Therapie." Der Professor betont beste internationale Vernetzung: "Ich kenne weltweit fast jeden relevanten Kollegen persönlich."

Inzwischen denkt Corbacioglu über den Aufbau einer onkologischen Adoleszenz-Station in enger Kooperation mit den internistischen Kollegen nach: "18, 19 oder auch bisweilen 25-Jährige sind noch lange nicht erwachsen. Sie haben andere Bedürfnisse als ältere Menschen." Die Krebserkrankungen seien denen von Kindern sehr ähnlich, also die Überlebenschance sehr gut. "Sie sind die medizinischen Waisenkinder unserer Zeit" sagt Corbacioglu.

Es gibt in Deutschland keine einzige Kinder-Onkologie, die ohne Unterstützung durch die Eltern-Fördervereine existieren könnte.Professor Dr. Selim Corbacioglu
Hier die Mitleids-Schiene zu bedienen - nach dem Motto "die armen Kinder" - trifft nicht den Kern und hilft nicht weiter.Professor Dr. Selim Corbacioglu, Leiter der Abteilung Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Regensburg

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.