15.01.2018 - 14:30 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Waldkindergärten und Wildnisschulen Wilde Kinder sind cooler

Der Science-Fiction-Film „Matrix“ rechnet die Technisierung des Alltags fort: Der Mensch eingespeist in die Maschine, seine Wahrnehmung reduziert auf 1 und 0. Eine Horrorvision. Aber schon die Fixierung aufs Handy kappt natürliche Wurzeln. Waldkindergärten und Wildnisschulen halten dagegen.

Schwanenkinder im Schwandorfer Waldkindergarten: Der Alltag im Freien fördert die Geschicklichkeit. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Christian Hölderl (51), Abenteurer aus Regensburg, jagt in Kanada mit Pfeil und Bogen, flüchtet beim Zaunbau vor Bären und rammt sich beim Sturz vom Baum einen Ast in den Bauch – Todesangst verspürt er aber nur einmal, Auge im Auge mit einer Elchkuh, die ihr Kalb verteidigt. Als der Oberpfälzer die Heimat in den 1990ern verließ, waren Töchterchen Eva und Sohn Johannes drei und neun Jahre alt. Was wird aus Kindern, die in der Wildnis aufwachsen – ein Wildfang? Der Computerverächter lacht, wenn er an die Karriere seines Sohnes denkt: „Er repariert Apple-Rechner“ – die Konzentrationsfähigkeit, die Lust am Basteln habe er sich spielerisch in der Natur angeeignet.

Hölderls Erfahrung: „Kinder wollen reelle Sachen erleben – wenn du einen Fluss staust, ist das eine echte Erfahrung, einen Damm bauen, einen Wasserfall beobachten, das ist ein Riesenerlebnis, dafür schmeißt man jedes Handy hin.“ Die Orientierung in der Natur sei um ein vielfaches anspruchsvoller, als in der standardisierten Zivilisation: „Du musst eine gewaltige Masse an Informationen verarbeiten, um in der Wildnis zu überleben“, sagt das Multitalent. Der Mann ist nicht nur Überlebenskünstler, sondern auch begnadeter Handwerker, Restaurator und Musiker. Man müsse da draußen jedes Geräusch richtig orten und zuordnen: „Was ist die Ursache für das Knacksen – ein Hirsch oder ein Puma?“ Als Kind lerne man das spielend. „Die Matheaufgabe dagegen war für meine Kinder immer ein Klacks.“ Primitiv, sei das, Formeln auswendig lernen und Zahlen einsetzen.

Waldkindergarten Eschenbach

Martin Gottsche (46), Leiter des Forstreviers Eschenbach, nähert sich dem Thema von einer anderen Seite. Er sieht die Fehlentwicklungen einer Gesellschaft, in der der Naturbezug ständig abnimmt: „Immer weniger Eltern lassen ihre Kinder in den Wald, weil sie irrationale Ängste gegenüber Zecken und Bandwürmern hegen.“ Zusammen mit Stephan Müller (44), Geschäftsführer des Vereins Learning-Campus, initiierte der studierte Förster den Waldkindergarten Eschenbach. „Vor zehn Jahren war es noch kein Problem, wenn ich einer Gruppe Kinder sagte, sie sollen sich auf einen Baumstamm stellen“, sagt Gottsche, „das ist heute unmöglich, Motorik und Beweglichkeit nehmen ab.“

Dem will das Duo entgegenwirken. „Wir bringen“, erläutert Müller, „Kids ab dem 3. Lebensjahr die Natur praktisch näher – etwa in dem wir gemeinsam Nistkästen bauen.“ Das Allerwichtigste: „Durch aktives Machen ein Ergebnis erleben.“ Die Kindergartenverordnung gibt den Rahmen vor, garantiert, dass auch die Wald-Kinder auf die Schule vorbereitet werden. Gottsche legt Wert darauf, dass Zusammenhänge verstanden werden: „Zum Wald gehört auch die Bewirtschaftung“, sagt der Förster, „der Kreislauf von der Auswahl der Bäume bis zum Sägewerk ist genauso Teil des Lehrplans wie Artenschutz und Fledermäuse.“

Müller betont: „Auch die anderen Kindergärten machen einen guten Job – wir leisten das Gleiche nur in einem anderen Umfeld.“ Nach drei Jahren Waldkindergarten, verspricht er, „weiß ein Kind, wie man sich draußen bewegt, kann es sich selbstständig beschäftigen, ist in der Lage Verantwortung zu übernehmen und wird gelassener“. Die Knirpse lernten, mit den Jahreszeiten zu leben, mit dem Wetter zurechtzukommen, natürlich auch die wichtigsten Pflanzennamen und Grundbaumarten.

„Es ist kein Survivalcamp, wir werden keine Hasen schlachten“, sagt Müller lachend, „aber sie lernen, ein Feuer zu machen, Gefahren einzuschätzen, dürfen mit Werkzeug hantieren und werden so trittsicher und fitter, weil sie den ganzen Tag unterwegs sind.“

Waldkindergarten Schwandorf

Auf Initiative des Fördervereins Schwanenkinder e.V. 2015 gründete sich vor zwei Jahren der Waldkindergarten in Schwandorf – inzwischen in der Trägerschaft des Roten Kreuzes. Mitangeschoben hat die Idee Hauswirtschaftsmeisterin und Erlebnisbäuerin Veronika Peters – sie wollte auch den elterlichen Brunnerhof in Richt miteinbinden, der das Waldgrundstück zur Verfügung stellt und zunächst auch die Versorgung der Kinder übernahm. „Es geht in einem Waldkindergarten um Naturverbundenheit und Umweltbewusstsein“, sagt Vorsitzende Peters, genannt Vroni.

