09.03.2018 - 16:30 Uhr
Schwandorf

Schwandorfer Harald Fuchs Mission: Leben retten

Harald Fuchs (61) bereist in sechs Jahren über 60 Länder. Bei Segeltörns ist er auf der Ost- und Nordsee, in der Karibik und im Indischen Ozean unterwegs. Und im Mittelmeer. Solange Flüchtlinge dort weiter zu Tausenden ertrinken, möchte er nicht mehr privat segeln. Sondern nur noch, wenn er damit helfen kann.

Harald Fuchs ist Crew-Mitglied der "Seefuchs", die derzeit im Mittelmeer unterwegs ist. Bild: sea-eye.org
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Der Schwandorfer Harald Fuchs ist studierter Bau- und Sicherheitsingenieur und passionierter Segler. Seit über einem Jahr engagiert der 61-Jährige sich für die Organisation Sea-Eye, sammelt unter anderem Spenden. Doch er will noch mehr helfen. Seit Donnerstag ist er auf dem Schiff "Seefuchs" im Mittelmeer unterwegs, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Von Malta aus ging es Richtung libysche Küste. Im Interview mit Oberpfalz-Medien spricht er über seinen Einsatz.

Vergangenen Samstag gab es in Regensburg eine Kunstaktion: 13 248 lebensgroße Kreide-Silhouetten bildeten eine 22 Kilometer lange Menschenkette. Sie symbolisieren die Zahl der Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren von Sea-Eye vor dem Ertrinken gerettet wurden. Das sind 13 248 Menschen und Schicksale. Sind solche Zahlen die Motivation oder der Antrieb für ihren Einsatz?

Fuchs: Es sind weniger die Zahlen der geretteten Menschen, sondern derjenigen, die ertrunken sind.

8000 rote Markierungen erinnern bei der Aktion an diejenigen für die jede Hilfe zu spät kam ...

Fuchs: ... und das sind noch nicht alle. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Aber keiner weiß, wie viele es genau sind. Viele Boote kommen nur teilbesetzt an. 50 passen normalerweise auf ein Boot, es wird aber mit 150 Menschen bepfercht. Wenn man 48 Menschen gerettet hat, kann man erahnen, dass 100 fehlen.

Erschreckend. Das sind nicht nur Zahlen, sondern Menschen, die ertrinken ...

Fuchs: ... das sind auch Menschen, die wir nicht an Bord nehmen können. Wir sind dazu gezwungen, sie mit Datum, Position und Schwimmweste zu versehen. Die schwimmen dann, bis sie die Fische abnagen oder irgendwo an der Küste angespült werden.

Wieso gibt es keine Möglichkeiten, die Leichen aufzunehmen?

Fuchs: Man hat die Kühlräume nicht - und kann die Leichen auch nicht ein bis zwei Wochen an Bord lassen. Man braucht bei solchen Einsätzen schon ein bisschen eine dicke Haut.

Als Helfer zu spät zu kommen - das stelle ich mir sehr schlimm vor. Wie bereitet man sich gedanklich auf solche Situationen vor?

Fuchs: Es gibt ein Briefing für die ganze Crew. Im vergangenen Jahr ist ein Kriseninterventionsteam aufgebaut worden - mit relativ vielen Betreuern, die vorher schon auf die Leute einwirken. Es gibt noch ein Briefing in Malta. Und es wird nach dem Einsatz die Betreuung angeboten - weil viele erst später darauf reagieren.

Und haben Sie sich persönlich schon Gedanken gemacht, wie Sie damit umgehen, wenn solche Situationen eintreten?

Fuchs: Ich habe viele psychologische Schulungen gehabt, was das Thema Tod betrifft. Ich war beim Bundeskriminalamt auch Begleitschutz beim Bundestagspräsidenten Richard Stücklen - da ist auch sehr gute psychologische Schulung gemacht worden. Ich bin 2003 auch für den zivilen Hilfsaufbau vom Heeresführungskommando in Potsdam für alle Gebiete gebrieft worden. Ich fühle mich also gut vorbereitet.

Was passiert, wenn so viele Hilfesuchende kommen, dass das Boot zu kentern droht. Wie reagiert man auf so ein Dilemma?

Fuchs: Es wird sehr professionell reagiert. Die ganzen Anweisungen, die wir bekommen, gehen von der Rettungsleitstelle MRCC (Maritime Rescue Coordination Center) in Rom aus.

