Urteil im Prozess um Amokfahrt eines Landwirts
"Er wollte einfach nur weg"

Endstation nach rund einer halben Stunde Amokfahrt und mehreren Schüssen: Das war vor ziemlich genau einem Jahr die Schlussszene der Tat, für die sich ein 47-jähriger Landwirt nun vor dem Schwurgericht in Amberg verantworten musste. Vier Jahre und drei Monate Haft lautete das Urteil. Bild: bk-media

Zwei Mordversuche sind zwar vom Tisch. Doch die Folgen für einen 47-Jährigen nehmen sich dennoch gravierend aus: Über vier Jahre Haft, eine längere Alkoholentzugsmaßnahme und die bange Frage, ob sein rechtes Bein nach dem Schuss aus einer Polizeiwaffe noch jemals voll gebrauchsfähig werden wird. 

Finale im Amberger Schwurgerichtssaal: Vier Jahre und drei Monate Haft für einen Landwirt aus der Gemeinde Schwarzach, der am 13. April letzten Jahres bei seiner Amokfahrt erst durch einen Schuss in die Hydraulik des Traktors zu stoppen war. Verfolgungsjagd in und um Wölsendorf, fast sechs Kilometer lang. Zwei Uniformierte in prekären Situationen. Dem einen schrammte die Frontladerschaufel knapp am Kopf vorbei, der andere sah sich einer Lage gegenüber, vom Trecker überrollt zu werden und schoss auf das Bein des Fahrers.

Waren das Mordversuche des Landwirts? Oberstaatsanwalt Thomas Strohmeier bejahte in seinem einstündigen Plädoyer diese Frage und schrieb dem Bauern ins Stammbuch, dass er tödliche Verletzungen in Kauf genommen habe. "Er hatte ein Motiv", unterstrich Strohmeier und führte dem Schwurgericht vor Augen: "Ein notorischer Schwarzfahrer. Seit zehn Jahren ohne Führerschein, schwer alkoholisiert unterwegs, unter Bewährung stehend."

Das habe der Landwirt zu vertuschen versucht. Genau da liege die juristische Einordnung. Nämlich: Sich einer Festnahme mit Gewalt zu entziehen, um damit eine Straftat zu verdecken. Für zweifachen Mordversuch verlangte der Oberstaatsanwalt acht Jahre Haft. Einer Alkoholtherapie für den Beschuldigten widersetzte er sich nicht.

Die Verteidiger Bernd Lippmann (Nürnberg) und Stefan Holoch (Stuttgart) waren anderer Auffassung. "Er wollte einfach nur weg", hieß es in ihren Plädoyers. Ohne die Absicht, jemanden zu verletzen oder gar zu töten.

"Alles unglückliche Umstände", hoben sie hervor und befanden, die gesamten Ermittlungen seien "viel zu hoch aufgehängt worden". Vier Jahre Gefängnis hielten beide für ausreichend. Und zwar wegen versuchter gefährlicher Körperverletzungen und nicht wegen Tötungsversuchen. Hinzu kam die Forderung, "den Alkoholkranken in einen Entzug zu schicken."

Diesen Plädoyers der Anwälte schloss sich das Schwurgericht ziemlich genau an. Es verhängte vier Jahre und drei Monate Haft wegen zweifacher versuchter gefährlicher Körperverletzung und ordnete gleichzeitig die "dringend notwendige Therapie" an. Der seit einem Jahr bestehende Haftbefehl wurde aufgehoben. Nicht zuletzt deswegen, weil sich der Landwirt schon in den nächsten Tagen einem weiteren Eingriff an seinem von einer Polizeikugel getroffenen Bein unterziehen muss.

Die Kosten des gesamten Verfahrens muss der 47-Jährige tragen. Sie werden angesichts von länger beschäftigten Sachverständigen und vielen Zeugen immens hoch sein. Der Bauer ist seit Freitag zurück in seinem Heimatdorf. "Keine Fluchtgefahr", wurde der Schritt begründet, ihn aus der U-Haft zu entlassen.

Hintergrund
Dem Gerücht, der Landwirt aus der Gemeinde Schwarzach sei am Gründonnerstag letzten Jahres in eine von der Polizei ausgelegte Falle gelaufen, stemmte sich zum Prozessende der Amberger Oberstaatsanwalt Thomas Strohmeier energisch entgegen. Er habe, so Strohmeier, während seiner Ermittlungen anonyme Anrufe und Schreiben ohne Absender erhalten. Ihnen sei der Groll darüber zu entnehmen gewesen, dass man da angeblich jemandem in Wegelagerer-Manier auflauerte. "Ein unschuldiger Mitbürger", habe es geheißen. Unschuldiger Mitbürger? Der Oberstaatsanwalt rückte die Sicht gerade: "Seit vielen Jahren ohne Führerschein unterwegs, betrunken auf dem Traktor, unter Bewährung." Die Polizei habe handeln müssen, gab er zu verstehen und unterstrich: "Dieser Mann war der Verursacher. Nicht die Beamten." In ähnlicher Form äußerte sich später auch die Schwurgerichtsvorsitzende Roswitha Stöber. "Die Polizisten haben damals nach einem toten Schaf bei Wölsendorf gesucht, und sie schöpften Verdacht, als der Angeklagte mit seinem Bulldog auftauchte", sagte die Richterin. Was dann folgte, "gehörte zu den Dienstpflichten der Beamten.
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