Häusliche Gewalt steigt gern an besonderen Tagen
Schläge im trauten Heim

Wenn der Partner die Faust einsetzt, ist vorher schon einiges passiert. Häusliche Gewalt beginnt oft mit Beleidigungen, Demütigungen oder gezielter Erniedrigung. Bild: dpa
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Schwandorf
23.12.2016
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"Oft wissen die Männer gar nicht, dass die Frauen bei uns sind." Zitat: Siegfried Deml

Siegfried Deml findet den richtigen Ton und den Zugang zu Menschen, fast ausnahmslos Frauen, damit sie sich ihm anvertrauen. Und dann sieht der Hauptkommissar bei der Polizeiinspektion Schwandorf oft in Abgründe, die sich nicht selten an Feiertagen auftun.

Erst kürzlich kam eine Frau zur Wache, weinte. "Ich nahm sie mit in mein Büro, sagte: 'Jetzt setzen sie sich erst einmal hin', bot ihr etwas zu trinken an und ließ sie in Ruhe. Nach einer Weile fing sie an zu reden." Es stellte sich heraus die Frau wurde Opfer eines sexuellen Übergriffs. Deml ist der speziell geschulte Beamte für häusliche Gewalt bei der Polizei Schwandorf. Zwischen 40 und 60 Fälle landen jährlich auf seinem Schreibtisch. Vor acht Jahren, seitdem widmet er sich dienstlich dieser speziellen Form der Kriminalität, waren es um die 20.

Die Welt ist aber Deml zufolge nicht um so viel schlechter geworden, es fand vielmehr ein Tabubruch statt. Allerdings, sagt er bei dem Gespräch mit Oberpfalz-Medien in seinem Büro, koste es den Frauen noch immer viel Mut und Überwindung zu sprechen. "Sie sind oft total durch den Wind." Wenn sie sich aber schließlich durchgerungen hätten, "sprudelt es oft förmlich aus ihnen heraus". Deml geht auch ganz diskret vor, macht Hausbesuche in Zivil und zu einem Zeitpunkt, wenn der Ehemann oder Lebenspartner außer Haus ist. Oder die Opfer kommen dann in sein Büro. "Oft wissen die Männer gar nicht, dass die Frauen bei uns sind." Und: "Wenn sie bei mir sind, ist ein gewalttätiger Übergriff nicht zum ersten Mal passiert."

Gewaltspirale dreht sich

Deshalb nimmt der Polizeibeamte die Wörter hochschaukeln und Gewaltspirale in den Mund. Am Anfang stehen meist verbale Erniedrigungen, danach folgt ein Schubser oder eine Ohrfeige und "jedes Mal wird es mehr. Erfahrungen zeigen, dass es an Weihnachten und in den Ferien zu einem Anstieg von Streitigkeiten kommt". Die Leute seien raus aus der Alltagsroutine, hätten vielleicht hohe Erwartungen an die schönsten Tage des Jahres, verbrächten ungewohnt viel Zeit miteinander, wollten eine heile Familie sein.

Veränderungen führen Deml zufolge oft zu Gewaltausbrüchen, dazu zählt er die Verrentung eines Partners ebenso wie den Verlust eines Arbeitsplatzes. Psychische Probleme, der Kampf ums liebe Geld bedingten Aggressivität, der Alkohol tue häufig sein Übriges dazu. Ganz stimmt die Statistik vom brüchigen Weihnachtsfrieden aber nicht. "Voriges Jahr zum Beispiel", bemerkt der Polizist, "war es ruhig, vor ein paar Jahren kamen drei oder vier Anzeigen". Auch wenn kein Strafantrag gestellt wird, ist Deml zufolge eine Handgreiflichkeit in der Familie nicht aus der Welt. Der Vorfall bleibt registriert.

Eines stellt er klar: "Häusliche Gewalt ist kein Phänomen eines bestimmten Milieus. Sie zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen." Da sei der Arzt genauso unter den Tätern zu finden wie der Hartz-IV-Empfänger. Außer den Opfern melden sich oft Freunde oder Nachbarn bei Deml. Er ist zwar der ruhige und beruhigende Helfer in der akuten Not - "wir lassen die Frauen nicht ins Loch fallen" - verweist aber schnell auf die Beratungsstellen, arbeitet zum Beispiel mit dem Frauenhaus zusammen. In ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen, das ist ihm ein großes Anliegen, ist die psychische Gewalt. Vielleicht auch deshalb, weil ihm ein Opfer nicht aus dem Kopf geht. "Eine Frau wird seit Jahren gestalkt. Die meisten Täter lassen es nach ein paar Gesprächen sein und im Regelfall kehrt Ruhe ein." Nicht so in diesem einen Fall.

Bisher nur fünf Männer

Deml redet nur über Frauen, die von ihrem Partner erniedrigt, gedemütigt, geschlagen und verprügelt werden, und Kindern, die dies mit erleben müssen oder misshandelt werden. Der Mann ist meist der Täter. Die Männer, die zu ihm kommen, weil die Frau Hand angelegt hat, kann er an einer Hand abzählen - noch. "Erst vor kurzem war ein Mann da." Der fünfte. Da sei die Mauer des Schweigens deutlich höher. Männer würden sich weit mehr als Frauen schämen, eine Watschn von der Partnerin zuzugeben. Bei häuslicher Gewalt geht er nach wie vor von einer nicht zu vernachlässigenden Dunkelziffer aus. (Hintergrund)

Oft wissen die Männer gar nicht, dass die Frauen bei uns sind.Siegfried Deml
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