Sie sprechen es an: Den Helfern wird ihre Arbeit immer wieder erschwert. Immer wieder gibt es Probleme mit der libyschen Küstenwache. Wie weit bis vor die Küste dürfen Sie überhaupt fahren?

Fuchs: Wir patrouillieren aktuell bis 36 Seemeilen vor der Küste und retten bis maximal 24 Seemeilen vor der Küste. Um mal die Situation zu beschreiben: Es gibt geschätzte 160 000 bis 600 000 Migranten. Das ist ein Riesengeschäft für die Schlepper. Früher lag der Preis bei 2000 Dollar, jetzt bei 6000 pro Person. Die Leute werden in der Regel vier bis sechs Monate festgehalten und erpresst - zum Teil sogar umgebracht. Einfach um die Angehören zu animieren, noch mehr Geld rauszurücken. Die Menschen werden in Lastwagen verkarrt und auf Boote geprügelt. Es kommen Leute mit gebrochenen Körperteilen an. Wenn die sogenannte libysche Küstenwache die Flüchtlinge aufgreift, werden sie wieder zurückgebracht. Sie haben dann keinen Wert mehr für Küstenwache und die Terrororganisationen und werden dann ganz einfach als Sklaven verkauft.

Nun haben Sie sich für eine Mission im Mittelmeer entschieden. Wie lange sind Sie im Einsatz?

Fuchs: Zwei Wochen - bis zum 21. März. Zuvor gab es noch ein Briefing für die Crew. Unser Kapitän ist leider wegen Erkrankung ausgefallen. Jetzt haben wir einen neuen. In der Regel besteht die Crew aus acht Mitgliedern, es ist immer ein Arzt dabei und es werden weit über 1000 Schwimmwesten mitgenommen.

Sie kommen selbst gerade vom Arzt und stecken mitten in den Vorbereitungen. Was geschieht im Vorlauf einer solchen Mission alles?

Fuchs: Ich war jetzt vier Wochen auf Malta und habe dort mitgeholfen und mitgearbeitet. Ich war als Sicherheitsingenieur mit beteiligt. Ich habe auch bei der Koordination mit den ganzen Leuten und Behörden geholfen, um Freigaben zu erreichen. Zum Beispiel, dass man überhaupt Schweißen darf auf den Schiffen. Jetzt geht es darum, das ganze Seeschifffahrtsrecht nochmal durchzuackern. Als einer der Funker, der das volle Berufsfunkzeugnis hat, kann ich auch die Vertretung des Kapitäns übernehmen.

Was ist ihr Segler-Hintergrund? Und warum setzen Sie ihre Fähigkeiten nun für die Organisation Sea-Eye ein?

Fuchs: Ich möchte momentan nicht mehr in einem Meer rumfahren, wo Tausende oder Zehntausende Tote rumschwimmen - und ich hoffe, dass das irgendwann ein Ende nimmt. Den Segelschein habe ich seit über 20 Jahren. Ich bin unter anderen Kettentörns gefahren, die über Monate gegangen sind. Als einer der Skipper bin ich durch ganz Europa gefahren. Unser letzter Törn war, ich glaube, vor zwei Jahren geplant. Es hätte um Italien und Sizilien gehen sollen. Da kommt man auch an Lampedusa und den kleinen Inseln vorbei, wo Tote angeschwemmt werden. Die zwei Hauptorganisatoren haben sich dann entschieden: Wir machen den Törn nicht, um nicht irgendwo mit einer kleinen Yacht anzukommen, wo man vielleicht 10 oder 15 Leute drauf bekommt, ohne selber in Seenot zu geraten und 50 andere ertrinken lässt. Lieber sollen das Professionelle machen.

Und jetzt packen Sie selbst an, in dem Sie auf die zweiwöchige Mission gehen. Sind sie nervös?

Fuchs: Nein, überhaupt nicht. Wenn dann vor der Ohnmacht, wenn man selber nicht helfen kann.

Spenden

Spenden an die Organisation Sea-Eye sind unter folgender Verbindung möglich:

Volksbank Regensburg

IBAN: DE60 7509 0000 0000 0789 98

BIC: GENODEF1R01

Weitere Infos unter www.sea-eye.org

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