Gelber Riese wächst auf Kosten von Kunden und Zustellern
Wenn die Post nicht mehr klingelt

Paketflut nicht nur zur Weihnachtszeit: Drei Milliarden Pakete verschicken die Deutschen im Jahr. Bild: Marius Becker/dpa
Politik
Schwandorf
11.01.2018
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"Die Aufsichtsratswahlen 2018 stehen vor der Tür, und Herr Appelt will seinen Aktionären bestimmt wieder die Dividende erhöhen." Zitat: Gewerkschafterin Nicole Rufin
 
"Keine Tochtergesellschaft dient dem Zweck, Steuern zu entziehen." Zitat: Erwin Nier, Postpressestelle München

Wenn der Zusteller keine Zeit zum Klingeln hat: Die Deutsche Post treibt den Umbau von der alten Bundesbehörde zum Global Player mit über 400 000 Beschäftigten rasant vorwärts. Die Ausgliederung in DHL Delivery und Roboter sollen die Rendite verbessern. Auf Kosten von Kunden und Mitarbeitern.

Regensburg/Schwandorf. Erich Schwarzkopf (Name von der Redaktion geändert) sieht aus wie ein klassischer Briefträger: Seine Schultern leuchten in Postgelb, der Rest der Winterjacke in DHL-Rot. Auch an seinem Wagen hat sich nichts verändert. Nur dass der Regensburger neuerdings nicht mehr für die Deutsche Post, sondern für DHL Delivery zustellt. Der Wechsel zur neuen Post-Tochter schien keine Nachteile zu haben: "Ich habe mich einlullen lassen", ärgert sich der 52-Jährige. Inzwischen ist Schwarzkopf reichlich bedient: "Ich wurde gedrängt, auf 'eigenen Wunsch eine freiwillige Zusatzleistung' zu unterschreiben - jetzt darf ich 48 statt 40 Stunden ohne Überstundenzulage arbeiten."

"In der Oberpfalz gibt es nur in Regensburg ein Delivery Depot", sagt Nicole Rufin, Gewerkschaftssekretärin des Fachbereiches Postdienste, Speditionen und Logistik in Regensburg, "das nächste ist in Bayreuth." Der Grund für die Neugründung liegt auf der Hand: "Bei Delivery findet der jeweilige Branchentarifvertrag Anwendung - in Bayern der Tarifvertrag des bayerischen Speditions- und Logistikgewerbes." Und der sei deutlich niedriger als bei Mutter Post.

Die versprochenen Zulagen durch die Zustellung von Info-Post, Päckchen und Abholungen haben sich bei Erich Schwarzkopf als finanzieller Flop erwiesen: "Da geht's um Cent-Beträge und die Zeit, in der ich das austrage, wird nicht angerechnet." Die Stundenzahl werde so kleingerechnet. "Der Druck ist brutal", klagt der Zusteller, "bei diesen riesigen Touren hat man keine Chance, länger als eine Minute zu warten, ob jemand aufmacht." Drei Milliarden Pakete verschicken die Deutschen im Jahr - der Online-Handel boomt. Die Folgen: steigender Krankenstand bei den Postboten, Staus, verpasste Lieferungen, verärgerte Kunden.

Angeblich nicht anzutreffen

Davon kann auch Eva Meier ein Lied singen: "Unser Zusteller läutet gar nicht mehr, der wirft einfach nur noch seinen Benachrichtigungsschein ein." Ärgerlich sei das: "Ich bin ja zu Hause, das würde keine zwei Minuten dauern." Stattdessen muss die Schwandorferin auf den angegebenen Termin warten und das Päckchen abholen. Wenn es überhaupt kommt: "Zwei Weihnachtsgeschenke sind bis heute nicht angekommen", schimpft sie. "Bei einem habe ich inzwischen eine Rückmeldung von Amazon, ich war angeblich nicht anzutreffen." Das fehlende Eisköniginnen-Kleid hat am Heiligen Abend für bittere Tränen gesorgt. "Das andere Paket ist verschollen."

