15.06.2012 - 00:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

Neue Leiterin Dr. Agnes Tieze ist wechselseitigen Einflüssen der Kunst-Entwicklung auf der Spur Detektivin der Kunstgeschichte

Die jüngere Geschichte des Kommens und Gehens von Leitern des Kunstforums Ostdeutsche Galerie schreckt die Neue nicht: Dr. Agnes Tieze hat zuletzt als Direktorin die Geschicke des Museums für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität in Marburg geleitet. In Regensburg, das ihr außerordentlich gut gefällt, möchte sie im Team noch mehr Menschen für Kunst aus Mittelosteuropa begeistern - und den Blick für Sinnzusammenhänge schärfen.

Agnes Tieze, die neue Direktorin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie vor einem ihrer Lieblingswerke: "Das schöne, minimalistische Objekt aus zarten Materialien von Ulrich Behl aus Pommern stellt sich von verschiedenen Seiten immer anders dar." Bilder: Wolfram Schmidt/Christian Stein
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Tieze, haben Sie sportlichen Ehrgeiz? Wie viel Ausdauer trauen Sie sich auf diesem Schleudersitz zu?

Tieze: Das wurde etwas hochgekocht von der Presse. In Nordhessen habe ich nichts davon mitbekommen, dass hier so ein rasanter Wechsel stattgefunden hätte. Es mag ja sein, dass Frau Modesta nicht sehr lange hier war, aber wenn das in einer Bank gewesen wäre, hätte die Öffentlichkeit kaum Notiz davon genommen. Zuvor hat Frau Lorenz die Besucherzahlen positiv beeinflusst. Sie hat eine wunderbare Schaustellung gestrickt und mit Lovis Corinth eine der erfolgreichsten Ausstellungen des KOG konzipiert. Im Übrigen bewerbe ich mich auf eine Stelle, weil mich die Aufgabenstellung interessiert, nicht aufgrund der Überlegung, wie lange ich bleiben will.

Der kommissarische Leiter, Dr. Schörnig, hat manchen Ihrer Vorgängern mangelnden Teamgeist angekreidet. Sehen Sie darin eine Herausforderung, alle Mitarbeiter miteinzubinden, und wenn ja, wie?

Tieze: Ein Museum hat verschiedene Aufgaben und Bereiche, die von fachlich unterschiedlich ausgerichteten Leuten geleistet werden. Da müssen verschiedene Komponenten zusammenwirken. Man hat ausgewiesene Fachkräfte für Grafik, für Malerei, für Skulpturen und das erfordert ein gewisses Zusammenspiel. Dann gibt es einen Bereich Öffentlichkeitsarbeit, Museumspädagogik und eben auch die Leitung, die alles zusammenhalten muss. Ich selbst bin kein Restaurator und kann auch kein Bild gerade an die Wand hängen. Andere können dafür weniger gut Texte schreiben. Nur zusammen können wir eine erfolgreiche Arbeit leisten. Sie sind Augsburgerin, haben dort und in Bonn Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Kunsterziehung studiert - was waren Ihre Schwerpunkte? Ihr Dissertationsthema, ein flämischer Barockmaler, war ja geographisch eher westlich geprägt?

Tieze: Im Laufe eines Studiums müssen Sie sich verschiedene Schwerpunkte aneignen. Mein Dissertationsthema über den flämischen Barockmaler Anton Goubau habe ich nach der Magisterarbeit aufgenommen, weil mich der Kunsttransfer zwischen Nord und Süd interessiert hat. Er war einer von vielen flämischen Künstlern, die nach Italien gereist sind und von dort Einflüsse mitgebracht haben.

Ihre musealen Stationen waren die Staatlichen Museen Kassel, das Städel Museum Frankfurt und seit 2007, als Direktorin, das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität in Marburg - was haben Sie aus den jeweiligen Orten mitgenommen?

Tieze: Bei meinem Museumsvolontariat in Kassel konnte ich im Grafikbereich vor allem das 19. und 20. Jahrhundert kennenlernen. Zum Schluss beschäftigte ich mich mit Gemälden des frühen 18. Jahrhunderts. Im Städel Museum war ich drei Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt. Dort konnte ich mir bei Gemälde-technologischen Untersuchungen einen vertieften Einblick in die Gemäldestruktur verschaffen - ob mit UV-, Röntgen-, Mikroskop-Technik, man nahm das Bild sehr genau ins Visier. Ich lernte Wichtiges zum konservatorischen Umgang und wurde mit Zustands- und Echtheitsfragen konfrontiert. Das war eine große, gut aufgestellte Museumsinstitution, wo ich in viele Tätigkeiten integriert war.
Im Anschluss folgten in Marburg institutionelle Erfahrungen in leitender Position. Dieses Museum wurde mit einer pfiffigen Idee gegründet. Die Philipps-Universität feierte damals, 1927, ihr 400-jähriges Jubiläum und zu diesem Anlass trug der Kunsthistoriker Richard Hamann mit seinen Beziehungen zu Kassel und Berlin maßgeblich dazu bei, eine ansehnliche Gemäldesammlung einzurichten. Man hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur Professorenporträts und kulturgeschichtliche Objekte. Hamann gelang es, 100 Dauerleihgaben und Schenkungen zeitgenössischer Künstler zu bekommen. In einer großen Ausstellung haben wir die Hintergründe 2009 aufgearbeitet. Hamann hatte sich übrigens intensiv mit der Breslauer Malerschule auseinandergesetzt, etwa mit Oskar Moll, einem Schüler Lovis Corinths - ein Thema, das auch für Regensburg wichtig ist.

