Horst Seehofers Auftritt beim CSU-Bezirksparteitag
"Die Oberpfalz ist eine Macht"

Herrenrunde auf Augenhöhe: Nicht ganz einfach haben es Sozialministerin Emilia Müller (von links) und Abgeordnete Sylvia Stierstorfer, sich neben den Parteigrößen Franz Löffler, Albert Füracker und Horst Seehofer zu behaupten. Bilder: Herda (2)
Politik
Regenstauf
09.07.2017
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"Was wollt ihr mehr? Ihr habt starke Gaufürsten, die auch meine eigene Lebenserwartung verlängern. Die Oberpfalz ist eine Macht." Zitat: CSU-Chef Horst Seehofer

Er ist wieder da. Man tut ja oft so abgeklärt, als käme der Ministerpräsident täglich zu Kaffee und Kuchen. Kaum geht das Gerücht um, Horst Seehofer sei eingetroffen, geht ein Surren durch den Saal - Bienenstock im Alarmzustand. Delegierte stehen mit gezückten Handys, draußen drängt sich das Empfangskommando um den CSU-Chef.

Später wird der "Jetzt mach' ich's doch noch mal"-Regent einige Erfolgsrezepte predigen. Auffällig beim Blick auf den inneren Zirkel, der sich um Horst Seehofer drängt: der neue Trend zur Größe. Auf Augenhöhe begegnen sich vor der Regenstaufer Jahn-Halle der Boss, der alte Fuchs Franz Löffler und der mit 95 Prozent wieder gewählte Bezirkschef Albert Füracker.

Beim Hinhören fällt eine weitere Gemeinsamkeit auf: Die Runde liebt den gepflegten Herrenwitz. Man möchte sich und andere nicht noch langweilen, wenn man schon im blauen Zweireiher, schwarzen Anzug oder kernigen Trachtenjanker 30 Grad Klimawandelhitze trotzen muss. Es ist ein einziges Necken und Herzen zwischen den Männern. Man möchte fast meinen, die Hahnenkämpfe seien ausschließlich für die Medien inszeniert. "Bei euch herrscht Eintracht", sagt Seehofer grinsend in die Menge, "wenn's gegen mich geht sowieso." Dröhnendes "Ha-ha-ha" wie von Imitator Süß.

Es hat was von Stammtisch im besten Sinne: Die Jungs ziehen sich gegenseitig auf, aber alles nicht so bös' gemeint. "Ihr habt einen erstklassigen Bezirksvorsitzenden, der nicht befördert werden will", lobt Seehofer gefährlich hintergründig. Versetzen habe er ihn wollen, damit er noch schneller vorwärts kommt. Schließlich habe er im Söder-Ministerium schon alles erreicht. Vielleicht war dem Boss aber auch die Symbiose des fränkisch-oberpfälzischen Heimat-Duos am Kabinettstisch zu eng: "Ich kann aus seiner Physiognomie entnehmen, nicht nur wie's ihm geht", lästert Seehofer, "sondern auch wie's seinem Minister geht."

Ein wenig Fegefeuer

Dass Füracker noch einen steilen Aufstieg vor sich hat, habe der Ingolstädter schon früh bemerkt - bei einem Krankenbesuch habe er ihn ermahnt: "Albert, du musst gesund werden, du hast nicht die letzte Stufe deiner Karriere erreicht." Er habe ihn daraufhin angeschaut, als würde er eine Leichenrede halten. Kein Wunder bei einem Parteichef, der den direkten Weg ins Paradies sucht. Weil Seehofer Bayern gerne als Vorstufe zum Paradies bezeichnet, habe ihn der frühere Passauer Bischof theologisch aufgeklärt: "Wissen Sie, was die Vorstufe zum Paradies ist? Das Fegefeuer." Der CSU-Chef habe das von der katholischen Universität Eichstätt prüfen lassen: "Es gibt auch den direkten Weg ohne Fegefeuer."

Ein bisschen Fegefeuer muss der wankende Riese auf der Bühne mit Blick nach oben dann doch hinnehmen: "1, 2, 3", zählt Seehofer die gleißenden Bühnenscheinwerfer durch, "4, 5, 6, 7, 8, 9, z-eh-n - schalt's halt die Heizstrahler aus!" Weil keiner auf die Schnelle den Schalter findet, erträgt der 68-Jährige tapfer sein Kreuz. "Ein bisschen Spaß muss sein", leitet Seehofer zum offiziellen Wahlkampfauftakt über. Schließlich wollten die Wähler keine Technokraten, die mit Worten belehrten, sondern Wahlkämpfer, die mit Beispielen begeisterten: "Die Menschen müssen spüren, die kämpfen um die Zukunft unserer Heimat Bayern."

"Der beste und oberste Wahlkämpfer", wie ihn Füracker angekündigt hat, würde angesichts der Umfrageergebnisse "die aktuelle politische Situation am liebsten einfrieren und am 24. September wieder auftauen: Deutschland steht gut da wie nie, Bayern blüht, die CSU ist gut in Form." Er habe auch mit der Kanzlerin um Einigung gerungen: "Sie hat gesagt, ,ich habe fünf Jahre Physik studiert, aber die Formel finde ich nicht'." 12 Jahre regiere man nun mit Angela Merkel, 60 Jahre ununterbrochen in Bayern - bei aller berechtigter Mahnung vor Arroganz, so viel Selbstbewusstsein dürfe schon sein: "Es waren gute Jahre."

