Franz Schindler beim Politischen Aschermittwoch in Vilshofen
Balsam für SPD-Seelen

Franz Schindler wirbt an der Basis "bei aller Sympathie für die Jusos" für den Eintritt in die nächste Bundesregierung. Bild: Wolfgang Steinbacher
Politik
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14.02.2018
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Als Aschermittwochs-Polterer ist der SPD-Bezirksvorsitzende Franz Schindler nie aufgefallen. Frotzeln kann er dennoch. Und noch besser erklären, was Sozialdemokratie ist.

Vilshofen. Der derzeit prophezeite Untergang, die auch von lokalen Medien vorausgesagte "Pulverisierung" der Partei ist für den Landtagsabgeordneten ausgeschlossen. "So ein Schmarrn", hatte Schindler, Hauptredner des 38. politischen Aschermittwochs der Kreis-SPD, für solche politischen Weissagungen nur übrig. Die Mitglieder dankten ihm das beim Vilshofener Bärenwirt mit ehrlichem Szenenapplaus.

"Eine außerordentlich schwierige Zeit", ja, das nimmt der Schwandorfer, der seit 1990 dem Landtag angehört und nicht mehr kandidiert, als Zustandsbeschreibung an. Nicht aber, dass sich die Sozialdemokraten aus Lust an der Selbstzerstörung zerfleischen oder gar politisch überholt hätten. Um den Gegenbeweis anzutreten, dafür warf der 62-Jährige seine gesamte politische Erfahrung vom langhaarigen Juso bis zum gesetzten Abgeordneten in die argumentative Waagschale. Das Ergebnis: "Die wirklich wichtigen Fragen werden in der SPD diskutiert, nirgendwo sonst."

Neue Extreme

Schindlers These besagt, dass jetzt bei der Partei das angekommen sei, was die einst phasenweise zwei Drittel aller Regierungen stellende sozialdemokratische Linke in ganz Europa bereits habe erfahren müssen. Einen nie geglaubten Niedergang, weil sich die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und weltpolitischen Rahmenbedingungen völlig verkehrt hätten. Im kommunistischen China ("Staatskapitalismus") gebe es heute mehr Milliardäre als in den USA, in Russland seien mit Putin "Rechtsextreme" an der Macht, an der Spitze der Vereinigten Staaten stünde "ein Sexist und Rassist", und eine anhaltend hervorragende wirtschaftliche Lage "im zum Teil protzig reichen Bayern" weise 40 Prozent arme oder armutsgefährdete Kinder auf.

Völlig verquer

Banger Blick nach BerlinDen Mitgliedern brenne die GroKo-Frage gewaltig auf den Fingern, erhoffte sich beim 38. politischen Aschermittwoch der Kreis-SPD als Hausherr Ortsvorsitzender Gerhard Schnabel eine klare Antwort.

Bezirksvorsitzender Franz Schindler lieferte. Er sprach sich unmissverständlich für ein Ja aus. Uwe Bergmann, Landtags-Direktkandidat der SPD im Stimmkreis Amberg-Sulzbach, äußerte sich in einem Statement nicht derart eindeutig. Er plädierte jedoch bei der Besetzung der potenziellen Ministerposten in Berlin für „frische und unverbrauchte Gesichter“. Dafür erhielt er Szenenapplaus.
"Im Kindergarten oder der Grundschule kann ich an den Augen der Kinder ablesen, ob ihre Eltern Geld haben oder nicht", erinnerte sich Schindler daran, als er seine Tochter dorthin begleitete, um im gleichen Atemzug fortzufahren, dass es derweil Banker als "völlig anständig und normal" empfänden, Millionen-Boni abzusahnen, obwohl sie Milliarden in den Sand gesetzt hätten.  Auch die deutsche Gesellschaft, so der SPD-Bezirksvorsitzende, drifte bei der Verteilung des Wohlstandes immer weiter auseinander. Heute klinge es wie ein sozialdemokratisches Märchen, dass nicht das Einkommen der Eltern, sondern "Talente und Fähigkeiten" den Ausschlag geben sollten, ob über höhere Bildung ein gesellschaftlicher Aufstieg möglich ist oder nicht.

Schindler verwies auf seine eigene Biografie, den Werdegang eines von drei Kindern eines einfachen Maxhütte-Arbeiters. "Ohne BAföG (Bundesausbildungsförderungsgesetz, d. Red.) wäre das nicht gegangen." Doch die Deutungsmuster, die die SPD als Volkspartei einst stark und mächtig gemacht hätten, gebe es heute so nicht mehr. Die Arbeiter und kleinen Angestellten, die jede Mark rumdrehen müssen auf der einen Seite, die wohlhabenden Selbstständigen, Unternehmer und Kapitalisten auf der anderen, das gelte so schon lange nicht mehr.

Suche nach Antworten

Arbeiter im Niedriglohnbereich könnten von ihren Einkommen nicht leben, outgesourcte Selbstständige müssten zum Sozialamt und einige Branchen - etwa die industrielle Fleischverarbeitung - hätten bei der Rekrutierung von rumänischen und bulgarischen Beschäftigten die Ausbeutung von EU-Wanderarbeitern entdeckt. Das seien unter vielen anderen sozialpolitischen Themen die Kernbereiche der SPD und damit sei klar gewesen, "wir waren die moralisch besseren Menschen". Diesen Wertekodex gebe es nicht mehr, aber die Frage: "Was soll ich heute jungen Menschen sagen, was die Alternative zum Kapitalismus ist?"

Für Schindler natürlich die SPD und aktuell das Eintreten in die Große Koalition. Die getroffenen Vereinbarungen enthielten deutlich mehr sozialdemokratische Positionen, als die 20,5 Prozent der Bundestagswahl gemäß der politischen Arithmetik hergebe. Deshalb das offene Bekenntnis des Aschermittwochredners nach fast 28 Jahren in der Landtagsopposition: "Gut ist, wenn die SPD regiert oder mitregiert. Ob es auch gut ist für die SPD, das weiß ich nicht und es kann passieren, dass wir wieder einen auf den Deckel kriegen." Im Bilckpunkt, Zitate
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