Plastische Bezeichnungen für Wehwehchen und Krankheiten
„Blaoudern“ und „Rufern“

Vermischtes
Schwandorf
17.12.2016
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"I ho niad in Kircha gej kinna, wàlma alle d' Suchd hamm." Mit dieser Begründung erklärte neulich eine Frau die Tatsache, dass sie zu einer bestimmten Uhrzeit am Sonntagvormittag zu Hause war. "D' Suchd homm" ist ein sehr alter Dialektausdruck, der heute nur mehr sehr selten verwendet wird und in dem Bereich der Krankheiten und Beschwerden angesiedelt ist. Mit ihrem Satz wollte die Sprecherin - durchaus auch in verbrämter Form - andeuten, dass sie unter Darmgrippe leide und somit ein Kirchenbesuch mit Unannehmlichkeiten verbunden sein könnte.

Dasselbe Bildungsmuster findet sich in der Wendung "ã Gfres homm", womit ein Zustand des Unwohlseins aufgrund eines Infekts bezeichnet wird. Wenn jemand über Schwindel klagt, dann sagt er: "Mir is schwummerle". Fühlt man sich insgesamt in einem schlechten Zustand, der durchaus auch durch reichlichen Alkoholgenuss herbeigeführt worden sein kann, dann wähnt sich der Betreffende "baianand wej ã Bàckl Kunsthonich". Kunsthonig oder Invertzuckercreme ist eine zähflüssige bis feste, aromatisierte Masse aus invertierter Saccharose, die so ähnlich aussieht und schmeckt wie Bienenhonig. Ein häufig vorzufindendes Tätigkeitswort, das Ähnliches wiedergibt, ist "zäpfa" im Sinne von "kränkeln". (Wer mit Hühnern zu tun hat, kennt sicher das Namenwort "Zibf".) Für eine körperlich schwächliche Person ist wiederum der sehr derb klingende Ausdruck "derschbatzt sã" geläufig. Inhaltlich in dieselbe Richtung geht "zefern", das auch als Nomen ("ã Zefern") bekannt ist. Wie in vielen anderen dialektalen Wortfeldern ergeben sich auch in jenem der Krankheiten eine Vielzahl sehr "plastischer" Bezeichnungen, die in der Hochsprache keine direkte Entsprechung haben. So zum Beispiel bei "Wernerlechl", das an den letzten Beitrag über Verkleinerungsformen anknüpft.

Dabei handelt es sich nicht um ein kleines Loch eines gewissen Werner, sondern um ein "Gerstenkorn" am Auge, genauer gesagt um eine bakterielle Infektion bestimmter Drüsen am Augenlid. Dabei entsteht eine schmerzhafte und druckempfindliche Eiteransammlung (Abszess), die zu einem tränenden und geröteten Augenlid führt. A propos Abszess. Der Dialekt hat dafür das Wort "Aoas". Liegt ein kleines Exemplar vor, spricht man von "Oissl".

Interessant ist hier obendrein der Wechsel des Zwielauts von "oa" zu "oi", wie er im Nordbairischen in ein- und zweisilbigen Wörtern sehr häufig anzutreffen ist. Ein expressiver Beleg aus dem Bereich der Haut, wenn auch nur bedingt als Krankheit relevant, ist "Schwoas" (Schweiß) und "schwoissln" (nach Schweiß riechen). Ist der üble Geruch sehr stark ausgeprägt, wird dem Betreffenden im Dialekt wie in der Hochsprache bescheinigt: "Der stinkt wej ã Ültis".

Damit wird ein Vergleich mit der Raubtierart aus der Familie der Marder gezogen, die aus einer Drüse am After ein öliges Sekret absondert, das äußerst unangenehm riecht. Die menschliche Haut ist in dem besprochenen Zusammenhang grundsätzlich sehr ergiebig. "Rufern" (= Wundkruste), "Wimmerl" (= Pickel) und "Ziedracher" (= eine Art Ekzem) sind Wörter, die einem hier sofort in den Sinn kommen. Das erstgenannte kommt auch in der Redewendung "Daou hod's Rufern!" vor, wenn auch in einer Bedeutung, die unmittelbar nichts mit einer Wundkruste zu tun hat.

Sie besagt nämlich so viel wie "Da gibt es Probleme!" und wird als Drohung gebraucht, um den Adressaten mit Nachdruck an korrektes Verhalten zu erinnern. Fast schon als "Klassiker" kann "Blaoudern" bezeichnet werden. Dieses Dialektwort für "Blase" (durch Reizung angeschwollene Stelle der Haut, die sich mit Flüssigkeit füllt) taucht noch sehr häufig in der Alltagskommunikation auf.

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