02.05.2018 - 16:04 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Borreliose und ihre Folgen: Zecken: Kleiner Stich mit großer Wirkung

Auf acht Beinen krabbelt sie heran, beißt zu und saugt das Blut ihres Wirts. Nebenbei injiziert sie ihm mitunter fiese Erreger: Wer Pech hat, leidet noch Jahre nach dem Stich einer Zecke unter massiven gesundheitlichen Problemen.

Vor allem im hohen Gras lauern zurzeit wieder vermehrt Zecken. Bild: obs/CosmosDirekt/ErikKarits
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Weiden/Regensburg. Der Schwandorfer Manfred Wenzl (49) nimmt an, dass seine Beschwerden von einer Borreliose-Infektion im Jahr 2002 herrühren. Die auslösenden Bakterien, sogenannte Borrelien, gelangen durch einen Zeckenstich in die Blutbahn. Manchmal führt dies zu schweren Langzeitschäden.

Wenzl glaubt, dass er von einem Waldlauf eine Zecke mitgebracht hat. "Jedenfalls habe ich später eine vollgesaugte auf meinem Kopfkissen gefunden." Einige Wochen später plagten ihn erstmals Müdigkeit und Schmerzen. Für Wenzl folgte eine Odyssee. Tests auf eine Borreliose-Infektion seien mal positiv, mal negativ ausgefallen. "Dabei hat man vielleicht nur ein Viertel bis halbes Jahr Zeit mit der Therapie", glaubt Wenzl: "Je länger man wartet, desto schlechter wird es." Er selbst wurde erst nach zwei Jahren mit Antibiotika behandelt. "Ausgeheilt ist bei mir nichts", sagt der Schwandorfer, "kein Antibiotikum hat angeschlagen. Ich bekämpfe inzwischen nur noch die Symptomatik." Letztlich hätten sogar wochenlange Infusionstherapien keinen Erfolg gehabt.

Dr. Heinrich Körber, Leiter Humanmedizin bei der Regierung der Oberpfalz in Regensburg, schildert den klassischen Verlauf einer Lyme-Borreliose so: "An der Stichstelle tritt zunächst eine sogenannte Wanderröte auf", erklärt der Mediziner. Dabei handle es sich um eine kreisförmige Entzündung, die in der Mitte allmählich abblasse, während der äußere Ring sich vergrößere. "Dann muss man schnellstens zum Arzt, der ein wirksames Antibiotikum verschreibt." In ungünstigen Fällen und unbehandelt könne ein zweites Krankheitsstadium folgen. Mögliche Komplikationen seien Hirnhautentzündung (Meningitis), seltener auch eine Gehirnentzündung (Enzephalitis). "Manchmal tritt eine Teillähmung der Gesichtsnerven auf." Das dritte Stadium der Borreliose könne zur sogenannten Lyme-Arthritis führen, "mit Gelenkbeteiligung am ganzen Körper". Auch Veränderungen der Haut träten häufig auf.

Nachweis schwierig

"Dann wird die Behandlung etwas schwieriger", sagt Körber. Oft müssten mehrere Antibiotika zusammen und über längere Zeit eingenommen werden. "Deshalb ist es wichtig, schon die ersten Alarmzeichen zu beachten." Der Nachweis einer Borreliose-Infektion gestalte sich schwierig. Zwar lässt sich das Blut des Patienten auf Antikörper gegen den Erreger untersuchen, doch ist das Ergebnis nicht immer aussagekräftig: "Die Interpretation ist nicht leicht", sagt Körber.

Bei Wenzl äußerte sich die Erkrankung untypisch. Eine Wanderröte habe er nie an sich bemerkt, und auch seine chronische Symptomatik sei nicht alltäglich: "Bei mir betrifft es die Muskeln oder Nerven." Probleme bereite nur die linke Körperhälfte: "Auf dieser Seite ermüden meine Muskeln sehr schnell und ich habe auch weniger Körpergefühl." Für den ehemals begeisterten Sportler werde heute schon Treppensteigen zum Problem. "Auch die Konzentration leidet." Als Manfred Wenzl klar wurde, dass er an der Ursache seiner Beschwerden nichts mehr ändern kann, war das "ein Schock. Aber irgendwann muss man sich damit halt arrangieren."

Die Ärzte seien mit ihrem Latein schnell am Ende: "Viele wissen gar nicht, dass sich eine Borreliose so ausprägen kann. Es heißt dann, es gibt gar keine chronische Borreliose. Wenn der Test negativ ausfällt, ist man für die Ärzte geheilt." Wenzl selbst hält nichts von den gängigen Tests, "das ist wie Würfeln". Vor allem den Standardtest findet er wenig hilfreich: "Der ist doch für die Katz'."

