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08.07.2016 - 13:30 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Ausbildungsakquisiteurin bringt Asylbewerber in die Lehre Willkommenskultur im Handwerk

Menschen sind verschieden. So verschieden wie die Kulturen, aus denen sie stammen. Junge Männer, die hier als Asylbewerber leben, wollen zum Beispiel mitunter viel lieber Friseur werden statt Kfz-Mechaniker. Diese Erfahrung macht Ausbildungsakquisiteurin Stefanie Graf.

Akquisiteurin Stefanie Graf und der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Hans Schmidt, erläutern das Konzept, mit dem sie Asylbewerber in den dualen Ausbildungsmarkt integrieren wollen. Bild: Süß
von Michaela Süß Kontakt Profil

Friseur: Was hierzulande als fast reiner Frauenberuf gilt, genießt in den Herkunftsländern vieler Flüchtlinge einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert. Gut, denn so hat die Sozialpädagogin gleich ein weiteres Berufsfeld, in das sie geeignete junge Menschen vermitteln kann.

Seit Anfang Mai kümmert sich Sozialpädagogin Stefanie Graf (33) in der Oberpfalz darum, die verschiedenen Strukturen - von Schulen und Ämtern bis hin zu den Betrieben, der Arbeitsagentur und nicht zuletzt den künftigen Azubis - unter einen Hut zu bringen und zu vernetzen. Zusammen mit ihrer Kollegin Angela Sedlmaier, die für Niederbayern zuständig ist, engagiert sie sich für die handwerklichen Fachkräfte der Zukunft. Und hat dabei schon einige positive Erfahrungen gemacht.

"Erste Beratungsgespräche mit Asylbewerbern, die eine Ausbildung machen möchten, sind zum Beispiel bei der Handwerkskammer in Weiden bereits gelaufen", erzählt sie. Vier junge Flüchtlinge, die derzeit noch einen Integrationskurs besuchen, haben sich bereits informiert und zum Beispiel das Berufsfeld Elektroniker ins Auge gefasst.

Und wie läuft so eine Beratung ab? Man lernt sich kennen und erfasst in einem Kurzprofil Kenntnisse und Interessen. Dann kann es weitergehen. Sind die Asylbewerber im Berufsschulalter, werden sie zunächst in einer zweijährigen Vorbereitungsphase fit gemacht für eine Ausbildung. Im ersten Jahr steht dabei die Verbesserung der Sprachkenntnisse im Mittelpunkt. Und im zweiten Jahr geht es darum, bei verschiedenen Praktika Berufsfelder sowie das Ausbildungssystem hier in Deutschland kennenzulernen.

Potenzial erheben

Wird es dann ernst mit der Suche nach einem Ausbildungsplatz, setzen Hans Schmidt und die Handwerkskammer auf ein Drei-Stufen-System. In einem ersten Schritt wird im Rahmen der Kompetenzfeststellung auf das Potenzial der jungen Leute geschaut - nach dem Motto "Was kann der inzwischen?". Weiter geht es dann im zweiten Schritt mit einer zweiwöchigen Berufsorientierung in Werkstätten und Bildungszentren, wie beispielsweise dem der Handwerkskammer in Schwandorf-Charlottenhof. Als dritter Schritt folgt schließlich die Praxis-Lernwerkstatt mit einer "Grundausbildung" von einem halben bis dreiviertel Jahr Dauer. Hier lernen die angehenden Azubis Basistechniken und bekommen zudem eine vertiefte, auf ihren angestrebten Job zugeschnittene berufssprachliche Ausbildung.

Begleitet und ermöglicht werden solche Maßnahmen von speziellen Förderprogrammen - beispielsweise im Rahmen des bayerischen Integrationspakts, in dem unter anderem Handwerkskammer sowie Industrie- und Handelskammer, aber auch die Arbeitsagenturen zusammenarbeiten.

Und auch Bundesprogramme gibt es. "perjuFH" (Perspektiven für jugendliche Flüchtlinge im Handwerk) dauert ein halbes Jahr und dient der allgemeinen Berufsorientierung. Im September wird ein solches Projekt in Regensburg starten.

Danach muss natürlich auch ein geeignetes Unternehmen für den angehenden Azubi gefunden werden. Zumindest momentan gar keine so große Herkulesaufgabe, wie man meinen möchte. "Bislang rufen viele Firmen bei mir an und erkundigen sich, wie das abläuft mit einem Flüchtling als Azubi", erzählt Stefanie Graf.

Denn ohne ein gewisses Maß an bürokratischem Aufwand geht es natürlich nicht. Ausländerbehörde, Arbeitsagentur, die Geschäftsstellen der Handwerkskammern vor Ort und verschiedene Förderprojekte wollen koordiniert werden. Sehr wichtig ist der jungen Frau dabei auch die Netzwerkarbeit mit Helfern und "Runden Tischen" direkt vor Ort. Und hier stimmt ihr Hans Schmidt, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, zu. "Die Zusammenarbeit der regionalen Akteure funktioniert bestens - von der Kleiderkammer bis hin zur Handwerkskammer."

Netzwerken

Natürlich kommen bei solchen Netzwerk-Gesprächen nicht nur die positiven Aspekte der Situation zur Sprache. "Wir wollen neben den Möglichkeiten auch die Hemmnisse aufzeigen. Schließlich soll keiner blauäugig in die Sache reinstolpern", so Stefanie Graf und Hans Schmidt.Jede Menge Infos für die jungen Leute, aber auch für Betriebe. Darauf setzt die Handwerkskammer, um jungen Flüchtlingen eine Ausbildung im Handwerk zu ermöglichen.

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