21.12.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Zwei Bauern und viele Schüsse

Gab es jemals einen Fall in der Oberpfalz, bei dem mehr Schüsse auf ein Fluchtfahrzeug abgegeben wurden? Nahezu zwei Dutzend Projektile sollen aus Polizeipistolen abgefeuert worden sein, als ein Landwirt seinen Traktor nicht stoppen wollte. Jetzt ist Anklage wegen Mordversuchs gegen den 46-Jährigen erhoben worden.

Endstation auf einer Wiese bei Wölsendorf: Hier endete am Gründonnerstag, 13. April, die Verfolgungsfahrt des Traktors mit der Polizei. Bild: bk-media
von Autor HOUProfil

Schwarzach/Amberg. Wenn dieser Prozess im zweiten Quartal des nächsten Jahres stattfindet, dann dürfte vieles zu klären sein. Er könnte sich vor dem Schwurgericht beim Landgericht Amberg abspielen. Dessen Vorsitzende Roswitha Stöber hat seit wenigen Tagen eine Anklageschrift des Oberstaatsanwalts Thomas Strohmeier. Doch erst wenn die Richterin Stöber diese Anklage zulässt und das Hauptverfahren eröffnet, können weitere Schritte in Richtung einer Verhandlung unternommen und dann auch Termine festgesetzt werden.

Die Vorwürfe des Strafverfolgers lauten auf zweifachen Mordversuch in Tateinheit mit weiteren Delikten wie gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Trunkenheit und Fahren ohne Führerschein. Sie nehmen einen 46 Jahre alten Landwirt ins Visier, der sich heuer im April erst bei Wölsendorf und dann bei Brensdorf (Gemeinde Schwarzach) auf seiner Zugmaschine eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte.

Langer Prozess droht

In der Anklageschrift des Oberstaatsanwalts wird aufgelistet, wie das vonstatten gegangen sein soll: mit vergeblichen Anhaltesignalen und zur Verstärkung eintreffenden weiteren Funkstreifenbesatzungen, aber auch mit rund zwei Dutzend Schüssen aus Dienstwaffen. Sie wurden dem Ermittlungsergebnis zufolge abgefeuert, als der offenbar angetrunkene Bauer nicht hielt. Zwei Polizeifahrzeuge wurden arg lädiert, dann soll die Ladeschaufel des Traktors nur haarscharf an zwei Uniformierten vorbeigeschrammt sein.

Der Landwirt wurde von einem der abgefeuerten Projektile am Oberschenkel getroffen. Erst als seine Zugmaschine von einem Einsatzfahrzeug gerammt wurde, war inmitten eines Ackers Endstation. Danach kam der festgenommene Bauer erst ins Krankenhaus und dann in Untersuchungshaft. Dort sitzt er noch.

Wenn das Schwurgericht das Hauptverfahren eröffnen sollte, wird es wohl zahlreiche Verfahrenstage ansetzen müssen, um die Dinge lückenlos zu klären. Auch Fragen wie diese: War dieser Einsatz in solcher Form notwendig? Wie kam es dazu, dass Beamte zunächst - und das war wohl der Ausgangspunkt - in Wölsendorf ein Gespräch mit dem Landwirt wegen eines toten Tiers führten und der mutmaßlich unter Alkohol stehende Mann danach seine Zugmaschine bestieg. Gleich danach begann die Verfolgungsjagd.

Die Richter dürfte vermutlich auch interessieren, wie hoch die Gefahrenlage für Außenstehende war. Sie führte letztlich zu nahezu zwei Dutzend Schüssen und zum Einsatz von Pfefferspray und Schlagstock. Der Oberstaatsanwalt beharrt darauf: "Man musste diese Fahrt unterbinden."

Ein ähnlicher Fall

Die Aktion in der Gemeinde Schwarzach wirft Parallelen auf zum Fall des Bauern Ferdinand H. in den 1970er Jahren. Damals rückte das Dorf Döllnitz im ehemaligen Kreis Nabburg in den bundesweiten Blickpunkt. Der "Ferdl", wie sie ihn nannten, lebte mit seinem geistig eingeschränkten Bruder auf einem herabgekommenen landwirtschaftlichen Anwesen. Dann sollte ihm, der Besuch nicht dulden mochte, unter polizeilicher Begleitung eine behördliche Anordnung zugestellt werden.

Was folgte, war spektakulär: Ferdinand H. verbarrikadierte sich mit seinem Bruder im Haus und schoss aus einem Gewehr. Das Feuer wurde erwidert. Obgleich der Bauernhof umstellt worden war, gelang es dem Mann, zusammen mit seinem nahen Verwandten im Auto zu flüchten. Danach gab es eine wilde Jagd mit etlichen Schüssen. Später nahm man den Rebellischen fest. Der Bruder von Ferdinand H. kam in eine Anstalt, auch der "Ferdl" selbst landete im Bezirkskrankenhaus. Dort blieb er längere Zeit. Wieder auf freien Fuß gesetzt, kehrte der völlig alleinstehende Bauer nach Döllnitz zurück und nahm sich mit einem Bolzenschussapparat das Leben. Bis heute ist im Gedächtnis, dass während der Verfolgungsjagd ein Landpolizist den Funkspruch absetzte: "Ich hab' schon mehrere Schüsse abgegeben. Aber er bleibt nicht stehen."

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