04.04.2018 - 17:30 Uhr
Oberpfalz

Zweiter Prozesstag: Landwirt vor Gericht Polizeiliche Verfolgung mit vielen Facetten

Der Prozess zeigt: Sie erschienen nicht, um ihm aufzulauern - zwei Nabburger Polizisten fuhren in Richtung Wölsendorf, weil dort Kinder Steine auf die Autobahn warfen. Erst danach bekamen sie Kontakt mit dem 47-Jährigen, der ihnen auf seinem Traktor begegnete. Kurz darauf begann die Verfolgungsjagd.

von Autor HWOProfil

Amberg/Schwarzach. Ein Hauptkommissar (41) und ein Polizeiobermeister (26) haben am Mittwoch vor dem Amberger Schwurgericht geschildert, weshalb sie letztes Jahr am Nachmittag des Gründonnerstag von Nabburg aus in Richtung Wölsendorf aufbrachen. Dort, so hieß die Meldung, sollten Kinder Steinbrocken auf die A 93 werfen. Als sie eintrafen, waren die Kinder weg. Doch die Beamten erinnerten sich, dass man ihnen kurz vorher bei Schichtwechsel gesagt hatte, dort draußen im Gemeindebereich von Schwarzach liege ein totes Schaf. Sie suchten in der Gegend und sahen einen Bulldogfahrer. Sie hielten kurz an, befragten ihn und bekamen den Eindruck, "dass der sich seltsam benimmt." Nach kurzem Gespräch, das für die Polizei nicht hilfreich war, ratterte er davon.

Länger als halbe Stunde

"Wir haben den Mann nicht gekannt", unterstrichen beide Polizisten nun am zweiten Prozesstag. Doch als sie das Kennzeichen per Computer überprüfen ließen, ergab sich: Fahrer ohne Führerschein, wegen Trunkenheitsdelikten entzogen. Erst später stellte sich heraus: Gegen den 47-Jährigen bestand eine offene Bewährungsstrafe von acht Monaten. Er hätte sie im Wiederholungsfall wohl absitzen müssen.

Könnte es sein, dass sich der Landwirt deshalb einer Überprüfung entzog? Nicht zu stoppen war er und wie in einem Panzer unterwegs. Nach Einschätzung von Oberstaatsanwalt Thomas Strohmeier dauerte die Verfolgung über eine halbe Stunde. Mit vergeblichen Anhalteversuchen, Warnschüssen in die Luft und gezieltem Feuer auf die Reifen des Traktors. Aber auch mit einem Schuss in den Unterschenkel des Fahrers und einem Projektil in die Hydraulik der Zugmaschine.

Vor dem Schwurgericht sind auch sechs Mitglieder des Technischen Hilfswerks in Nabburg gehört worden. Sie gehörten einer Mannschaft an, die am Gründonnerstag auf der Autobahn eine sogenannte Bereitschaftsstreife fuhren und über Polizeifunk mitbekamen, dass da ein Traktorfahrer jedem Anhalteversuch widerstehe. Die THW-Leute stoppten an der A 93 bei Wölsendorf. Fünf von ihnen sahen den auf einem Feldweg unterhalb der Autobahn daherkommenden Bulldog. Ein weiterer Insasse mochte sich seltsamerweise an nichts mehr erinnern. Die Aussagen seiner THW-Kameraden gingen zwar auseinander, doch eines stimmte überein: Sie bemerkten einen Uniformierten, der zu Fuß an dem Bulldog auftauchte und einen Warnschuss abgab. Vergeblich.

THW kommt dazu

Die Besatzung des THW war danach auch dabei, als die Verfolgungsjagd über Wölsendorf hinaus auf eine Wiese führte. Warum? "Wir sind über Pretzabruck angefahren, um eventuell Hilfe leisten zu können", hörten die Richter. Fünf der Helfer sahen, wie sich der an der Hydraulik von einem Polizeiprojektil getroffene Bulldog karussellartig im Kreis drehte. Ihr Kamerad wollte sich auch an dieses Ereignis nicht mehr erinnern. Die Frage lautete: Wie kann jemand so etwas vergessen? Als der Traktor schließlich von einem Streifenfahrzeug gerammt worden war, starb der Motor ab. Beamte zogen den angeschossenen Fahrer heraus.

Wie benahm er sich? Hier klafften die Angaben weit auseinander. Von "kooperativ und moderat" war die Rede, man hörte von teilweiser Bewusstlosigkeit und auch von Aggressivität. Tatsache ist wohl: Bei ihrer Aktion versprühten Polizeibeamte ganze Ladungen von Pfefferspray. Doch sie schadeten sich damit nur selber. Denn die Führerhausklappe des Traktors stand nach hinten offen. Das ätzende Gemisch drang ihnen in die Augen, aber nicht dem Fahrer, in dessen Führerhaus sich leere Bierflaschen fanden.

Der wegen zweifachen Mordversuchs angeklagte Landwirt hat sich nicht weiter geäußert. Gelegentlich schmunzelte er ein wenig und schüttelte den Kopf, wenn Details zur Sprache kamen. Wie aber kann er das? Denn zum Prozessauftakt hatte es in einer Erklärung seiner Anwälte geheißen, die Erinnerung ihres Mandanten an diese Verfolgungsfahrt sei eher gering.

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