"Die Post, das war mal eine hoch seriöse Institution", erinnert sich Fritz Lermer. "Schließlich geht's dabei auch um richtig wichtige Güter wie das Briefgeheimnis." Der Regensburger Rentner wundert sich, dass heute auch ein "Hausmeisterdienst Huber" die Postkästen leert. "Nichts gegen den Herrn Huber", sagt Lermer süffisant, "das ist sicher ein ehrenwerter Mann." Doch wer soll bei der Vielzahl überforderter Subunternehmer garantieren, dass niemand auf dumme Gedanken kommt? Stichwort Post-Betrug: Durch die Abrechnung fiktiver Briefe haben Kriminelle 50 bis 100 Millionen Euro erbeutet. Die Deutsche Post hat das mit ihrem laxen Kontrollsystem erst möglich gemacht.

An allen Ecken und Enden knirscht es im Getriebe des Logistik-Giganten: Ist dieser Sparkurs wirklich nötig, um international zu bestehen, wie Post-Chef Frank Appel, 53, promovierter Neurobiologe und früherer McKinsey-Berater, argumentiert? "Es stehen die Aufsichtsratswahlen 2018 vor der Tür, und Herr Appelt will seinen Aktionären bestimmt wieder die Dividende erhöhen", hält Gewerkschafterin Nicole Rufin dagegen. "Deshalb muss der Gewinn mehr werden", interpretiert sie diese Geschäftspolitik, "koste es was es wolle."

E-Flotte und Roboter

Sicher, die Post kann auch innovativ: Die Umstellung der Lieferflotte auf E-Motoren, Roboter als Helfer für die Postboten. Für ein Unternehmen dieser Größenordnung reagiert der Tanker äußerst flott auf Problemstellungen. Und Appel prophezeit weiteres Wachstum: "Ich rechne damit, dass sich unsere Belegschaft in einigen Jahren von jetzt rund 500 000 auf rund 600 000 erhöhen könnte", sagt der Visionär zur "Rheinischen Post".

Dass der sparsame Hamburger nicht sagen will, in welchen Bereichen Jobs entstehen, lässt tief blicken. Im Interview verrät er: "Logistik als Dienstleistung wächst schneller als der Durchschnitt der Wirtschaft." Haupttreiber sei die Digitalisierung: Datenbrillen für Lageristen, selbstfahrende Postautos, die den Austrägern folgen: "Nicht ausgeschlossen", dass einfache Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt würden.

Die Aufsichtsratswahlen 2018 stehen vor der Tür, und Herr Appelt will seinen Aktionären bestimmt wieder die Dividende erhöhen.Gewerkschafterin Nicole Rufin


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„Das Filialnetz wurde deutlich ausgebaut“

Weiden/München. Bahn und Post, das waren einmal die Säulen deutscher Zuverlässigkeit. Privatisiert genießen die Giganten immer noch politischen Schutz, versuchen aber als Global Player die Personalkosten zu senken. Pressesprecher Erwin Nier stellt sich den Fragen der Redaktion.

Der Hausmeisterdienst "Huber" leert Briefkästen, wie ist es da um das Briefgeheimnis bestellt? Wie sehen die Verträge mit den Subunternehmern aus, wie werden sie ausgesucht, geschult und bezahlt?

Erwin Nier: Wir stellen - auch im Sinne unseres Qualitätsversprechens an unsere Kunden - grundsätzlich strenge Anforderungen an die Auswahl unserer Dienstleister. Die Dienstleister müssen über einen hinreichenden unternehmerischen Hintergrund, Kompetenz und fachliche Eignung verfügen. Weiterhin muss die Leistung mit der erforderlichen Sorgfalt erbracht werden. Die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben hinsichtlich Arbeitszeit und Arbeitsentgelt ist vertraglich und in unserem Code of Conduct für Transportunternehmer festgeschrieben.

