Sea-Eye bereitet Rettungsaktionen vor
Menschenfischer auf hoher See

Die frisch gestrichene Sea-Eye liegt bereits wieder im Wasser. In einer Werft in Licata (Sizilien) erhielt sie unter anderem einen neuen Unterwasserschutz. Das Schiff wiegt 200 Tonnen, der Kran für das Umsetzen 300. Bilder: hfz/Sea-Eye
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Schwandorf
10.02.2017
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Günther Pirnke ist ein erfahrener Kapitän. Der Schwandorfer fährt Rettungseinsätze und kümmert sich um die Winterarbeiten am und auf dem Schiff.

Günther Pirnke ist wieder auf dem Weg nach Licata. Auf Sizilien wird die Sea-Eye für die neuen Rettungseinsätze vorbereitet. Der Schwandorfer kümmert sich um die Arbeiten vor Ort. Die Menschenfischer stechen bald in See, Pirnke hat noch Zeit.

Der pensionierte Polizeibeamte ist als Kapitän erst für die Mission 13 ab 4. September eingeteilt. Damit sich das Massengrab Mittelmeer aber nicht weiter mit Ertrunkenen füllt, beginnt die Rettungsorganisation Sea-Eye mit dem gleichnamigen Schiff Mission 1 am 7. März. Eine Frau fährt das 200 Tonnen schwere Schiff von Licata in internationale Gewässer vor der libyschen Küste und fährt zum Crew-Wechsel für Mission II wieder Malta an.

Malta deshalb, weil es 70 Seemeilen südlicher als Sizilien liegt. "Das spart uns zwölf Stunden Fahrt", erklärt Pirnke, "auch wenn die Liegeplätze teuerer sind". Für Winterarbeiten hat er die Sea-Eye im November nach Licata überführt. "Um 4 Uhr früh bin ich in Malta los, und um 3 Uhr nachmittags stand ich an der Hafeneinfahrt. "Ich wollte unbedingt bei Tag das Schiff in den Hafen bringen." Ein Grund dafür: Das Hafenbecken ist 4,20 Meter tief, die Sea-Eye hat 3,80 Meter Tiefgang. Pirnke, passionierter und erfahrener Segler mit eigener Jacht in Kroatien und Prüfer, war dafür genau der richtige Mann. Nach Sizilien gebracht hat der 63-Jährige aber auch einen gespendeten VW-Bus, voll geladen mit Material für Ausbesserungsarbeiten an der Sea-Eye. Das Auto dient als Einsatzfahrzeug vor Ort. Laufen die Rettungsaktionen, bringt eine Fähre den VW-Bus nach Malta.

"In Malta gibt nichts Billiges", erklärt der Schwandorfer, warum Umbau- und Renovierungsarbeiten in Licata erfolgen. Die Werft gleich neben dem Hafen machte einen günstigen Unterwasseranstrich. Doch das ist bei weitem nicht alles. Pirnke zählt unter anderem auf: Der Motor wurde generalüberholt, die Küche erneuert, die Elektroanlage auf Wechselstrom umgestellt, das ganze Schiff desinfiziert. "Enorme Anstrengungen wurden unternommen, Sea-Eye zu entrosten und neu zu streichen." Bei dieser Gelegenheit wurde auch "Rescue" in arabischen Schriftzeichen aufgemalt.

Für bestimmte Arbeiten musste die Sea-Eye an Land, jetzt ist sie aber wieder im Wasser. Sechs bis acht Freiwillige, darunter gute Facharbeiter, seien in Sizilien immer am werkeln. Sanitärarbeiten stehen noch an, und die Zeit drängt. Am 7. März soll die Sea-Eye in See stechen. Die Vorfälle im Januar ließen Sea-Eye-Gründer und -Vorsitzenden Michael Buschheuer "nicht ruhen, deshalb wurde die erste Mission von April auf Anfang März vorverlegt". Der Etat für heuer, weiß Pirnke, ist vernünftig gesichert. Und noch eins weiß er: " Ich hab' auch schon eine Menge Geld ausgegeben." An- und Abreise müssen die Crewmitglieder, neben der Freizeit oder dem Urlaub, den sie einbringen, selbst bezahlen. Bis September müsste Pirnke eigentlich nicht zu einem Einsatz fliegen. Er geht aber davon aus, dass er früher ran muss. Mission 12 ist beispielsweise noch ohne Kapitän "und ich hab ja Zeit", sagt er augenzwinkernd. Obwohl er gern mit seiner Jacht segelt und noch aktiv Tischtennis spielt, ist klar: Lange bitten muss Sea-Eye nie.

Maschinist gesuchtFür die Sea-Eye wird dringend ein Maschinist gebraucht. Der bisherige feste Maschinist für den Schiffsdiesel, der bereits auf dem Schiff arbeitete, als es noch als Fischkutter eingesetzt war, ist in seine Heimat auf Rügen zurückgekehrt. Maschinisten können sich laut Pirnke die Rettungssaison über auch abwechseln. Bei einer gewissen Vorbildung werden sie auf der Sea-Eye angelernt. Interessenten melden sich bei Sea-Eye, Telefon 0170/7097464, Mail info@sea-eye.org, oder bei Günther Pirnke, Telefon 0171 /623 1609. (ihl)

Keine Korrekturen am Rettungsplan

Die Malta-Beschlüsse der EU sind für Sea-Eye kein Grund, Pläne zu ändern. Die Seenot-Rettungsorganisation mit Sitz in Regensburg erklärt:"Libyen ist ein 'failed state'. Die staatliche Hoheit über das Gebiet zerfällt in mindestens drei konkurrierende Parteien, es herrschen teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände. Es ist zweifelhaft, dass die libysche Regierung überhaupt in der Lage ist, Vereinbarungen landesweit umzusetzen. Die sogenannte libysche Küstenwache, die nun mit EU-Steuergeldern aufgerüstet werden soll, genießt einen mehr als zweifelhaften Ruf." Nach Sea-Eye Angaben attackierte sie ein Flüchtlingsboot und brachte es zum Kentern.

Die Küstenwache kaperte im Juli 2016 auch das Schnellboot "Speedy" der Sea-Eye außerhalb ihrer Hoheitsgewässer. "Es ist uns gestohlen worden", sagt Pirnke dazu. Nach eigenen Angaben verfügt Sea-Eye über Hinweise, dass die libysche Küstenwache an den Schleusungen beteiligt ist bzw. daran verdient. Eine Aufrüstung einer solchen Organisation hält Sea-Eye für unakzeptabel. Sie geht davon aus, dass Menschen ihre Flucht nach Europa fortsetzen werden. Zu befürchten sei, dass neue Routen aufgemacht werden. Handelten die freiwilligen Helfer bisher aus der Motivation heraus, in Seenot geratene Menschen nicht ertrinken zu lassen, kämen bei einer Umsetzung der jüngsten Malta-Beschlüsse noch Skrupel hinzu, Menschen "in die Hölle von Libyen zurück zu schicken".
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