20.03.2018 - 21:10 Uhr
Schwandorf

Interview mit dem Demokratie-Beauftragten Günter Kohl Rassismus "weltweit salonfähig"

Günter Kohl hat eine klare Meinung. Der Schwandorfer Lehrer und Demokratie-Beauftragte spricht zum Internationalen Tag gegen Rassismus über Fremdenfeindlichkeit, Schwarz-Weiß-Denken und die AfD.

Lehrer Günter Kohl stellte sich anlässlich des Internationalen Tages gegen Rassismus den Fragen von Oberpfalz-Medien. Bild: Gerhard Götz
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Die Berufsschule Schwandorf ist ein gebranntes Kind. 1988 verübte einer ihrer Schüler einen Brandanschlag, bei dem vier Menschen ums Leben kamen. Seitdem widmet sich die Schule dem Thema Rassismus. Vor allem Günter Kohl (62), der seit 32 Jahren in Schwandorf unterrichtet, ist sehr engagiert. Er ist ein vom Kultusministerium eingesetzter Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz, der für die Extremismusprävention und -intervention an den Oberpfälzer Schulen zuständig ist. Im Interview stellt er sich den Fragen von Oberpfalz-Medien.

Hetze im Netz, ein Rechtsruck in ganz Europa und ein amerikanischer Präsident, der bei der Migrationsdebatte von Drecksloch-Ländern spricht - wie salonfähig ist Rassismus heute?

Günter Kohl: Er ist leider weltweit salonfähig geworden und man darf nicht vergessen, dass der Rassismus, der vorherrscht, eine Entwicklungsgeschichte hat. Das heißt, er ist nicht vom Himmel gefallen. Rassismus gibt es schon lange - angefangen in den Zeiten der Eroberung von Amerika durch die Europäer ...

... aber gerade in den vergangenen Jahren gab es ja eine rasante Entwicklung, oder?

Jein. Lange Zeit wollte man Dinge, die in Deutschland vorfallen, nicht wahrhaben. Die Liste der infolge von Rassismus begangenen Morde in den 1980er Jahren ist bereits groß. Einige Beispiele: Wir hatten in Deutschland im September 1980 das Oktoberfest-Attentat mit 13 Toten und 211 Verletzten, begangen von einem Rechtsextremisten, was man lange so nicht einordnen wollte. Im Dezember 1980 wurden der Verleger und Rabbi Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin in Erlangen durch ein Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann umgebracht. Wir hatten den tödlichen Brandanschlag 1988 in Schwandorf, den einer unserer Schüler verübt hat. Diese Taten sind alle auf einen massiven Rassismus zurückzuführen, der schon da gewesen ist. Das Thema hat sich aber ausgeweitet. Im Osten gibt es beispielsweise sogenannte "National befreite Zonen", in denen die Hegemonie einer rechten Subkultur angestrebt wird. Und seit 1990 sind nach Zählung der Amadeu-Antonio-Stiftung 195 Menschen Opfer rechter Gewalt geworden.

Worauf ist es denn zurückzuführen, dass der Rassismus sich ausgeweitet hat?

Man darf nicht vergessen, dass wir schon immer einen Bodensatz an Fremdenfeindlichkeit hatten, der nicht so an die Öffentlichkeit gekommen ist, weil es auch keine Partei dafür gab. Die NPD war eine Partei absolut rechts außen, es war die Partei der Altvorderen und alten Männer - sie waren unmodern und uncool, auch wenn sie abschnittsweise immer wieder in einigen Länderparlamenten vertreten war. Die ganze Strategie, die heute von sogenannten rechtspopulistischen Parteien gefahren wird, ist eine ganz andere. Man versucht an Ressentiments, die in der Bevölkerung da sind, anzudocken. Aber nicht, indem man ein ganzes reaktionäres Nazisystem drüberstülpt, sondern indem man versucht, sich den Anschein der Normalität zu geben ...

... also unterschwellig

... das ist unterschwellig was da gerade passiert. Eine große Gefahr sind die sozialen Medien, weil jeder innerhalb kürzester Zeit den größten Schrott verbreiten und ein Publikum erreichen kann. Ich bin überzeugt, dass Donald Trump ohne Twitter nicht Präsident geworden wäre.

Ist es einfach zu verlockend, dass es für komplexe Probleme Lösungen in 140 Zeichen gibt?

Ja, natürlich. Dieses ganze rechte Denken beruht ja auf einem Schwarz-Weiß-Denken. Man versucht, komplexe Systeme und komplexe Fragen auf möglichst einfache Weise zu erklären - und immer einen Schuldigen zu finden. Das ist eine typische Strategie, die man durch alle rechtspopulistischen Parteien in allen Ländern findet.

Die uns jetzt auch im Bundestag droht. Nach sechsmonatiger Regierungsbildung fängt die Arbeit für die Politiker in Berlin nun richtig an. Mit der AfD als größte Oppositionspartei? Ändern sich nun Ton und Umgang im Bundestag?

Ja, natürlich. Das hat sich bereits geändert. Schon die ersten Monate hat man den Parlamentariern Dinge um die Ohren geschlagen, die in der geäußerten Weise nicht stimmen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass sie in ihrem Populismus Fakten so zurecht drehen, dass sie für die eigene Klientel passen. Da muss sich das Parlament wehren und man kann konstatieren, dass dies auch getan wird.

Um in der Region zu bleiben: Die AfD Bayern hatte ein Demokratie-Seminar am Kepler-Gymnasium in Weiden kritisiert. Auf Facebook sprachen sie von "Gehirnwäsche für Gymnasiasten". Wie ist das einzuschätzen?

