13.04.2018 - 20:00 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Ein Schafkopf-Traum Solo du und Solo Sie

Ist sich beim Schafkopf ein Spieler sicher, dass die Gegner keinen Stich machen werden, kann er bei einem Farbsolo oder einem Wenz ein Tout ansagen. Dadurch wird der Wert des Spiels verdoppelt.

Ein Solo Sie ist der Wunschtraum eines jeden Schafkopfspielers. Bild: slu
von Autor SLUProfil

Das Problem dabei ist, dass man das Spiel verloren hat, wenn die Mitstreiter dennoch einen Stich machen. Automatisch zum Sieg führt es jedoch, wenn ein Spieler die acht höchsten Trümpfe auf der Hand hat, also alle vier Ober und Unter. In diesem Fall hat die betreffende Person ein Solo Sie, kurz auch Sie genannt.

Ein Solo Sie ist extrem ungewöhnlich und beim Schafkopf das Traumblatt schlechthin. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem Spieler ein solches Blatt ausgeteilt wird, liegt bei 1:10 518 300. Dennoch passiert es hin und wieder, und in so mancher bayerischen Gaststube zeugen acht eingerahmte Spielkarten an der Wand von diesem "Jahrhundertereignis". Kein Wunder, dass jeder Spieler dieses traditionsreichen Kartenspiels davon träumt, dass ihm einmal das Glück derart gewogen ist. Neben der Tatsache, dass er einen höheren Gewinn einstreicht als üblich, ist ihm "ewiger Ruhm" sicher. Diesbezüglich ist ein Vergleich mit der Chance auf den Hauptgewinn im Lotto (6 aus 49) mit sechs Richtigen und der Superzahl interessant: Sie beträgt 1:139 838 160.

Genauso faszinierend wie diese Zahlenspielerei ist die Herkunft des Ausdrucks "Solo Sie". Er hat mit dem französischen Wort "tout" (alles) in der eingangs erwähnten Verwendung zu tun. Aus der Aussprache "tu" von "tout" entsteht im Dialekt als Folge von Anlauterweichung ein "du". Dadurch klingt es wie das deutsche persönliche Fürwort in vertrauter Anrede. Das höfliche Gegenstück dazu lautet "Sie". Es ist sozusagen die Steigerung von "du" und wird deshalb dazu hergenommen, die Steigerung eines Solo Tout als Solo Sie zu bezeichnen. Auch in einem allgemeineren Kontext wird "Sie" als Bezeichnung von etwas gebraucht, das sehr ausgeprägt ist, zum Beispiel: "Die hat ein Mundwerk, das schreibt sich Sie!"

Das in diesem Beitrag beschriebene Beispiel gibt einmal mehr Zeugnis davon, wie durch die Synthese von Kulturhistorie und dialektaler Lautung ein neuer Zusammenhang entstanden ist. Dieser hat sich in den Köpfen der Menschen derartig verankert, dass er zum Allgemeingut geworden ist.

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Die Serie im Internet:

www.onetz.de/themen/dialekt

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