Über die Höhe der Vergütung seiner Fahrer entscheidet aber letztlich der Servicepartner als Arbeitgeber. Wenn uns Verstöße gegen vertragliche Bestimmungen, gegen den Verhaltenskodex oder gegen gesetzliche Bestimmungen - auch gegen das Postgeheimnis - bekannt werden, behalten wir uns im letzten Schritt natürlich auch die fristlose Kündigung der Zusammenarbeit vor.

Stimmt der Eindruck, dass die Post an Filialen und Briefkästen spart - wie ist hier die Entwicklung in unserer Region?

Dieser Eindruck ist vollkommen unzutreffend. Das Filialnetz wurde in den letzten Jahren deutlich ausgebaut. Es besteht heute - im Vergleich zu 2007 - aus doppelt so vielen Anlaufstellen mit einem Postbank Finanzcenter, einer Partnerfiliale im Einzelhandel mit Postbankleistungen, fünf kleineren Partnerfilialen im Einzelhandel und zehn Paketshops - hier können bereits freigemachte Pakete und Päckchen sowie Retourensendungen eingeliefert werden.

Bestand das Filialnetz 2008 bundesweit aus 13 500 Verkaufsstellen, so verfügt die Deutsche Post heute über 27 000 Verkaufsstellen. Aktuell hat das Unternehmen angekündigt, im kommenden Jahr 1000 weitere Verkaufsstellen zu eröffnen. Bei den Briefkästen hat sich trotz rückläufiger Verkehrsmengen in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl nicht verändert. In Deutschland stehen den Postkunden weiterhin über 110 000 Briefkästen zur Verfügung.

Subunternehmer "Mustermann" fährt im Akkord Pakete aus, wird aber nicht nach dem Haustarif bezahlt - wie steht die Post zu Arbeitnehmerrechten?

Die Einhaltung sozialversicherungsrechtlicher Vorgaben gehört zu den originären Pflichten unserer Servicepartner. Die Einhaltung aller gesetzlichen Regelungen ist zudem vertraglich festgeschrieben. Werden uns Verstöße bekannt, behalten wir uns das Recht der fristlosen Kündigung vor. Kontrollbefugnisse diesbezüglich haben wir jedoch nicht. Dies obliegt den zuständigen Behörden.

Der Vorstand denkt über die Einstellung des Montags als Zustelltag nach: Wie sieht die Zukunft des Briefverkehrs aus?

Gerade weil die Briefmengen weniger werden, ist es als Unternehmen wichtig, Kundenwünsche zu kennen, um individuelle Angebote und Lösungen anzubieten. Das Unternehmen befragt derzeit Kunden in Deutschland in 100 Bezirken über ihre Wünsche hinsichtlich der Briefzustellung. Die Teilnahme ist begrenzt und selbstverständlich freiwillig - der Kunde hat mehrere Möglichkeiten für seine Zustellwünsche, einschließlich digitaler Lieferung oder Zustellung an den Arbeitsplatz. Im Übrigen: Vor einigen Jahren hat die Deutsche Post ihre Kunden zu Wünschen hinsichtlich des Paketempfangs befragt - heute kommen die Pakete immer noch an sechs Tagen die Woche.

Stichwort "Paradise Papers": Auch die Deutsche-Post-DHL-Group taucht bei den Recherchen auf - muss die Post Steuern sparen?

Als weltweit führendes Post- und Logistikunternehmen sind wir in über 220 Ländern und Territorien aktiv. Zur Unterstützung unserer Kerngeschäfte Logistik und Paketzustellung besitzen wir zahlreiche Tochtergesellschaften rund um den Globus, auch in Offshore-Gebieten. Keine Tochtergesellschaft dient dem Zweck, Steuern zu entziehen oder die Steuerbelastung von Deutsche-Post- DHL-Group zu reduzieren.

Keine Tochtergesellschaft dient dem Zweck, Steuern zu entziehen.Erwin Nier, Postpressestelle München
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