Der Krankheit ausgeliefert

Seine Mammutbäume hat Herbert Antes fest im Griff, was die unheilbare Krankheit angeht, kann er nur auf einen langsamen Verlauf hoffen. Womit er sich nicht abfinden will, ist das Ausharren bis zum bitteren Ende. Bild: Bugl
Vermischtes
Schönsee
07.01.2017
376
0

Mammutbäume wachsen langsam. Aber Herbert Antes hat nicht mehr viel Zeit. Eine unheilbare Krankheit lässt seinen Blick auf das letzte Kapitel des Lebens schweifen. Und er hadert damit, wie in Deutschland die Sterbehilfe geregelt ist.

-Rosenhof. Als Hobby-Züchter von Mammutbäumen kennen viele Nachbarn den 62-Jährigen, der früher die Repräsentanz Nürnberg bei der Förderbank LfA Bayern geleitet hat. Jetzt ist er Rentner. "Ich wollte mich nicht mit dem Rollator ins Büro schleppen", sagt der 62-Jährige, der vor knapp zwei Jahren die endgültige Diagnose erhielt: ALS (siehe Infokasten). Herbert Antes muss damit rechnen, dass fortlaufend Nervenzellen absterben. Am Ende steht die völlige Bewegungsunfähigkeit.

Völlig gelähmt

Und gerade das macht dem 62-Jährigen Angst. "Ich werde bei vollem Verstand total gelähmt sein. Je nachdem, welche Muskulatur zuerst aussteigt, muss ich künstlich ernährt oder beatmet werden, im Extremfall kann ich nur noch mit den Augen blinzeln, bis schließlich der Tod eintritt", schildert er ganz nüchtern sein künftiges Schicksal - und sein Unbehagen über ein Gesetz, das aktive Sterbehilfe unter Strafe stellt. So sachlich wie er vor vier Jahren gegenüber dem NT von seinem Hobby, den Mammutbäumen, erzählte, spricht er jetzt bei Lebkuchen und einer Tasse Kaffee von seinem Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende.

"Vielleicht habe ich zweieinhalb Jahre in denen ich mich noch bewegen kann, das war meine damalige Perspektive", erzählt Herbert Antes. Im Internet hatte er als Lebenserwartung die Angabe "drei bis fünf Jahre" gefunden. Dabei hatte alles mit scheinbar harmlosen Rückenschmerzen begonnen, die Antes auf eine Überanstrengung beim Garteln schob. Mit einem leichten Hinken konsultierte er einen Orthopäden, doch schon bald war klar, dass ein neurologisches Problem dahinter steckte. Bald erhärtete sich der Verdacht auf ALS. "In diesem Moment war er nicht mehr zu beruhigen", schildert Lebensgefährtin Mathilde Wilka den Augenblick, als die Krankheit wie eine dunkle Wolke am Horizont Stellung bezog.

"Du, jetzt lassen wir das mit Weihnachten", sagte Antes 2015 unmittelbar nach der Diagnose zu der Frau an seiner Seite, ließ sich dann aber doch eines Besseren belehren. Denn die dunkle Wolke kommt zumindest nicht rasant näher. "Sie können nur hoffen auf einen langsamen Verlauf", sagten damals die Ärzte. "Und es geht wesentlich langsamer", bestätigt Antes. Seit Juli ist er alle vier Wochen in der Uniklinik Ulm, weil dort über die Krankheit geforscht wird. Er ist Teil einer Studie, gut informiert und ein wenig erleichtert, dass es seitdem keine Verschlechterung gab. "Ich vermute, dass ich mich noch ein paar Jahre auf eigenen Beinen halten kann", meint er und kalkuliert: "Im Prinzip kann ich nur gewinnen."

Wenig Spielraum

Wenn er schon keine Chance gegen die Krankheit hat, will der 62-Jährige wenigstens wissen, wo er steht. Und selbst bestimmen, wann es genug ist. Am liebsten wäre ihm ein "Fläschchen auf dem Nachtkästchen, aus dem man sich jederzeit bedienen kann". "Ich will schließlich durch meinen Tod nicht einen anderen Menschen traumatisieren", so sein Gedankengang angesichts der absehbaren Lähmung. Den Wunsch zu sterben könne nach aktueller Gesetzeslage auch ein Arzt nicht einfach erfüllen, ohne sich selbst und die Zulassung zu gefährden, bedauert Antes: "So ausgeliefert sein, das ist das Schlimmste." Deshalb war er so enttäuscht, als der Bundestag im November 2015 die Sterbehilfe neu regelte, geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid verbot und dabei seiner Ansicht nach zu wenig Freiraum ließ. "Ich will nicht bis zum Schluss alles ertragen", ist sich Herbert Antes sicher. Bei den Plänen bis dahin, ist er offen. "Was machst du mit deiner verbleibenden Zeit?", fragte er sich nach der Diagnose. "Aber eigentlich habe ich keinen großen Nachholbedarf, ich bin mit meinem Leben zufrieden." Auch wenn es nichts mehr wird mit dem Bayerischen Meistertitel im Weitsprung. "Mit 50 war ich auf der Landesliste auf Platz 13", erklärt Antes, "deshalb wollte ich eigentlich in der Altersklasse M 65noch einmal voll antreten, weil da die Konkurrenz nicht mehr so groß ist".

Stattdessen gibt der 62-Jährige nun im Verein "Nachbarschaftshilfe" Deutschunterricht für Asylbewerber und kümmert sich um seine Mammutbaum-Plantage. "Ich packe nichts mehr an, was ich nicht mehr zu Ende bringen kann", sagt er. "Den letzten Samen für die Mammutbäume habe ich heuer ausgesät."

Ich will nicht bis zum Schluss alles ertragen.Herbert Antes


Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine derzeit unheilbare, schmerzlos verlaufende Erkrankung. Sie führt zum Absterben von Nerven und dadurch zur Rückbildung von Muskulatur, einschließlich derer, die fürs Schlucken und Atmen benötigt werden. Die Krankheit kommt in verschiedenen Formen vor. Der Schwerpunkt der Behandlung liegt auf einer Linderung der Symptome und psychologischen Betreuung. Die Überlebenszeit beträgt im Mittel etwa drei bis fünf Jahre. ALS tritt weltweit auf, die Krankheit ist relativ selten, ihre Ursache unklar. Die chronisch juvenile ALS ist eine Variation der Krankheit, die einen extrem langsamen Verlauf nimmt. Der bekannteste Patient ist der britische Physiker Stephen Hawking, bei dem ALS bereits im Alter von 21 Jahren diagnostiziert wurde. In der Weltöffentlichkeit rückte ALS durch eine Aktion der ALS Association (ALSA) 2014 in den Fokus: Bei einer "Ice Bucket Challenge" herausgeforderte Personen mit eiskaltem Wasser übergießen und für die Erforschung und Bekämpfung von ALS Geld spenden. (bl)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.