"Mal so, mal so, mal anders"

Nur hätten einige seinen Beitrag dazu noch nicht verstanden: "Ich habe Jahre hinter mir, wo mir pausenlos unterstellt wurde, er macht es mal so, mal so, mal anders." Dabei könne man von den Wittelsbachern lernen. Die seien mal mit Napoleon, dann mit den Habsburgern, wieder mit Napoleon, aber in die entscheidende Schlacht mit den Österreichern gezogen. "Jede Situation hat zur Abrundung des Staatsgebiets geführt", freut sich Seehofer. "Die Historiker schreiben, das war eine kluge Politik - ich frage mich, warum man erst sterben muss, bis man das einsieht."

Was wollt ihr mehr? Ihr habt starke Gaufürsten, die auch meine eigene Lebenserwartung verlängern. Die Oberpfalz ist eine Macht.CSU-Chef Horst Seehofer

In den Wahlkampf ziehe Horst Seehofer voller Überzeugung mit der Kanzlerin, "weil sie unbestritten der Stabilitätsanker und die Führungsfigur in der westlichen Welt ist." Der Streit sei vergessen, das Thema Asyl in den Hintergrund gerückt, die meisten CSU-Forderungen erfüllt. Profilierung gehöre zur Demokratie, aber nicht Streit vor der Wahl. Jetzt sei Zeit für klare Ansagen: "Wohlstand für alle", fordert der Parteichef, "wir haben das in Bayern weitgehend erreicht", in Deutschland sei das noch eine Aufgabe.

"Sicherheit für alle" sei ein zweiter Slogan, der mehr beinhalte, als Polizeipräsenz: Man könne sich in unverschuldet schwierigen Lebenslagen auf die Solidargemeinschaft verlassen. Wohlstand und Sicherheit für alle möchte die CSU aber nicht mit höheren Steuern erkaufen: "Wenn wir Menschen helfen wollen, können wir das aus den Steuereinnahmen finanzieren, die sind so hoch wie nie zuvor." Helfen möchten die Christsozialen mit einem Familienförderprogramm: mit 25 Euro für jedes Kind und einem Baukindergeld für ein Jahr - weil "auch für normale Familien Wohneigentum möglich sein muss". Und um weiteren Wohnraum zu schaffen, wolle man Landwirte steuerlich privilegieren, die Grund und Boden verkauften um in den Wohnungsbau zu investieren.

Seehofers Wahlkampfhit: die "größte Steuerentlastung seit der Einheit". Neben einem 15-Milliarden-Euro-Abschlag bei der Einkommensteuer verspricht er die Absetzbarkeit von Forschungsaufwendungen und der energetischen Sanierung bei Bestandsbauten. Und 27 Jahre nach Vollendung der Einheit soll der Soli stufenweise für alle abschafft werden: "Mit kräftigem Schnitt in der nächsten Legislaturperiode." Alles zusammen mache das 20 Milliarden Euro aus - "wichtige Investitionsanreize für Familienbetriebe".

Füracker darf weiter ackernBeim CSU-Bezirksparteitag in Regenstauf senden die Christsozialen das von Albert Füracker beschworene starke Signal der Einheit aus der Jahn-Halle in Regenstauf: Der Staatssekretär im Finanz- und Heimatministerium wird mit 95 Prozent der Stimmen als Oberpfalz-Chef bestätigt. "Alles mit einer 9 vorne ist für mich mehr als in Ordnung", hatte Füracker vergangene Woche im Redaktionsgespräch gesagt. Deshalb kann er die Wahl - trotz vier Prozentpunkten Verlust - freudestrahlend annehmen.

In einer Sammelabstimmung sprechen die Delegierten auch dessen bewährten Stellvertretern Alexander Flierl (150 von 180 Stimmen, Kreisvorsitzender Schwandorf), Andreas Meier (161 Stimmen, Landrat Neustadt/WN), Harald Schwartz (155 Stimmen, MdL aus Amberg) und Sylvia Stierstorfer (158 Stimmen, stellvertretende Landrätin im Landkreis Regensburg) das Vertrauen aus. In seinem Rechenschaftsbericht hatte er zuvor ein glänzendes Bild der Oberpfalz gezeichnet: Die niedrigste Arbeitslosigkeit in ganz Bayern, Arbeitsplätze mit hoher Qualität: "In den letzten zehn Jahren ist das pro-Kopf-Einkommen um 40 Prozent gestiegen, in Bayern nur um 31 Prozent." Zwischen 2007 und 16 seien 76 000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden: "In unserem Programm steht, wir wollen bis 2021 Vollbeschäftigung - die Oberpfalz hat Vollbeschäftigung im Jahr 2017."

Füracker, der manchmal ruppig rüberkommt, zeigt auch Reue: "Ich bin nicht immer bequem", er sei bekannt dafür, auch mal was zu sagen, wo einige fragten, "hätt's jetzt das gebraucht?" Da müsse er auch mal sagen, "ok, tut mir leid, ich habe übers Ziel hinausgeschossen". Aber der Vorsitzende wolle berechenbar sein, man solle wissen, wie der Bezirksvorsitzende ticke, was er als nächstes sage. (jrh)

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Mehr zur Rede des CSU-Bezirkschefs:

www.onetz.de/1764644
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