Zum Spezialisten gehen

Mediziner Körber empfiehlt, sich bei unklaren Diagnosen an Spezialisten wie Infektiologen oder Laborärzte zu wenden. Diese könnten serologische Zusatzuntersuchungen vornehmen. Körber erklärt: "Je älter man wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man positiv getestet wird. Antikörper bedeuten aber nicht automatisch, dass man erkrankt ist."

Patient Wenzl wünscht sich, dass zur Borreliose mehr geforscht würde und Ärzte besser über die Krankheit Bescheid wüssten. Wenn Standardtherapien versagten, klammere man sich an jeden Strohhalm. Wenzl suchte unter anderem Hilfe bei einem Arzt in Augsburg, der sich auf Borreliose-Behandlung spezialisiert hat. Auch eine Internistin in München versprach Heilung durch eine kombinierte Insulin-Antibiotika-Therapie. Geholfen hat nichts. "Man probiert viel aus, da gehen schon ein paar Tausender durch." Die Kasse komme für solche alternativen Behandlungen nicht auf. "Am Ende hat man nur ein Loch im Geldbeutel und sonst nix", sagt Wenzl.

Der allerbeste Schutz vor einer Erkrankung sei, gar nicht erst gestochen zu werden, betont Mediziner Körber. Zecken lauerten gerne im höheren Gras oder Gebüsch und würden dort auf die Haut abgestreift. Lange Kleidung könne schützen. Auch Repellents schreckten die Tiere ab, "allerdings wirken die Mittel gegen Zecken leider nicht so lange wie gegen Mücken". Wer eine Zecke an sich entdeckt, sollte sie gleich zerdrücken. Hat der Blutsauger bereits zugebissen, rücke man ihm am besten mit einer Pinzette zuleibe. Ziel ist es, die Zecke möglichst rasch, vollständig und schonend zu entfernen. "Vor allem die Gefahr für Borreliose sinkt, wenn die Zecke noch nicht allzu lange gesaugt hat", sagt Körber und warnt: "Auf keinen Fall darf man etwa Klebstoff draufschmieren. Denn dann kriegt die Zecke keine Luft mehr und erbricht aus Panik den Inhalt ihres Verdauungstraktes in die Blutbahn des Wirts." Mit dabei: die Erreger der Borreliose.

Ausgeheilt ist bei mir nichts, kein Antibiotikum hat angeschlagen.Manfred Wenzl, Borreliose-Patient aus Schwandorf

Borreliose und FSME

Gegen die bakteriell ausgelöste Lyme-Borreliose gibt es keine Impfung. Zur Häufigkeit der Erkrankung liegen lediglich aus den 1990er Jahren Daten einer Studie im Großraum Würzburg vor. Hochgerechnet auf ganz Bayern wäre demnach mit 12 000 bis 15 000 Borreliose-Fällen pro Jahr zu rechnen. Das Vorkommen von Borrelien in Zecken schwankt sehr und kann örtlich bis zu 30 Prozent betragen.

Auch die von Viren ausgelöste Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) wird von Zecken übertragen. Als FSME-Verbreitungsgebiete in Deutschland gelten vor allem Baden-Württemberg, Bayern, das südliche Hessen und Thüringen: 0,1 bis 5 Prozent der Zecken sind hier mit dem Virus infiziert. Die Krankheit verläuft typischerweise in zwei Phasen und beginnt mit grippeähnlichen Symptomen. Einem kurzen symptomfreien Intervall folgen neurologische Beschwerden durch Meningitis (Entzündung der Gehirn- und Rückenmarkshäute), Enzephalitis (Gehirnentzündung) und Myelitis (Entzündung des Rückenmarks). Die Patienten sind nicht ansteckend.

70 bis 95 Prozent aller FSME-Infektionen verlaufen jedoch symptomlos oder ohne eine zweite Krankheitsphase. Schwere Verläufe können neurologische Ausfälle durch unvollständige Lähmungen (Paresen), aber auch Anfallsleiden oder chronische Kopfschmerzen verursachen. Oft heilen jedoch selbst schwere Erkrankungen, die fast nur Erwachsene betreffen, völlig aus. Rund 1 Prozent der Fälle mit Beteiligung des Zentralen Nervensystems enden tödlich.

Laut Dr. Heinrich Körber von der Regierung der Oberpfalz wurden 2017 im Bezirk FSME-Fälle im zweistelligen Bereich gemeldet. Gegen FSME gibt es eine Impfung. (m)

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