Da haben die Leute einfach keine Ahnung von Schule, das ist ein Bildungsproblem. Wie es überhaupt in der rechten Szene ein Bildungsproblem gibt. Die sollten mal hergehen und sich die obersten Bildungsziele für Bayerns Schulen anschauen. Hinsichtlich deren Umsetzung gibt es eine aktuelle Konkretisierung, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wird, den Schülern einen Wertekonsens zu vermitteln, der Grundwerte impliziert: Die Achtung der Menschenwürde ebenso wie die Integration der Bürgerinnen und Bürger vor dem Hintergrund einer sich rasch wandelnden pluralistischen Gesellschaft. Wir Lehrer haben einen Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verwirklichen, der Wissen und Können vermittelt aber die Schüler sind vor allem auch im Geist der Demokratie und der Völkerversöhnung zu erziehen. Das müssen wir machen und das ist gegen jede Form von Nationalismus gerichtet. Wir haben zu verantwortlichem Gebrauch der Freiheit, zu Toleranz, friedlicher Gesinnung und zur Achtung vor anderen Menschen zu erziehen, zur Anerkennung kultureller und religiöser Werte, auch der anderen - nicht nur der eigenen. Dazu sind wir als Lehrer verpflichtet.

So wie es mit dem Demokratie-Seminar am Kepler-Gymnasium geplant war ...

... richtig. Jetzt frage ich mich ja auch, was mit der AfD los ist, wenn sie als sich demokratisch verstehende Partei kein Interesse hat, dass sowas an Schulen thematisiert wird. Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil sie dem selber nicht entsprechen? Wir sollen Herz und Charakter bilden und uns gegen extremistische Bestrebungen stellen. Ja bitte, warum ist das nicht im Sinne der AfD, muss ich mich fragen.

Die Rektorin Sigrid Bloch hat den Schülern die Teilnahme freigestellt und gesagt: "Ich gehe davon aus, dass die Schüler demokratisch geschult sind, mit diesem Angebot verantwortungsbewusst umzugehen." Die richtige Reaktion?

Die Schule hat alles richtig gemacht. Das Seminar ist okay. Die brauchen im Grunde genommen auch nichts relativieren, denn das Seminar steht für sich. Das Seminar ist eine Präventionsveranstaltung gegen Rechtsextremismus.

Wie groß ist das Thema Rassismus an den Schulen heute und wie hat er sich entwickelt?

Rassismus ist schon immer da. Wir haben in Deutschland - das müssen wir uns immer vor Augen halten - eine grundsätzliche Fremdenfeindlichkeitsquote seit vielen, vielen Jahren. Studien haben herausgefunden, dass sie bei etwa 20 Prozent liegt. Wir haben ein rechtsextremistisches Potenzial, das war einmal höher, momentan sprechen wir von sechs bis sieben Prozent. Wir haben eine Ablehnung von Muslimen, die horrend ist und über 50 Prozent bei den Umfragen geht. Wir haben eine ganz hohe Ablehnung von Sinti und Roma. Und der Antisemitismus ist - vor allem unter dem Mäntelchen der Israelkritik - quer durch die Gesellschaft wieder salonfähig geworden.

Was gibt es für Lösungsansätze, um Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln zu nehmen und Rassismus vorzubeugen?

Da gibt es viele. Es gibt antirassistische Programme, die man mit Schülern fahren kann. Meine Kollegin Alexandra Schichtl und ich machen Workshops über drei Stunden, in denen man Schülern schon einiges vermitteln kann. Wir gestalten Lehrerfortbildungen und halten Vorträge bei Elternabenden und Lehrerkonferenzen. Es ist erstaunlich, wie viel positive Rückmeldung wir bekommen. Man muss das Gespräch suchen. Unabhängig von diesen Programmen, von Projekten und Ausstellungen ist das Allerwichtigste aber, dass der Geist einer Schule stimmt. Wir müssen Schulkulturen entwickeln. Es muss jeder, der in eine Schule geht, spüren, dass er respektiert wird, dass er nicht niedergemacht wird, dass er Erfolg hat, dass er etwas wert ist. Wenn Menschen die Erfahrung machen, ich werde respektiert und bin wertvoll, haben sie es nicht nötig, sich selbst dadurch aufzuwerten, dass sie andere abwerten.

Eine große Gefahr sind die sozialen Medien, weil jeder innerhalb kürzester Zeit den größten Schrott verbreiten und ein Publikum erreichen kann.Günter Kohl aus Schwandorf, Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz

Tag gegen Rassismus

Der Tag gegen Rassismus am 21. März wurde 1966 von den Vereinten Nationen als "Internationaler Tag zu Überwindung von Rassendiskriminierung" ausgerufen. Auslöser war ein Vorfall vom 21. März 1960. Damals wurde eine friedliche Demonstration in Sharpeville in Süd-Afrika gegen ein Gesetz über die Apartheid blutig niedergeschlagen. 69 Menschen starben, darunter acht Frauen und zehn Kinder. Viele weitere Menschen werden verletzt. Ende der 1970er Jahre ergänzten zudem die Vereinten Nationen den Gedenktag mit einer Einladung an ihre Mitgliedstaaten, eine alljährliche Aktionswoche der Solidarität mit den Gegnern und Opfern von Rassismus zu organisieren. 2018 wird es am 21. März unter anderem Kundgebungen mit Reden, Tanz und Musik sowie anderen Aktionen in Ansbach, Bamberg, Bayreuth, Erlangen, Karlstadt, München, Nürnberg, Regensburg, Rothenburg/Tauber, Straubing und Würzburg geben. (dpa/ehi)

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