29.08.2017 - 18:50 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Urteil in Schwandorf Der vorgetäuschte Mordversuch

Schier unfassbar, was der Amtsrichter hörte. Vor ihm saß ein Mann, der den Behörden ein Gewaltverbrechen vorgaukelte, weil ihm die eigene Selbsttötung in einem Wald bei Teublitz misslungen war. Dabei trug er schwere Verletzungen am Kehlkopf davon.

Symbolbild.
von Autor HWOProfil

Die Akteneintragungen zu diesem völlig ungewöhnlichen Vorgang sind erst sechs Wochen alt. Am 3. Juli tauchte ein 37-Jähriger nach einer Radtour bei sich daheim im südlichen Landkreis auf. Seine Ehefrau erschrak: Ihr Mann hatte erhebliche Blessuren am Hals. "Was ist passiert?", wollte sie wissen. Sie erfuhr: "Da war ein Seil über einen Waldweg gespannt und ich bin dagegen gefahren". Daraufhin kam der Notarzt. Mit dem Rettungswagen wurde der 37-Jährige in eine Regensburger Klinik gebracht. Dort erschienen nicht lange darauf zwei Polizeibeamte. Ihnen gegenüber wiederholte der Mann die Geschichte vom quer über den Waldweg gespannten Seil. Daraufhin begann eine Ermittlungs- und Fahndungsaktion größeren Ausmaßes. Der Grund: Es war von einem versuchten Tötungsdelikt auszugehen.

Komplett erfunden

Der Patient wurde wegen seiner Verletzungen in ein künstliches Koma versetzt. Als er Tage später erwachte, gab er sofort zu, dass die Geschichte vom Gewaltverbrechen komplett erfunden war. Kurz danach bekamen die Ermittler und jetzt auch der Schwandorfer Richter Thomas Heydn die richtige Version.

Der 37-Jährige hatte eine beruflich orientierte Prüfung geschrieben und war an diesem Tag im Juli zu der Auffassung gelangt, er habe sie wohl "versemmelt". Daraufhin beschloss er spontan ("Ich hatte Zukunftsängste"), sich das Leben zu nehmen, radelte in den Wald bei Teublitz, nahm ein Seil mit und einen Karabinerhaken. Bei Teublitz kletterte der Mann auf einen Baum, legte sich die Schlinge um den Hals, befestigte sie am Karabinerhaken und ließ sich fallen. Doch der Haken brach ab. Damit war der Selbsttötungsversuch gescheitert.

"Ich bin wirklich heilfroh, dass ich noch lebe", ließ der 37-Jährige jetzt vor dem Richter erkennen. Thomas Heydn fragte: "Warum haben Sie diese Story erfunden?". Antwort: "Ich habe mich geschämt." Der Vorsitzende bohrte weiter nach: "Sind Sie bei der Prüfung wirklich durchgefallen?" Nein, hörte er, "ich habe sie bestanden."

Einspruch eingelegt

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Mann wegen Vortäuschung einer Straftat einen Strafbefehl über 180 Tagessätze zu je 60 Euro geschickt. Dagegen legte er Einspruch ein. Und zwar deswegen: Damit wäre er mit dem Delikt in einem polizeilichen Führungszeugnis aufgetaucht, das er demnächst wegen einer neuen beruflichen Stellung brauchen würde.

In ihrem Plädoyer ging Staatsanwältin Jennifer Jäger jetzt sogar noch über diese Ahndung hinaus. Weil der geständige 37-Jährige in aller Ehrlichkeit seine finanziellen Einkommensverhältnisse dargelegt hatte, beantragte sie 180 Tagessätze zu je 120 Euro. Das wären rund 22 000 Euro gewesen. Argument: "Hier wurde ein Verbrechen vorgetäuscht und kein Diebstahl."

Der Richter sah es anders. Er verhängte am Ende eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 120 Euro. Damit wird diese Ahnung nicht in ein Führungszeugnis eingetragen. Das Vorgaukeln einer schweren Straftat falle zwar ins Gewicht, formulierte Thomas Heydn. Andererseits aber müsse man dem Angeklagten "verminderte Schuldfähigkeit zubilligen." Das, so der Richter, könne er auch ohne Sachverständigengutachten aus purem Menschenverstand heraus entscheiden.

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