Gedenken an die Opfer von 1988
„Aus dem Brandanschlag gelernt“

"Deutschland ist bunt. Schwandorf ist bunter", riefen die Jugendlichen den Teilnehmern der Gedenkfeier zu. Sie verurteilten Diskriminierung, Intoleranz, Fremdenhass, Ungerechtigkeit, Rassismus und Unmenschlichkeit.
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Schwandorf
19.12.2016
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Leyla Kellecioglou hat beim Brandanschlag auf das "Habermeier-Haus" vor 28 Jahren ihre Eltern Fatma und Osman Can sowie ihren zwölfjährigen Bruder Mehmet verloren. Am neu errichteten Gedenkstein legte sie am Samstag Blumen ab und zündete eine Kerze an. Bilder: Hirsch(2)

28 Jahre nach dem von rechtsradikaler Hand verübten Brandanschlag ist an einem jüngst aufgestellten steinernen Mahnmal am Schlesierplatz der vier Opfer gedacht worden. Drei von ihnen waren türkischer Abstammung. Zum Zeichen der Erinnerung wurden weiße Rosen abgelegt.

Heute wird glücklicherweise offen darüber gesprochen, damals nicht. Vor einer Gedenktafel, in deren unmittelbarer Nähe nun auch der Gedenkstein steht, ergriff Günter Kohl als Sprecher des Schwandorfer Bündnisses gegen Rechtsextremismus das Wort. Kohl tat das vor zahlreichen Menschen mit türkischer und deutscher Staatsangehörigkeit, unter ihnen auch der türkische Generalkonsul Yavuz Kül aus Nürnberg.

Dank an Irene Maria Sturm

Was Günter Kohl zu sagen hatte, war 28 Jahre zuvor und auch lange Zeit danach kaum so deutlich in Schwandorf zur Sprache gekommen. Er nannte die Namen von Fatma, Osman und Mehmet Can, dazu auch Jürgen Hübener, die seinerzeit bei einem vorsätzlich entfachten Großbrand starben. "Die rassistische Tat bleibt bis heute unbegreiflich", ließ Kohl anklingen und schrieb Schwandorf ins Stammbuch: "Es hat lange gedauert, bis man eine würdige Form der Erinnerung an diesen deutschlandweit ersten Brandanschlag fand, bei dem türkische Mitbürger ihr Leben lassen mussten."

Günter Kohl dankte der ehemaligen Grünen-Landtagsabgeordneten und Ex-Stadträtin Irene Maria Sturm, die den Gedenkstein anfertigen ließ. Dann rief er ins Gedächtnis, "dass skrupellose Populisten soziale Probleme in der Gesellschaft auch während unserer Zeit dazu nutzen, Menschen gegen Menschen aufzuhetzen." Kohl sagte weiter: "Flüchtlinge und Muslime sind nicht verantwortlich für soziale Verwerfungen in unserem Land." Noch eines lag ihm am Herzen: "Es gibt Politiker, die meinen, man könnte den Leuten vorschreiben, wie ihre Kultur auszusehen hat." "Schwandorf hat aus dem Brandanschlag gelernt", zeigte sich Günter Kohl überzeugt.

Kein Platz für Rassismus

Ihm zu danken war dem türkischen Generalkonsul Yavuz Kül ein Anliegen. "Wir setzen ein Zeichen", hob er hervor und fuhr fort: "Hier gibt es keinen Platz für Rassismus." Exakt dort, wo der Generalkonsul seine Rede hielt, waren 28 Jahre zuvor nach einer ersten Alarmmeldung Polizeibeamte vorgefahren und hatten Leute, die das Wohn- und Geschäftshaus wegen der Flammenentwicklung nicht mehr verlassen konnten, auf das Dach ihres Einsatzfahrzeugs springen lassen. Die Gedenkstunde zum 28. Jahrestag der Brandkatastrophe setzte sich in der Moschee der türkisch-islamischen Kulturgemeinde an der Max-Planck-Straße fort. Dort ergriffen mehrere Redner das Wort, darunter auch Schwandorfs Oberbürgermeister Andreas Feller.

Er dankte vor allem den Angehörigen der damals schwer geprüften Familie Can für deren Teilnahme und unterstrich: "Wir trauern um die vier Toten, die bei diesem verbrecherischen Anschlag ihr Leben lassen mussten." Dann setzte Feller ein deutliches Zeichen: "Wir möchten zeigen, dass Schwandorf eine bunte Stadt ist und es hier keinen Platz für Rechtsextremismus gibt. Wir wollen solche Personen und ihre Gesinnung hier nicht haben." Schwandorf sei eine offene und tolerante Stadt, in der jeder Bürger geachtet und respektiert werde.

In der Moschee gab es danach ein ökumenisches Gebet, das der katholische Dekan Hans Amann, der evangelische Pfarrer Arne Langbein und der Imam der türkisch-islamischen Kulturgemeinde, Ibrahim Deniz, sprachen. Als Gäste nahmen auch der türkische Attaché für Religionsangelegenheiten, Mumin Sener aus Nürnberg, der Landtagsabgeordnete Franz Schindler (SPD) und die ehemalige Grünen-Abgeordnete Irene Maria Sturm an der Gedenkstunde teil. Besonders sie hatte sich in der Zeit unmittelbar nach dem rechtsradikalen Brandanschlag dafür eingesetzt, in Schwandorf ein klares Bekenntnis gegen braune Umtriebe abzulegen. Damals verhallten ihre Aufforderungen weitgehend ungehört.
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