Politikmagazin bringt neuen Wirbel in Domspatzenskandal
Missbrauch auch unter Schülern

"Von einem generell sexualisierten Klima im Gymnasium kann demnach auf Basis des vorliegenden Datenmaterials nicht ausgegangen werden." Zitat: Rechtsanwalt Ulrich Weber im Abschlussbericht
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Regensburg
21.03.2018
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Die Regensburger Domspatzen bei einem Konzert auf einer Südafrika-Tour. Bild: Kim Ludbrook/epa/dpa

Mit dem über 400 Seiten starken Abschlussbericht ist der Missbrauchsskandal der Regensburger Domspatzen anscheinend noch lange nicht aufgearbeitet - und in allen Teilen bekannt. Ein ehemaliger Schüler bricht nun sein Schweigen. Er sagt: Missbrauch gab es auch unter Schülern.

Der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen ist möglicherweise größer als bislang bekannt. Das hat das ARD-Politikmagazin "Report Mainz" berichtet. Der ehemalige Schüler erzählte in dem Politikmagazin, er sei jahrelang im Internat bei den Regensburger Domspatzen von älteren Schülern sexuell missbraucht worden. Ihm zufolge sei es gängige Praxis gewesen, dass sich ältere Schüler an jüngeren vergingen. "Das Ganze hatte System", sagte er in dem Fernsehinterview.

Immer wieder Übergriffe

Der Schüler hatte von 1987 bis 1992 fünf Jahre seiner Kindheit bei den Domspatzen verbracht. Während dieser Zeit habe er immer wieder Übergriffe durch ältere Schüler erlebt - im Internat selbst in den Zimmern, in Toiletten, Duschen und im Schwimmbad sowie auf Konzertreisen, so der Schüler. Seinen Eltern hatte er sich nach eigenen Aussagen aus Scham nie anvertraut. Ihm zufolge gab es kaum einen Ort, wo er sicher war. Bislang öffentlich bekannt und aufgearbeitet wurden lediglich Fälle von Gewalt und Missbrauch durch Priester und Erzieher. Im Juli 2017 wurde der Abschlussbericht des Bistums vorgelegt. Nach Recherchen von "Report Mainz" heißt es darin, die sexuelle Gewalt unter Mitschülern sei nicht Bestandteil der Aufklärungsarbeit gewesen.

Ebenfalls nicht berücksichtigt wurden demnach Meldungen zu Vorfällen sexueller Gewalt, die sich nach entsprechender Prüfung nicht im Verantwortungsbereich der Domspatzen abspielten - etwa Übergriffe bei Gasteltern auf Konzertreisen.

Das Bistum selbst habe die Sendung vom 20. März "mit Erschütterung und Bedauern" gesehen, heißt es in einer Stellungnahme. Zugleich betonten die Sprecher Clemens Neck und Christof Hartmann von der Stiftung Regensburger Domspatzen am Mittwoch, dass die in der Sendung thematisierten Fälle von Missbrauch auch unter Schülern nicht neu seien. Der unabhängige Ermittler Ulrich Weber habe diese bereits in seinem im vergangenen Jahr vorgelegten Abschlussbericht zu den jahrzehntelangen Übergriffen bei den Domspatzen verzeichnet.

Vorfälle "nicht neu"

Laut Webers Bericht wurden 547 Regensburger Domspatzen seit 1945 "mit hoher Plausibilität" Opfer von Übergriffen durch Erwachsene, davon wurden 67 Domspatzen sexuell missbraucht. Im Bericht heißt es, dass es auch "sexuelle Gewalt oder einvernehmliche sexuelle Kontakte unter Mitschülern" gegeben habe. Davon hätten allerdings nur einige Schüler Kenntnis besessen: "Von einem generell sexualisierten Klima im Gymnasium kann demnach auf Basis des vorliegenden Datenmaterials nicht ausgegangen werden."

Das Thema werde darüber hinaus derzeit im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Studie geprüft. Diese entsteht den Angaben zufolge in Verantwortung des Direktors der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Martin Rettenberger. Die Ergebnisse sollen im März 2019 vorgelegt werden.

Doch was sagt das Bistum Regensburg zu Thomas M.? Anfang 2010 habe sich der ehemalige Schüler an die damalige Missbrauchsbeauftragte gewandt. Die Diözese habe die Informationen an die Regensburger Staatsanwaltschaft weitergeleitet. "Das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen ist uns nicht bekannt", teilt das Bistum mit. Fünf Jahre später, im Mai 2015 habe sich M. noch einmal an die Diözese gewandt. Der Missbrauchsbeauftragte soll den ehemaligen Schüler daraufhin zu einem Gespräch eingeladen haben - M. habe diese Einladung ausgeschlagen. Nun soll erneut versucht werden, Kontakt zu Thomas M. aufzunehmen.

Peter Schmitt, Mitglied des Aufarbeitungsgremiums für Missbrauchsfälle aus den Jahren 1945 bis 1992 bei den Regensburger Domspatzen, zeigte sich angesichts des Fernsehberichts irritiert. Der Beitrag sei, was die laufende Aufarbeitung betrifft, nicht korrekt recherchiert, sagte er gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Auch Schmitt spricht davon, dass der Hinweis auf die sozialwissenschaftliche Studie ignoriert werde. Zudem stütze sich der TV-Bericht auf zwei Fälle, was die Schlussfolgerung auf ein vorhandenes System in keinster Weise rechtfertige. Gegenüber dem BR sagte Schmitt, der selbst Domspatz war und in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen massive körperliche Gewalt erlebt hatte, er könne nicht nachvollziehen, warum jetzt ein neues Fass aufgemacht und die umfangreiche und transparente Aufarbeitungsarbeit, die nach wie vor läuft, in Frage gestellt werde.

Von einem generell sexualisierten Klima im Gymnasium kann demnach auf Basis des vorliegenden Datenmaterials nicht ausgegangen werden.Rechtsanwalt Ulrich Weber im Abschlussbericht
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Tobias Punzmann aus Neustadt an der Waldnaab | 21.03.2018 | 20:58  
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