Dritter Prozesstag: Landwirt nach Amokfahrt vor Gericht
Zwei Polizisten in Lebensgefahr

Symbolbild: David Ebener/dpa

Die Ausführungen des Kfz-Sachverständigen dauern nahezu drei Stunden. Jeder Abschnitt der Amok-Tour wird unter die Lupe genommen. Dann weiß man im Gerichtssaal: Bei Wölsendorf wurden zwei Nabburger Polizeibeamte durch einen rücksichtslosen Traktorfahrer in lebensgefährliche Situationen gebracht.

Amberg/Schwarzach. Er hatte seinen Führerschein bereits 2008 eingebüßt, trug eine in Tschechien erworbene Fahrlizenz im Geldbeutel und bekam Strafen, weil er partout nicht einsehen mochte, dass man sich an Lenkräder nur mit gültiger deutscher Erlaubnis setzt. Nur einer von vielen Aspekten aus dem Leben des Angeklagten. Ein weiterer: Seit zwei Jahrzehnten alkoholabhängig und am 14. April 2017, als die Wahnsinnstour bei Wölsendorf begann, nach Hochrechnungen von Experten mit 2,5 bis 2,7 Promille unterwegs.

Fünf Sachverständige sagten aus, vier davon am dritten Prozesstag. Erst der Rechtsmediziner Oliver Peschel aus München. Er nannte es "eine sehr bemerkenswerte Leistung", dass ein Mann mit glattem Durchschuss am Oberschenkel noch einen Traktor über mehrere Kilometer hinweg unter Kontrolle hatte. Peschel fügte hinzu: "Ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass sein Einsichts- und Steuerungsvermögen damals eingeschränkt war."

Alles rekonstruiert

Die am Gründonnerstag letzten Jahres zurückgelegte Strecke des Bulldogs in und bei Wölsendorf betrug über sechs Kilometer. Ihre Bewältigung dauerte 29 Minuten. Fast schon Meter für Meter hatte der Kfz-Sachverständige Professor Hans Bäumler (Gebenbach) diese Route unter die Lupe genommen. Dabei stellte sich heraus: Nicht alle der Projektile, die von der Polizei auf die Reifen des Treckers abgegeben worden waren, galten als Abpraller. Einige durchschlugen die dicken Pneus tatsächlich. "Doch bis die Luft ausging, dauerte es bis zu 15 Minuten", erklärte Bäumler.

Heute Plädoyers

Der Experte ging in seinem Gutachten von zwei Situationen aus, in denen Polizisten in lebensbedrohliche Lagen gerieten. Einmal ein Polizeiobermeister, an dessen Kopf die Ladeschaufel des Traktors nur etwa einen Meter vorbei schrammte. Und dann ein Hauptkommissar, der neben dem nicht zu stoppenden Fahrzeug herlief und dabei in Gefahr geriet, überrollt zu werden.

In Gesprächen mit Sachverständigen hatte der nun wegen zweifachen Mordversuchs vor dem Schwurgericht sitzende Bauer einfließen lassen, man habe ihn "in eine Falle laufen lassen". Doch war es nicht er selbst, der diese Falle wie ein durch nichts zu beeinflussender Roboter aufbaute? Der Straubinger Psychotherapeut Jochen Thomas sagte den Richtern: "Es gibt bereits, durch Alkohol bedingt, hirnorganische Beeinträchtigungen, die jedoch das Alltagsverhalten des Mannes nicht stören." Noch wesentlicher war, was die Forensikerin Johanna Lausch aus Straubing sagte. Sie diagnostizierte einen chronischen Alkoholmissbrauch, kam aber trotz eines zur Tatzeit bestehenden schweren Trunkenheitszustands zur Auffassung, "dass er Situationen während der Fahrt meisterte". Auch dann noch, als ihn die Polizei angeschossen hatte. Aus ihrer Sicht empfahl die Ärztin eine dringend gebotene Alkoholtherapie. Am vierten Prozesstag, der am Freitag stattfindet, werden die Plädoyers gehalten. Ob noch am gleichen Tag ein Urteil folgt, bleibt abzuwarten.
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