21.02.2018 - 17:26 Uhr
Schönsee

Blick von Bernd Posselt auf die 100 Jahre nach 1918 - vom alten ins neue Europa. Gemeinsames Dach Europa

"Mit dem Blick von Bernd Posselt auf die 100 Jahre nach 1918 - vom alten ins neue Europa - erleben wir heute einen Glanzpunkt im Jahresprogramm des Centrum Bavaria Bohemia", zeigt sich CeBB-Leiterin Dr. Veronika Hofinger beeindruckt. Der Europapolitiker aus München glänzt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Europa als gemeinsames Dach.

von Hans EibauerProfil

Der Europapolitiker, Präsident der Paneuropa-Union und Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, beleuchtete in seiner über einstündigen freien, von geschichtlichen Zusammenhängen geleiteten Rede zunächst die tiefe Zäsur des Jahres 1918. Er spannte den Bogen über die im nahen Ronsperg (Pobežovice) von Richard Graf Coudenhove-Kalergi formulierten paneuropäischen Ideen, die Anfänge des gemeinsamen Europa nach dem 2. Weltkrieg, den Fall des Eisernen Vorhangs bis zur heutigen Gefährdung Europas durch wiedererstarkte nationalistische Strömungen.

Großen Respekt zollte der Gast aus München der Arbeit des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) und dankte allen Verantwortlichen für die großartige grenzüberschreitende Netzwerkarbeit und die aktive Rolle im Versöhnungsprozess. Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor hundert Jahren markiert für Bernd Posselt den Übergang vom alten Europa, das bis auf Karl den Großen 800 n. Chr. zurückreicht, zum neuen Europa, das nach seiner Einschätzung auf eine Zeit der Entscheidung hinsteuert: "Wird es uns gelingen, das Lebensmodell der Freiheit, der Selbstbestimmung, der Freizügigkeit, der gemeinsamen Werte über das 21. Jahrhundert hinaus zu bewahren oder geht Europa unter?"

Für den glühenden Europäer, der von 1994 bis 2014 die CSU als Abgeordneter im Europaparlament vertrat, ist klar, dass wir unseren "way of life" nur unter dem gemeinsam Dach Europas erhalten können. "Sollten wir uns in Kleinstaaterei zersplittern, haben wir in Zukunft keine Chance", ist er überzeugt. Bernd Posselt nützte den Abend, aus der Vorgeschichte im 19. Jahrhundert und den geschichtlichen Ereignissen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs seine Leidenschaft für ein geeintes, starkes, freies und christlich geprägtes Europa zu begründen.

"Riesenchance"

Ein Europa, das sich niemals mit dem Eisernen Vorhang abgefunden ("Dass der Eiserne Vorhang gefallen ist, war eine Riesenchance") und dessen Fall er mit jungen Mitstreitern in der Paneuropa-Jugend hautnah miterlebt hat. "Wir waren dabei, Schriften von Charta 77-Mitgliedern in den Westen zu schleusen, wir haben mit unserem Paneuropa-Picknick am 19. August 1989 an der ungarischen Grenze bei der ersten Massenflucht von 700 Menschen Hilfe geleistet und wir haben erlebt, wie sich im November 1989 Kardinal Tomásek bei einem Gottesdienst in Ronsperg hinter die demonstrierenden Studenten in Prag stellte. Statt nach Furth im Wald zurück sind wir mit ihm nach Prag gefahren und waren mitten drin in den Tagen der Samtenen Revolution." Was wäre aus diesem Europa ohne die vorausschauenden Gedanken eines Grafen Coudenhove-Kalergi geworden, der nicht vom "man müsste, man sollte" redete, sondern selbst das Heft in die Hand nahm und versuchte, Staatsmänner von seinen paneuropäischen Ideen zu überzeugen. Die Nationalsozialisten legten Europa in Schutt und Asche, doch nach dem Kriegsende haben Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi die Botschaften Richard Graf Coudenhove-Kalergis aufgegriffen und den Kampf gegen den Nationalismus und für einen geeinten, nicht für einen zersplitterten Kontinent, aufgenommen.

"Wie sollen wir denn bestehen, wenn Europa heute sieben Prozent, Ende des 21. Jahrhunderts nur mehr drei Prozent der Weltbevölkerung haben wird?", fragte Bernd Posselt und gab auch gleich die Antwort; "Nur unter einem gemeinsamen Dach". Das Publikum quittierte den leidenschaftlichen Vortrag mit langem Applaus. Die abschließende Diskussion drehte sich um die Länder Südosteuropas und deren Zukunft in Europa und den Umgang mit Präsident und Regierung in Prag nach den Wahlen in Tschechien. Für Bernd Posselt ist Südosteuropa ist ein wichtiger Teil Europas. Die sechs, an die Tür der EU anklopfenden Staaten, nach Einwohnern zusammen kleiner als Bayern, erfüllen noch nicht die Standards. Ohne ihnen eine Chance zu geben, bliebe ein schwarzes Loch in Europa.

Im Gespräch bleiben

Es ist ein Raum von großer strategischer Bedeutung. Die Russen, Chinesen, Türken warten nur darauf, in die Lücke zu stoßen. Die innenpolitische Situation im Nachbarland zu bewerten, lag Posselt aus Respekt vor dem Nachbarland fern. Seiner Meinung nach sollte der Gesprächsfaden keinesfalls abreißen und er gab als Rat mit auf den Weg: "Locker bleiben und pragmatisch mit der Situation nach den Wahlen umgehen. Für mich ist das Glas halbvoll und nicht halbleer, vor allem auch deswegen, weil die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene bestens funktioniert". Über die am gleichen Abend eröffnete Ausstellung zum Sudetenland berichten wir gesondert.

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