Das Grundstück an der Straße Richtung Schwarzenfeld ist ständig im Wandel: Stück für Stück wurde das „Mobiliar“ erweitert: eine überdachte Terrasse, ein Bauwagen mit Kuschelecke, eine Rutsche, eine Waschanlage, eine Slackline zum Jonglieren: „Das entwickelt sich ständig weiter.“ In und mit der Natur leben, ist die einzige Möglichkeit, die gegenseitige Abhängigkeit von Mensch und Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen: „Wenn wir unter einem Baum sitzen, ist sein Zweck mit Händen zu greifen“, sagt die ehemalige Kindergärtnerin Barbara Schuster. „Wozu braucht man Bäume?“, fragt sie und die Kinder antworten: „Blätter geben Schatten“, „sie machen Sauerstoff“, „man kann Möbel daraus machen“.

Zuschauen, entspannen, nachdenken: „Sie sehen, wie die Tiere im Herbst ihre Nahrung verstecken – und entdecken, dass aus vergessenen Eicheln neue Bäume entstehen.“ Die Sozialpädagogin kann den Lernerfolg auch konkretisieren: „Die fein- und grobmotorische Entwicklung wird gefördert, die Wahrnehmung geschärft.“ Zu Beginn hätten sich viele noch nicht getraut, den Hügel hochzuklettern: „Inzwischen sind alle fit und mutig und marschieren den Weg zum Brunner-Hof in 45 Minuten.“

Auch Werte werden hier vermittelt: Im Kern gilt Kants Imperativ: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu – ich schütze mich, die Pflanzen, die Tiere und meine Kameraden.“ Man könne sich auf die Kleinen verlassen: „Noch nie ist ein Kind abgehauen, sie haben ein großes Verantwortungsbewusstsein für sich und andere entwickelt.“ Und auch die Vorschulstandards kommen nicht zu kurz: Mengen und Zahlen erkennen und ordnen, das richtige Zuhören erlernen, rauszuhören, dass Wörter aus Silben bestehen. „In seiner Doktorarbeit weist der Pädagoge Peter Häfner nach: Waldkinder können sich in der Schule besser an Regeln halten, besser ihren Standpunkt vertreten, waren kreativer und fantasievoller und weniger aggressiv.“

Wildnisschule Oberpfalz in Rieden

Einen ganz anderen Weg beschreitet Karl-May-Fan Christian Rudolf mit seiner Wildnisschule Oberpfalz in Rieden. Der frühere Zeitsoldat mit Auslandseinsatz hat ein Forststudium absolviert. „Ich habe mit 11 Jahren angefangen, mich dafür zu interessieren, wie ich in der Natur überleben kann“, sagt der Überlebenskünstler. „Was muss ich können? Reiten, Bogenschießen, Erste Hilfe, Wildzerwirken – das habe ich mir vom Metzger beibringen lassen.“

Sein Know-how gibt Rudolf in diversen Kursen weiter – von der Allzeit-bereit-Rucksacktour über Survivalseminare bis zum pädagogisch wertvollen „Wilde Väter, wilde Kinder“-Crashkurs. „Mich fasziniert, wie die ganz Kleinen noch ein Jahr später wussten, was ich ihnen über Spurensuchen und Tierstimmen beigebracht hatte – selbst die Unaufmerksamen.“ Sein Credo: „Wenn die Sinne offen sind, verfügt man über ein erweitertes Aufnahmevermögen.“

Was steht hinter Rudolfs Naturbegeisterung? „Der Klimawandel und unser Ressourcenverbrauch führen dazu, dass wir uns selber abschaffen.“ Alle Tierpopulationen passten sich der Umweltkapazität an – nur der Mensch eben nicht. Sein Wunsch: „Kinder müssen von Anfang an eine Liebe zur Umwelt und Natur entwickeln, sogar oder gerade dann, wenn sie ITler oder Autobauer werden – wir brauchen Autos, die 50 Jahre halten und einen genialen Ökonomen, der ein neues Wirtschaftssystem findet, das zu diesem Planeten passt.“

Waldkindergärten in der Region

Landkreis Amberg-Sulzbach Waldkindergarten Kunterbunt in Kümmersbruck Waldkindergarten Kainsrichter Räuberwald, Kainsricht 11, Gebenbach Waldkindergarten Haselstrolche in Stifterslohe bei Sulzbach-Rosenberg

Wildnisschule im Naturpark Hirschwald

Schwandorf & Landkreis Johanniter-Waldkindergarten Stefling Waldkindergarten Schwanenkinder in Schwandorf

Tirschenreuth & Landkreis Waldkindergarten Waldershof, Landkreis Tirschenreuth

Weiden & Landkreis Neustadt/Waldnaab Waldkindergarten Weiden Waldkindergarten Eschenbach.

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