06.04.2018 - 13:48 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Schmidmühlen würdigt seinen bekanntesten Sohn Auf den Spuren von Erasmus Grasser

Zum ersten Mal ist die Lebensgeschichte des bekanntesten Sohns Schmidmühlens so intensiv aufgegriffen worden. Zum 500. Todesjahr von Erasmus Grasser haben sich drei zeitgenössische Künstler mit dem Schöpfer der Morisken-Tänzer befasst. Die Ergebnisse werden auch in Schmidmühlen gezeigt.

Den Zattelrock und den Bauer wird man sicherlich bei der Ausstellung im Hammerschloss fast in Originalgröße zu sehen bekommen.
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Von Paul Böhm

Das 500. Todesjahr von Erasmus Grasser will Schmidmühlen nicht ohne eine Würdigung seines wohl bekanntesten Sohnes verstreichen lassen: Zum Jubiläumsmarktfest ist eine Ausstellung im Hammerschloss geplant, die am Samstag, 14. Juli, eröffnet wird. Einen Vorgeschmack darauf holte sich jetzt eine Delegation mit Vertretern des Marktgemeinderats, des Heimat- und Kulturvereins sowie Bürgermeister Peter Braun in München in einer Ausstellung zum gleichnamigen Buch "Erasmo - oder wie der Mohriske ein eigenes Glockenspiel bekam". Die darin gezeigten Bilder der Künstler Christoph Hessel, Michael von Cube und Yongbo Zhao sind im Sommer dann auch in Schmidmühlen zu sehen.

Erasmus Grasser ist vor allem durch seine Moriskentänzer bekannt. Die Skulpturen sind in München auch eine touristische Attraktion. Es gibt sie als Imitate der spätgotischen Originale in allen erdenklichen Größen aus Holz, Plastik und Pappmaché, aus dem kleinen Walsertal, aber auch aus China - allerdings auch immer öfter von heimischen Künstlern.

Neues Leben eingehaucht

"Deshalb fühlen wir uns als eingefleischte Münchner aufgerufen, Erasmus Grasser mithilfe unserer Arbeiten neues Leben einzuhauchen und ihn aus den krämerhaften Zugriffen seiner Vermarkter wiederauferstehen zu lassen", sagte Christoph Hessel: "Erasmo hätte das vermutlich gefallen." Entstanden sind fünf Zeichnungen von Michael von Cube, fünf Farbradierungen von Christoph Hessel und drei Ölbilder von Yongbo Zhao. Dazu gibt es Texte von Hessel, die Michael Heyn gestaltet hat.

Drastische Interpretationen

Die Werke erzählen die Geschichte des jungen Erasmus Grasser auf seinem Weg nach München, von seinen Erfahrungen mit der dortigen ehrenwerten Bürgerschaft, vom Streit mit den damals vorherrschenden Schäfflern bis hin zum Sturm auf das Rathaus. Dass die Interpretation an Drastik nichts zu wünschen übrig lässt, ist dem Temperament der Künstler geschuldet. Oft ist es aber auch schwer, in Zusammenhang mit Erasmus Grasser Wahrheit, Erfindung, Spiel, Sinn und Wahnsinn auseinanderzuhalten. Die Auseinandersetzung mit Person und Werk sei deshalb Teil des Konzeptes der Ausstellung, erklärte Hessel.

Um Grassers Geschichte und Leben verstehen zu können, muss man sich in die Zeit um 1450 hineindenken, dem Geburtsjahr des bis heute hoch angesehenen Bildstockschnitzers und Wasserbauingenieurs. Grasser habe damals gegenüber den Münchnern einen großen Vorteil gehabt, darauf verwies Bürgermeister Peter Braun: "Er kam aus einem Ort, der bereits auf eine rund 500-jährige Geschichte zurückblicken konnte." München war damals, also um das Jahr 1000, als Schmidmühlen begründet wurde, lediglich eine Sandbank an der Isar. Heute leben nach Brauns Worten mehr als 100 000 Bürger mit Oberpfälzer Wurzeln in München: "Also Vorsicht - wir Oberpfälzer sind in der Landeshauptstadt nicht zu unterschätzen." Dort sind die Schmidmühlener sogar mit einer eigenen Landsmannschaft vertreten.

Die bewegte Form der Moriskentänzer galt vor 500 Jahren als Provokation, wie Braun betonte: Waren bisher Figuren statisch, setzte Grasser neue Akzente. "Moriskentänzer und Schäffler eiferten damals um die besten Plätze in öffentlichen Gebäude der jungen Stadt München." Dies gipfelte in einem Sturm auf das Rathaus: Mit einer Leiter erklommen die Morisken-Freunde die Turm-Loge und warfen die Schäffler-Figuren vom hohen Turm herab auf den Marienplatz. Zur Schadensfreude der Zuschauer.

Einer ist noch da

Wissenswertes über die Moriskentänzer haben Michael von Cube und Christoph Hessel zusammengetragen: Im Münchner Stadtmuseum sind die Originale in ihrer vermuteten originalen Ausstattung und Bemalung ausgestellt. Im ehemaligen Tanzsaal des alten Rathauses stehen nur Kopien aus dem 19. Jahrhundert. Viele Fragen zu den Darstellungen sind bis heute unbeantwortet. Nachdem sich die Städter noch eine Weile neugierig, aber nur hinter vorgehaltener Hand vom betörend expressiven Tanz der Morisken erzählt hatten, gerieten diese in Vergessenheit - als Exoten aus einer sehr fernen, sehr fremden Welt, die mit der eigenen gar nichts mehr zu tun hatte.

Nur einer der Tänzer ist noch da. Aber der hatte auch keine verräterische Kopfbedeckung - was es ihm ermöglichte, sich klammheimlich zu assimilieren. Man trifft ihn heute unweit des Marienplatzes in der belebten Sendlinger Straße bei einem Uhrmacher, dessen Vorfahren vielleicht schon bei der Konstruktion der Mechanik des Glockenspiels für die Schäffler mitgeholfen hatten. An der Fassade Ecke Hermann-Sack-Straße, oberhalb des ersten Stocks, wurde für ihn ein kleines eigenes Glockenspiel eingerichtet, zu dem er täglich um 11 und 12 Uhr ein Tänzchen aufführen darf. Fragt man einen Passanten, wen die Figur darstellt, hört man: "Einen Schäffler, was denn sonst" - auch wenn es tatsächlich einer der Morisken ist. (bö)

Deshalb fühlen wir uns als eingefleischte Münchner aufgerufen, Erasmus Grasser aus den krämerhaften Zugriffen seiner Vermarkter wiederauferstehen zu lassen.Christoph Hessel

Kurz notiert

Die Präsentation, die die Schmidmühlener in München besucht haben, ist schon vorbei. Allerdings läuft von Donnerstag, 19. April, bis Sonntag, 29. Juli, in München noch eine weitere Erasmus-Grasser-Ausstellung. Das Bayerische Nationalmuseum zeigt darin Exponate unter dem Titel "Bewegte Zeiten - der Bildhauer Erasmus Grasser". (bö)

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