Ihr Bezug zum "ostdeutschen" Bildungsauftrag des KOG war bisher eine kleine Ausstellung zu Otto Dix - wie möchten Sie diesen Ost-Ansatz interpretieren: osteuropäisch, noch weiter östlich? Gibt es überhaupt gemeinsame östliche Strukturen, die man freilegen könnte?
Tieze: Ich denke, dass man in Zukunft neu diskutieren muss, ob der Name noch zeitgemäß ist und von den künftigen Generationen noch verstanden wird. Wichtiger ist mir, dass die Entwicklung in der Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhundert so stringent an Hand dieser Sammlung aufgezeigt werden kann, dass Sie fast nichts vermissen. Beim Gang durch das Museum stößt man auf sehr wichtige Strömungen der Kunstgeschichte. Sie können hier den Landschaftsmaler Waldemar Rösler kennenlernen, der impressionistische Tendenzen aufnahm und sie an Max Beckmann weitergab.

Das sind Fragestellung, die uns in den künftigen Ausstellungen beschäftigen werden: Wie werden bestimmte Themen in den von uns definierten Bereichen umgesetzt, wie stilistische Tendenzen im östlichen Europa rezipiert? Denken Sie an den tschechischen Kubismus von Emil Filla. Wie haben die Künstler hinter dem Eisernen Vorhang westeuropäische Künstler wahrgenommen? Manche konnten ja reisen, wurden zur Documenta eingeladen. Oder haben sie eher alte Meister zitiert? Hier gibt es ganz viele offene Fragestellungen. Mein Wunsch ist, dass man weniger die monographische Entwicklung eines einzelnen Künstlers zum Thema macht, sondern stärker versucht, exemplarisch solche Bezüge darzustellen. Gibt es auch den umgekehrten Weg von Ost nach West?

Tieze: Der ist vielleicht eher im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu sehen. Es gab viele wichtige Kunstschulen, die im Museum vertreten sind - die Breslauer, die Königsberger Malerschule, die ausgestrahlt haben.

Können Sie die Schlagworte "Erinnerung & Vision" für die Schausammlung von Ulrike Lorenz und "Entwicklung & Dialog" als Ihre mögliche Weiterentwicklung etwas genauer erläutern?

Tieze: Man sollte die Schausammlung immer wieder mal neu präsentieren, die Bestände in einem neuen Kontext zeigen. Frau Lorenz' Konzeption ist sehr gut durchdacht, aber es besteht immer die Chance, durch eine Akzentverschiebung neue Einblicke zu ermöglichen. Ich könnte mir vorstellen, diesen oben beschriebenen Entwicklungsstrang stärker zu betonen, ihn aber immer wieder mit Dialogen von Bildern zu unterbrechen, die unterschiedlichen Stilen angehören, zur Entwicklung aber Entscheidendes beitrugen - wie das Beispiel Waldemar Rösler und Max Beckmann zeigt. Wie möchten Sie das Haus - noch - besucherfreundlicher machen? Werden auch Regensburger Promis ihr Lieblingsbild erklären?

Tieze: Mit der Reihe "Marburger Prominente führen ihr Lieblingsbild" hatte ich die Chance ergriffen, das Marburger Publikum wieder stärker für das Museum zu interessieren. Namhafte Persönlichkeiten haben dort einmal im Monat, von der Presse begleitet, ihren Bezug zu einem Werk geschildert. Das war sicher kein vertiefter kunsthistorischer Zugang, wenn etwa ein namhafter Kardiologe einen Künstler vorstellte, den er selbst in Behandlung hatte. Ein anderer hatte über Ferienaufenthalte der Eltern einen persönlichen Kontakt zum Künstler. Dadurch flossen private Dokumente mit ein und man lernte neue Seiten kennen. Ich denke, man kann solche Ideen nicht von einem auf das andere Haus 1:1 kopieren.

Was halten Sie von der Öffnung des Museums für Tanz und Teenager?

Tieze: Ich bin sehr offen für alle interdisziplinären Möglichkeiten. Musik, Tanz, Theater, Performances können sehr förderlich sein. Viele zeitgenössische Künstler bewegten sich sehr stark um andere Kunstformen herum, gerade der in Regensburg sehr stark vertretene Expressionismus. Insofern ist das auf jeden Fall gerechtfertigt. Wichtig sind die Qualität und die thematische Anknüpfung an den Auftrag des Hauses.

Zum Beispiel mit expressionistische Tanzformen?

Tieze: Da gab es eine tolle Ausstellung in Darmstadt, die haben das Thema Expressionismus als Gesamtkunstwerk präsentiert. Und es gab ja viele Künstler, die sich in diesem Milieu bewegten und Tänzerinnen porträtierten.

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