Thalhofers [kleine welt] avanciert zum Szenekult
Digital-Ode an Schwandorf

Lokales
Schwandorf
06.08.2005
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Wer als Schwandorfer aus lauter Langeweile in der Gegend herum googelt, hat wohl schon einmal seine Heimatstadt als Suchbegriff eingegeben. Nach 0,11 Sekunden werden 1 190 000 Treffer ausgewiesen. Einer davon dürfte Florian Thalhofers [kleine welt] sein.

Wer in sie vorstößt, weiß, weshalb sich der Medienkünstler von seiner Heimatstadt lange verstoßen gefühlt hat. Inzwischen lebt der 33-Jährige in Berlin-Mitte. In ein paar Wochen tritt er an dem Deutschen Literaturinstitut in Leipzig eine befristete Gastprofessur an. Im Lehrerzimmer des Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums dürfte das mit Sicherheit für erstauntes Raunen sorgen. Denn dort galt Thalhofer als alles andere, bloß nicht der Allgemeinen Hochschulreife würdig.

Im Internet

So wundert es nicht, dass die [kleine welt] auch dem CFG ein bescheidenes Denkmal setzt. Kein allzu schmeichelhaftes allerdings. 53 weitere Episoden, Geschichten erzählt Thalhofer über und rund um seine Heimatstadt, im Internet unter www.kleinewelt.com beispielsweise. Das Opus gibt es auch als CD. Die Digital-Ode an Schwandorf entwickelt sich jedenfalls zunehmend zu einem Szenekult. Das wundert selbst den Autor etwas, für den diese Arbeit eigentlich "uralt" ist. Das mögen 33-Jährige so sehen, wenn sie 1997 eine [kleine welt] programmiert haben, um an der Hochschule der Künste in Berlin eine Art Vordiplom abzulegen.

Und "so der Hit" sei diese Arbeit damals nach der Auffassung des Dozenten auch nicht gewesen, weil es aus der Sicht eines Kommunikations-Designers keine allzu hohen Ansprüche erfülle. Dieser Auffassung schließt sich Thalhofer inzwischen im Grunde an. Aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet, hat sich die [kleine welt] allerdings Rang und Namen ergattert. Als eine Art Schnittstelle zwischen Literatur und zeitgemäßen Kommunikationstechniken. Thalhofer nennt sie SNUs, Smallest Narrative Units (kleinste erzählerische Einheiten). Sie bestehen aus einem Foto, einer vorgelesenen Geschichte, untermalt mit Musik. Per Mausklick kann der Betrachter bestimmen, wie die rund 60-minütige Geschichte weiter geht.

Passives Rebellieren

Thalhofer greift mit [kleine welt] einen nahezu typischen bajuwarischen Erzählgestus auf, wie es vor ihm schon Kulturbetriebs-Rebellen wie Martin Sperr, Franz-Xaver Kroetz, Rainer-Werner Fassbinder oder Herbert Achternbusch auf ihre Art getan haben. Das Timbre des Trägen, des naiv anmutenden Unaufgeregten, des schicksalsergebenen, melancholischen Aufbegehrens trägt diese Beschreibungen, die eigentlich nur Zustände darstellen. Handeln ist nicht Actio, sondern lethargische Reactio auf das Ist.

Der [kleine welt]-Rezensent Tobias Hülswitt sieht den Betrachter dieser Arbeit "in einen Zustand angenehmer Langeweile versetzt und dann doch auf ganz unspektakuläre Art vorzüglich unterhalten". Ob das jeder Schwandorfer nachvollziehen kann, wenn an ihm mal bissig, mal harmlos der Spielzeug-Beer, die Eisdiele, der Grafenbeck, das Naabecker Bier, die WAA, der Riecherspund und melancholische Saufgelage von Schülern vorbei zeihen, mag dahin gestellt beleiben.

Phänomen Provinz

Florian Thalhofer sagt heute jedenfalls, "dass es eigentlich nicht um Schwandorf geht, sondern es geht um Provinz". Seit 15 Jahren lebt er nicht mehr in seiner Heimatstadt und da klingt es fast wie ein Friedensangebot, wenn er meint, dass er das Phänomen, das Prinzip Provinz inzwischen eigentlich überall findet. In der Hauptstadt Berlin ebenso, wie in dem erklärtermaßen auf Welt- und Gedankenoffenheit ausgelegten Mikrokosmos Kunsthochschule.

Konzeptionell auf die [kleine welt] aufbauend hat Thalhofer inzwischen weitere Projekte im Internet veröffentlicht. Etwa die Sozialdokumentation [13terStock], das vom Goethe-Institut Kairo/Alexandria geförderte interkulturelle Projekt [7sons] oder den interaktiven Dokumentarfilm [korsakow syndrom] der als korsakow system zu einer Arbeitstechnik ausgebaut wurde.

Anzuschauen unter:

www.kleinewelt.com oder www.istorybox.com