06.06.2005 - 00:00 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Tilman Krämer liefert bei Debüt im Künstlerhaus ergreifende Interpretation Ein Kosmos für Entdecker

Manchmal fühlt man sich selbst etwas beschämt, wenn man das Programm liest mit einigen der berühmtesten Namen der Musikgeschichte, und dann haben sich 17 Zuhörer eingefunden, davon zwei Kritiker der örtlichen Tageszeitungen.. Selbst die in die Einführungsworte eingeflossene Bemerkung Robert Schanders: "Lieber wenige Gläubige als eine Menge Kirchensteuer" überzeugt da nicht ganz.

von Reinhold TietzProfil

Dabei sind unbekannte Namen sind eben oft für Entdeckungen gut. Die Entdeckung begann mit der "Arabeske" op 18 von Robert Schumann. Den dominierenden weit gespannten Melodiebogen, den die beiden Moll-Mittelteile nicht echt unterbrachen, ließ der Pianist voll erblühen - als Zuhörer verstand man plötzlich, warum Schumann das Stück ursprünglich "Girlande" nennen wollte. Tilman Krämer gestaltete vor allem die Wechsel von laut und leise überzeugend. Eine abgerundete Miniatur, die wohltönende Einstimmung auf das Kommende vermittelte.

Lieder ohne Worte

Es folgten nämlich weitere Miniaturen, nämlich eine repräsentative Auswahl aus den 48 "Liedern ohne Worte", die Felix Mendelssohn-Bartholdy in acht Sammlungen veröffentlichte. Auch hier sind schwingende Melodien, deren Bögen über schneller Begleitfiguration schweben, vielen gemeinsam. Einige tragen berühmte Titel, wie z. B. das "Venezianische Gondellied", das der Pianist besonders ergreifend zu Gehör brachte. Überhaupt, das war das Gemeinsame seiner Interpretation: Tilman Krämer stellte einen Kosmos her, der sich aus einzelnen Mosaiken logisch überzeugend zu einem in sich geschlossenen Bild Mendelssohnscher Musik zusammenfügte.

Nach der Pause eines der größten und schwierigsten Werke der Klavierliteratur: die Sonate Nr. 3 f-moll op 5 von Johannes Brahms. Dem Künstler war zuvor gelungen, das Charaktesistikum jeder Miniatur heraus zu heben, nun vermochte er den großen Bogen zu gestalten, die kontrastreiche Spannung zueinander zwischen der ungestümen, sich dauernd steigernden Gebärde des Hauptthemas und dem sich daraus entwickelnden Seitenthema.

Allein die technischen Anforderungen sind atemberaubend. Der ständigen Hochspannung des Beginns schließt sich die ununterbrochene Ruhe des langsamen Satzes an: ein Liebeslied, dessen optimistische Sehweise innig berührt, vor allem, wenn sie so zart und leise in Töne gefasst wird, wie es der Künstler tat. Rasch und zupackend in seinen Motiven erklang das Scherzo, beruhigte sich auch im Trio nicht. Der vierte Satz verwandelte das Liebeslied in pochende Trauermusik. Dann folgte übergangslos der schwiergie Schluss-Satz, in allen seinen verschiedenartigen Verästelungen vorwärts drängend, die einzelnen musikalischen Gedanken für sich und dennoch in der Suche nach Verknüpfung ausbreitend.

Tonbrei vermieden

Hier gibt es ein Interpretationsproblem, das unlösbar erscheint: Wie soll man Zusammenhänge schaffen bei so vielen im Charakter divergierenden musikalischen Gesichten? Zu zusammenhängend wird es ein Tonbrei, zu getrennt eine Ansammlung von schönen Einzelgedanken ohne genügende logische Verknüpfung. Tilman Krämer wählte seinen Weg und brachte die Sonate zu einem fulminanten Abschluss.

Als Zugabe erklang die Ballade D-dur op 10/2 von Brahms, die en miniature. Die Zuhörer waren begeistert - und kennen Tilman Krämer jetzt.

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