Missbrauch und Körperverletzung: Baumer-Verlobter kommt mit Bewährungsstrafe davon
Opfer leiden bis heute

(Foto: dpa)
Vermischtes
Regensburg
15.12.2016
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Es kam wie erwartet: Der Ex-Verlobte von Maria Baumer ist am Donnerstag vor dem Landgericht Regensburg zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Während des viertägigen Prozesses hat er den sexuellen Missbrauch von zwei Domspatzen und die vorsätzliche Körperverletzung einer Studentin eingeräumt. Die Staatsanwältin hält ihn für „durchaus gefährlich für andere“.

Mit neuer, trendiger Frisur erschien der 32-jährige Krankenpfleger am letzten Prozesstag zur Verhandlung. Nach den Schlussplädoyers hatte er das Wort. „Es tut mir sehr leid“, wiederholte er seine Entschuldigung an die drei Opfer. Dass ihm diese Entschuldigung wenig bedeutet, hatte zuvor ein junger Domspatz in seiner Zeugenaussage erklärt. Er war im Schuljahr 2003/2004 im Alter von elf oder zwölf Jahren von dem Angeklagten bei einem Campingausflug im Genitalbereich berührt wurde, während er schlief. Als er aufwachte, zog der ältere Mitschüler seine Hand schnell weg.

„Ich habe ihm vertraut, er war ein Freund“

Die Erinnerung an den Vorfall sei in ihm hochgekommen, als er 2012 die Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ schaute, in der der Angeklagte nach seiner damals vermissten Verlobten Maria Baumer aus Muschenried (Kreis Schwandorf) suchte, erklärte der heute 25 Jahre alte Mann. Es sei das erste Mal nach der gemeinsamen Zeit bei den Regensburger Domspatzen gewesen, dass er seinen früheren Vertrauten wiedergesehen habe. Ein halbes Jahr später rief die Polizei bei ihm an, um ihn wegen seines Verhältnisses zu dem Krankenpfleger zu befragen. „Dadurch ist das wieder richtig intensiv geworden“, sagte der Zeuge, der Antidepressiva nimmt und in therapeutischer Behandlung ist. Der körperliche Kontakt mit seiner Ehefrau sei für ihn „schwierig“ geworden. „Ich habe ihm vertraut, er war ein Freund“, betonte der Zeuge, der wie die anderen Opfer auch als Nebenkläger in dem Prozess auftritt.

Einen weiteren Domspatz missbrauchte der Angeklagte in der Zeit zwischen 2006 und 2011 mehrmals. Bei gemeinsamen Übernachtungen zog er die Hose des Opfers herunter und manipulierte an dessen Glied, während dieser schlief. Die Taten hielt er auf Videos und Fotos fest. In einem Fall brachte er den Jungen auch dazu, ihn oral zu befriedigen. Dass die Taten sogar im Elternhaus des Opfers und auch in der gemeinsamen Wohnung mit Maria Baumer stattfanden, zeuge „von erheblicher krimineller Energie“, stellte Staatsanwältin Christine Müller fest.

Vertrauen des Opfers „erschlichen"

Auch im dritten Fall habe sich der Angeklagte das Vertrauen des Opfers „erschlichen und auf das Mieseste missbraucht“, fand Müller deutliche Worte. Es handelt es sich um eine junge Patientin des Bezirksklinikum Regensburg, die der Angeklagte als Krankenpfleger kennengelernt hatte und in die er sich nach eigenen Angaben verliebte. Bei einem Treffen in ihrer Wohnung im April 2014 träufelte er ihr ein beruhigendes Mittel in den Tee. Ob und welche Annäherungen in der darauffolgenden Nacht stattfanden, in der die Frau ohnmachtsartig schlief, geschah, konnte vor Gericht nicht geklärt werden. Die Enttäuschung bei allen drei Opfern sei umso größer gewesen, da sich der Angeklagte ihnen zuvor als Vertrauter und Freund präsentiert habe, erklärte die Staatsanwältin. Auch mit den Eltern der Opfer habe er sich angefreundet. Müller machte keinen Hehl daraus, dass sie den Angeklagten weiterhin für gefährlich hält – und riet zu einer Sexualtherapie.

Dafür gebe es keine Notwendigkeit, erwiderte Verteidiger Michael Haizmann. Er holte zum Gegenschlag aus und sprach davon, dass sein Mandant an den Pranger gestellt werde. „Er ist zu einem Gejagten geworden“, sagte Haizmann mit Blick auf die Ermittlungen zu den Todesumständen von Maria Baumer. Sein Mandant werde permanent polizeilich bewacht, habe wegen der Medienberichterstattung seinen Job am Bezirksklinikum verloren.

Umfassendes Geständnis

Vorsitzender Richter Pfeiffer machte eine Sexualtherapie nicht zur Auflage. Aus Sicht des Gerichts liege keine Pädophilie des Angeklagten vor, es habe sich bei den Taten um „episodenhaftes Geschehen“ gehandelt. Allerdings darf der Verurteilte künftig keinerlei Kontakt zu den drei Opfern aufnehmen. Alle drei Opfer hätten bis heute mit massiven psychischen Folgen zu kämpfen.

Keine Anhaltspunkte sah das Gericht für eine mögliche Reifeverzögerung des Angeklagten, der bei der ersten Tat mit 18 oder 19 noch ein Heranwachsender war. Daher kam in allen Fällen Erwachsenenstrafrecht zur Anwendung. Zu Gute hielt Pfeiffer dem Angeklagten dessen umfassendes Geständnis, das den Opfern eine ausführliche, möglicherweise retraumatisierende Befragung erspart habe. Wichtig war dem Richter, dass kein Stellvertreterprozess für den Fall Maria Baumer geführt worden sei. Es sei lediglich so, dass die Taten im Zuge der Ermittlungen im Fall Baumer entdeckt worden seien.

Bereits am ersten Verhandlungstag hatten sich Gericht, Staatsanwaltschaft, zwei der drei Nebenkläger sowie die Verteidiger in einem Verständigungsgespräch darauf geeinigt, dass der Angeklagte mit einer Bewährungsstrafe von eineinhalb bis zwei Jahren rechnen kann, wenn er die Taten einräumt und Schmerzensgeld an die Opfer überweist. Es handle sich bei der Verständigung nicht um einen „faulen Kompromiss“, sondern ein einwandfrei gebilligtes Rechtsmittel, betonte Richter Pfeiffer. Der Angeklagte habe zudem Dinge eingeräumt, die man ihm vor Gericht wohl schwer nachweisen hätte können. Der Krankenpfleger muss die Kosten des Verfahrens tragen und 200 Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten.
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Angelika Oetken aus Regensburg | 01.08.2017 | 12:09  
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