25.10.2017 - 22:24 Uhr
RegensburgOberpfalz

Prozess in Regensburg gegen Elternpaar "Zuhause war es nicht schön"

Ihr kleiner Junge ist nach schweren Brandverletzungen kaum mehr ansprechbar. Doch die Eltern widmen sich lieber Sexspielchen, anstatt einen Arzt aufzusuchen. Sie sind jetzt wegen versuchten Mordes angeklagt. Am ersten Verhandlungstag kommt Erschreckendes ans Licht.

Die wegen versuchten Mordes durch Unterlassen angeklagten Eltern eines fünfjährigen Jungen stehen seit Mittwoch in Regensburg vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, sich nicht um ihren Sohn gekümmert zu haben - trotz seiner schweren Brandverletzungen. Bild: Roland Beck/dpa
von Agentur DPAProfil

Die Pächterin einer Tankstelle im Kreis Cham ahnt sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist, als im Herbst vergangenen Jahres ein Pärchen mit einem kleinen Jungen in das Geschäft kommt. Der Bub hat Brandverletzungen im Gesicht und zittert. Die Eltern geben aber seelenruhig Pakete ab. Die Pächterin informiert schließlich das Jugendamt. Der heute Sechsjährige wird aus der Familie geholt und in ein Spezialkrankenhaus gebracht. Seit Mittwoch müssen sich die Eltern vor dem Landgericht in Regensburg wegen versuchten Mordes verantworten.

Einfach nichts getan

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Paar vor, den Jungen aus Angst vor dem Jugendamt nicht zum Arzt gebracht zu haben. Noch heute leide der Bub unter den traumatischen Folgen der Brandverletzungen, sagt Oberstaatsanwältin Ulrike Klein. Die Polizei hat eine Zeit lang gebraucht, um annähernd rekonstruieren zu können, was am 30. September 2016 passiert ist: Die Mutter fasst den Ermittlungen zufolge den Entschluss, mehrere Gegenstände in Waldmünchen (Kreis Cham) im Garten mit Benzin zu verbrennen. Dabei entzündet sich der Kanister. In Panik schleudert die 37-Jährige diesen von sich - Treibstoff trifft den Buben, dessen Körper sofort zu brennen beginnt. Der Mutter gelingt es, mit einer Jacke die Flammen zu ersticken.

Bis dahin wäre es wohl ein tragischer Unfall gewesen. Doch die Eltern überließen laut Anklage das Kind mehr oder weniger sich selbst. Auch als sich der Zustand des Jungen in den folgenden Tagen dramatisch verschlechterte taten sie nichts. Der Junge soll immer wieder vor Schmerzen geschrien und geweint haben, berichten seine Geschwister später der Polizei. Eine Kriminalbeamtin schildert, unter welchen Bedingungen der Junge mit seinen vier Geschwistern im Alter zwischen drei und zwölf Jahren aufwuchs: In den Betten fanden die Beamten teilweise keine Matratzen. Ein Zimmer sei voll mit Hundekot gewesen. Ihr Frühstück hätten sich die Kinder häufig selbst machen müssen. Spielsachen habe es kaum gegeben. Die arbeitslosen Eltern stifteten ihre Kinder zu Diebstählen an und nahmen sie zu Drogenfahrten nach Tschechien mit.

"Nur wegen Kindergeld"

Der blass wirkende Angeklagte schüttelt immer wieder den Kopf, als er die Vorwürfe hört. Seine Frau verharrt dagegen nahezu regungslos auf ihrem Stuhl. Eines der Kinder beschrieb die Mutter gegenüber der Polizei als emotionslos. "Meine Eltern haben so viele Kinder, weil sie dafür Kindergeld bekommen", gab ein Bruder des Opfers zu Protokoll. Immer wieder soll das Paar vor den Kindern Sex gehabt haben. Selbst als der Junge zusammengekauert auf dem Sofa nur noch röchelt, sucht das Paar laut Staatsanwaltschaft im Internet nach Partnern für Sexspiele.

Laut Verteidiger Jörg Meyer leidet die Mutter unter einer Art von Schizophrenie. Deshalb habe sie keine ärztliche Hilfe geholt habe. Michael Haizmann, der Verteidiger des Vaters (37), hält die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft als "etwas zu hoch aufgehängt". Der Junge muss wahrscheinlich weitere Operationen über sich ergehen lassen. Als Polizeibeamte von ihm wissen wollten, ob es zu Hause schön gewesen sei, schrie er: "Nein, zu Hause war es gar nicht schön." Für den Prozess sind zwölf weitere Verhandlungstage angesetzt.

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