12.04.2017 - 14:18 Uhr
SchwandorfOberpfalz

80-Jähriger zu Bewährungsstrafe verurteilt Sprengstoff im Aschenbecher

Die Richter schauten entgeistert: Wie kommt ein 80-Jähriger dazu, Schwarzpulver in zwei Aschenbecher zu schütten, die vor einer Spielothek stehen? Er selber sah sich zu einer Antwort nicht in der Lage. Fakt war allerdings: Durch eine glühende Zigarettenkippe kam es zur Stichflamme, die einen jungen Mann schwer verletzte.

Symbolbild: dpa
von Autor HWOProfil

Der Mann aus der Anklagebank verstand kein Wort. Das Alter hat seinem Hörvermögen zugesetzt, ein dringend notwendiges Gerät kaufte er nie. So war es dann schwierig für das Schwandorfer Schöffengericht, sich ein genaues Bild von dem zu verschaffen, was der heute 80-Jährige im Oktober 2015 in nahezu fast schon verbrecherischer Weise anstellte.

Deutlich wurde irgendwie: Der alte Herr, vorher nie mit dem Gesetz kollidiert, verkehrte gelegentlich in einer Schwandorfer Spielhalle. Dringend zu vermuten war ferner, dass er immer wieder mal Geld verlor und sich wohl darüber ärgerte. Doch war dieser Zorn über die seine Euros schluckenden Automaten der Grund für das, was an einem Oktobernachmittag in fast schon unglaublicher Weise stattfand?

Verbrennungen an der Hand

Eine Videokamera hatte alles genau festgehalten. Plötzlich tauchte der Rentner mit seinem Wagen vor dem Spielcasino auf, stieg aus, lief zu zwei im Raucherbereich am Eingang stehenden Aschenbechern und schüttete etwas hinein. Dann fuhr er davon. Eine Stunde später kehrte der Mann, der einen mehrere Kilometer langen Anfahrtsweg hatte, zurück und schaute nach. Offenbar wollte er sehen, ob denn schon etwas passiert sei. Bis dahin hatte sich nichts ereignet. Also entfernte sich der Ruheständler wieder. Doch dann geschah es: Zwei junge Männer kamen zur Spielhalle. Einer von ihnen zündete sich vor dem Gebäude eine Zigarette an und warf die glühende Kippe in einen nahe des Eingangs stehenden Aschenbecher. Augenblicke später schoss eine hohe grellgelbe Stichflamme heraus. Sie brachte dem 20-Jährigen Verbrennungen dritten Grades an der linken Hand bei. Die Polizei tappe zunächst völlig im Dunkeln. Doch nicht lange darauf bekam sie die Videoaufzeichnungen. Beim Betrachten ließ sich erkennen: Der Täter war jener ältere Mann, der zu den Kunden des Casinos zählte. Bei einer Hausdurchsuchung fanden Beamte mehrere Waffen und Munition. "Er hatte die Waffen berechtigt in seinem Besitz", sagte einer der Fahnder.

Was treibt jemanden dazu, Sprengstoff in Aschenbecher zu schütten? Welche Absicht hatte der Täter? Was genau verwendete er für seinen hinterhältigen Plan? Alles Fragen, die wegen der Schwerhörigkeit des 80-Jährigen weitgehend unbeantwortet blieben. Nur einmal drang Richter Ewald Ebensperger bis zu dessen Gehörgängen vor. Ebensperger erfuhr: "Es war das Pulver aus zwei kleinen Halloween-Krachern". Und warum? Das verstand der Rentner dann schon wieder nicht mehr. Aber dass er der Täter war, gab der Mann zu. Die Füllung von Halloween-Krachern könne das nicht gewesen sein, ließ ein Sachverständiger des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) wissen. Denn dabei handele es sich um pyrotechnische Artikel der schwächsten Art, frei verkäuflich auch an Kinder. Viel eher hielt es der Experte für möglich, "dass tatsächlich mehrere Gramm Schwarzpulver verwendet wurden." Woher es stammte, blieb unklar. Womöglich aus tschechischen Böllern.

Viele offene Fragen

Selten zuvor lief in Schwandorf ein Prozess, der so viele Fragen offen ließ. Die Verletzungen des Opfers heilten relativ schnell ab, sie hinterließen keine Folgen. "Aber die Stichflamme hätte auch sein Gesicht treffen können,", sagte Richter Ebensperger in der Urteilsbegründung. Wegen gefährlicher Körperverletzung verlangte Staatsanwältin Christine Apfelbacher ein Jahr Haft mit Bewährung und 2000 Euro Geldauflage. Es könne auch mit acht Monaten abgehen, ließ Verteidiger Dr. Gunther Haberl anklingen. Das Schöffengericht verhängte zehn Monate mit Bewährung. Der 80-Jährige muss außerdem 1500 Euro Schmerzensgeld an den damals verletzten 20-Jährigen zahlen. "Wie in aller Welt kommt man auf eine solche Idee?", fragte Richter Ebensperger den Angeklagten. Doch das verstand der Mann erneut nicht. Nur eines ließ er noch erkennen: Von seiner Rente könne er kein Hörgerät finanzieren.

Die Stichflamme hätte auch sein Gesicht treffen könnenRichter Ewald Ebensperger
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