10.11.2017 - 20:00 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Wieder mal eine Chance

Sie kannten sich nicht, trafen rein zufällig an einem Geldautomaten aufeinander und setzten aus nichtigem Anlass zum Faustkampf an. Beide Männer hatten eine Gemeinsamkeit: Sie stehen in der Liste amtsbekannter Schwandorfer Gewalttäter, die regelmäßig Unmengen von Alkohol in sich schütten.

von Autor HWOProfil

Amberg/Schwandorf. Der Mann auf der Anklagebank wollte eine Chance. Wieder einmal nach 17 Vorstrafen, die unter anderem wegen Raub, Körperverletzung und Vergewaltigung verhängt wurden. Dann hörte die Dritte Strafkammer des Amberger Landgerichts einen Satz, den sie fast schon regelmäßig vernimmt. Sinngemäß: "Ab jetzt soll alles anders werden." Zumal wegen zweier kleiner Kinder.

Der 46-jährige Gewohnheitstrinker aus Schwandorf schwang sich im Sommer 2016 auf sein Rad, fuhr mit 1,8 Promille zu einem Geldautomaten nahe der Adenauerbrücke und traf dort auf einen 39-Jährigen. Auch der, stellte sich später heraus, war Alkoholiker, hatte zwei Promille und galt ebenfalls als gewaltbereit.

Beide Männer, die sich vorher nie sahen, gerieten aus nichtigem Grund in Streit. Dann droschen sie aufeinander ein, wobei, wenn man so wollte, der 46-Jährige den Schauplatz als Sieger verließ. Er schlug seinen Kontrahenten bewusstlos, trat mit seinen Sportschuhen gegen dessen Kopf und Oberkörper. Dann radelte er davon. Jetzt bedauerte er: "Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen."

Ein Schöffengericht in Schwandorf schickte den Schläger heuer für ein Jahr und zehn Monate hinter Gitter. Bei seinem Opfer hatte er sich während des Prozesses entschuldigt. Über Schmerzensgeld wurde nicht geredet. Nach dem Urteil gingen sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft in Berufung.

In der Neuauflage des Verfahrens vor dem Landgericht ging es jetzt nur noch um das Strafmaß. Dabei stellte sich heraus: Der von Richter Gerd Dreßler als "Gewalttäter und Trinker" bezeichnete 46-Jährige bekam diesmal zwar mit einem Jahr und elf Monaten eine höhere als die im Ersturteil ausgesprochene Ahndung. Trotzdem erhielt der Mann eine Chance, am Gefängnis vorbei zu kommen.

Wie konnte das sein? Der als Gutachter auftretende Landgerichtsarzt Dr. Reiner Miedel attestierte dem Familienvater eine noch immer vorhandene latente Trunksucht und empfahl eine Langzeittherapie in geschlossener Klinikumgebung. Das war dann wohl das kleinere Übel für den Angeklagten gegenüber einem drohenden Haftaufenthalt. Zusammen mit seinem Anwalt Norbert Rötzer akzeptierte er eine solche Maßnahme. Auch Staatsanwalt Oliver Wagner konnte sich dem Rat des Arztes nicht entziehen. Eher zähneknirschend aber.

So kommt es nun, dass einer, der eigentlich nach eigenem Bekunden "dringend bei den Kindern bleiben muss, weil meine Partnerin Alkoholprobleme hat", trotzdem für mindestens 18 Monate von daheim fort muss. Ob er die teuere Therapie auf Staatskosten durchsteht, erscheint eher fraglich. Zwei ähnliche Maßnahmen waren vor Jahren gescheitert. Fragt sich nur: Was machen jetzt die Kinder?Noch eine Therapie und noch eine. Manchmal fasst man es nicht, was sich in Gerichtssälen abspielt. Da sitzt einer, den man Räuber und Vergewaltiger nennen darf. Jemand, der in seinem permanenten Rauschzustand auf andere eindrischt und sie bewusstlos schlägt.

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