Ex-Neonazi erzählt vom Ausstieg

Vor fast drei Jahrzehnten verübte ein damals 19-jähriger Rechtsradikaler einen Brandanschlag auf das Habermeier-Haus. Dabei kamen vier Menschen ums Leben. Bild: Götz
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Schwandorf
19.12.2016
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Ein Neonazi-Aussteiger erzählt seine Geschichte. Davon, wie er in die rechtsradikale Szene rutscht und gezielt Linke und Ausländer verprügelt. Heute hilft er in Afrika beim Bau von Brunnen.

Für das Berufliche Schulzentrum Oscar-von-Miller-Schule hat das Thema Rechtsradikalismus eine besondere Bedeutung. Ein ehemaliger Schüler verübte im Habermeiser-Haus einen Brandanschlag, bei dem vier Menschen ums Leben kamen. Am Samstag jährte sich die Tat zum 28. Mal. Bei einer Gedenkveranstaltung stellte sich ein Neonazi-Aussteiger den Fragen, die Schüler, Journalisten und ein Moderator ihm stellten. Die Identität des Aussteigers galt es dabei zu schützen. Fotos und Aufzeichnungen waren nicht erlaubt. Über Alter und Herkunft gab es keine Informationen. Dafür lieferte der Aussteiger reflektierte und offene Antworten.

Wie sind Sie in die rechtsradikale Szene gekommen?

Aussteiger: Angefangen hat alles in jungen Jahren. Zuerst ging es nicht um rechte Inhalte. Nach ein paar Monaten ist das Thema aber auf Politik gekommen. Es kamen Sprüche wie: "Da hinten, die blöden Ausländer magst doch du auch nicht?!" An Wochenenden habe ich dann an politischen Veranstaltungen teilgenommen. Da ist man richtig geimpft worden. Ältere, die am Krieg teilgenommen haben, haben aus ihrer Sicht das Dritte Reich erklärt - und das alles nicht so schlimm gewesen sei. Die sechs Millionen ermordeten Juden hat es natürlich auch nie gegeben. Es ist viel Gehirnwäsche betrieben worden.

War es also ein schleichender Prozess?

Aussteiger: Ja.

Was haben Sie in der Zeit, in der Sie in der Szene aktiv waren, erlebt?

Aussteiger: Am Anfang habe ich Veranstaltungen besucht, Demos und Konzerte. Wir sind viel ins befreundete Ausland gefahren. Da war vieles einfacher. In Polen etwa interessiert es keinen, wenn du mit einer Hakenkreuzfahne rumrennst. Alkohol war immer ein großes Thema. Es ist viel gesoffen worden. Dann wird man mutiger und es geht auf die Straße. Wir haben gezielt Linke und Ausländer gesucht, gejagt und zusammengeschlagen. Ich war der Gewalt nicht abgeneigt. In der Szene war Gewalt Alltag.

Wie hat die Umgebung reagiert, etwa bekannte Ausländer, Familie?

Aussteiger: Der Kontakt ist nach einer Zeit abgebrochen. Ich war das "dumme Nazischwein", die anderen die "Scheiß-Ausländer". Es kam zu Schlägereien. Meine Eltern haben am Anfang nicht viel mitgekriegt. Das hat länger gedauert. Als ich im Skinhead-Montur mit Stiefel und Glatze dastand, wussten sie, was los ist. Sie haben versucht dagegen anzureden, aber das hat mich nicht interessiert. Irgendwann haben sie aufgegeben.

Wie war es mit Freunden und in der Arbeit?

Aussteiger: Ich habe viele Freunde dadurch verloren. Einige kamen nach meinem Ausstieg wieder zurück. Aber 80 Prozent sind weggebrochen. Im Arbeitsumfeld habe ich mich zusammengerissen und versucht, mich so normal wie möglich zu verhalten. Schließlich ist man auf seinen Geldgeber angewiesen.

Kam es zu Anzeigen?

Aussteiger: Ich habe Berge von Gerichtsakten. Jedes Wochenende gab es eine Schlägerei. Wir haben bewusst Treffen von Linken aufgesucht. Über drei oder vier Jahre ging es so, dass ich am Wochenende oft im Gefängnis war und am Montag wieder in der Arbeit. Das erste Mal zum Nachdenken kam ich, als ich mehrere Wochen weggesperrt war. Aber niemand hat mich unterstützt. Ich habe aber mehrmals versucht auszusteigen. Ich habe zahlreiche Verletzungen davongetragen. Die haben die Leute ziemlich zusammengetreten. Ich war ziemlich hoch angesiedelt wegen meiner Gewaltbereitschaft. So einen lässt man ungerne gehen. Ich hatte 70 bis 80 Mann unter mir.

Gab es Regeln in der Neonazi-Szene?

Aussteiger: Für mich ja. Ich bin auf niemanden los, der fünf oder sechs Jahre jünger als ich war. Auch Frauen und Kinder habe ich nicht geschlagen. Aber es gab auch Kameraden, denen war das egal.

Welche Personen sind in der rechten Szene aktiv?

Aussteiger: Es ist alles vertreten. Ein Schnitt durch die Gesellschaft und alle Bildungsgrade. Es gibt welche, die saufen und prügeln, oft aus der unteren Bildungsschicht. Aber auch Geldgeber - da sind Professoren und Akademiker dabei.

Wie kam es dann schließlich zum Ausstieg.

Aussteiger: Es kam die richtige Haftstrafe: Ich war für mehrere Jahre eingesperrt. Da denkt man dann schon nach. Im Gefängnis habe ich über den Sozialdienst Kontakt zum bayerischen Aussteiger Programm geknüpft.

Ist Ihnen der Ausstieg schwergefallen?

Aussteiger: Der Verfassungsschutz hat mich ja jahrelang beobachtet und eingesperrt. Das Schlimmste war, mit denen jetzt zusammenarbeiten. Ich musste aber keine Aussagen tätigen. Das Schlechte ist, man bekommt kein Geld dafür. Aber Geld sollte auch nicht der Anreiz sein, sein Leben zu ändern. Man wird natürlich bedroht von ehemaligen Kameraden. Ich musste aus meiner alten Ortschaft wegziehen.

Wie lange hat der Ausstieg gedauert und wie gehen Sie jetzt damit um?

Aussteiger: Es dauert schon ein paar Jahre bis man Ausdrücke wie Kanake, Polacke oder Nigger nicht mehr sagt - und nicht mehr denkt. Das aus dem Kopf rauszubekommen ist sehr schwer. Im Restaurant suche ich mir immer einen Platz neben der Türe. In der Stadt dreht man sich schön öfter um. Das Leben habe ich mir aber selber eingebrockt. Ich baue mittlerweile Brunnen in Afrika. Wahrscheinlich auch, um meine Schuldgefühle loszuwerden.

AussteigerprogrammSeit Februar 2001 haben 223 Personen am bayerischen Aussteigerprogramm teilgenommen. 97 waren nicht geeignet, weil sie zum Beispiel finanzielle Forderungen stellten oder auf Straferlass drängten. Es gab elf Abbrüche, 105 Ausstiege waren erfolgreich, elf laufen aktuell. Ausstiegswillige können sich unter Telefon 0180/2000786 (6 Cent aus dem Festnetz pro Verbindung) melden oder unter der E-Mail-Adresse aussteigerprogramm@stmi.bayern.de. (doz)
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