Schwerkranke Frau mit Sarkoidose: Der Alltag einer Organtransplantierten
Neues Herz, zweite Chance

Kathrin Schidla aus Schwarzenfeld lebt seit zwei Jahren mit einem fremden Herzen. Bild: m
Vermischtes
Schwarzenfeld
23.03.2018
3426
0
 
Bis zu 30 Tabletten muss Kathrin Schidla täglich einnehmen - Alltag einer Organtransplantierten. Bild: m

Auf dem Esstisch stehen fünf große Tassen mit Tee. Daneben hat Kathrin Schidla den prall gefüllten Medikamenten-Dosierer platziert: Der Alltag einer Organtransplantierten folgt strengen Regeln.

Seit fast genau zwei Jahren schlägt in Schidlas Brust ein neues Herz. Drei Tage vor ihrem 39. Geburtstag retteten Transplantationsmediziner des Universitätsklinikums Regensburg am 11. Februar 2016 das Leben der schwerstkranken Frau aus Schwarzenfeld (Kreis Schwandorf). Nur wenig später hätten die Ärzte die lebenserhaltenden Maßnahmen beendet: "Ich war definitiv mehr tot als lebendig."

Sechs Herzstillstände

Kathrin Schidla war nach Herzstillständen bereits sechsmal wiederbelebt worden, einmal sogar über einen Zeitraum von zweieinhalb Stunden. Sie stand auf der Hochdringlichkeitsliste für eine Organtransplantation und hatte lange Wochen auf der Intensivstation der Uniklinik im Koma gelegen, bis endlich ein geeignetes Spenderherz gefunden war.

Schidla ist dankbar für ihre "zweite Chance". "Im Prinzip geht es mir jetzt ganz gut", sagt die 41-Jährige. "Trotzdem vergesse ich nie, dass ich krank bin." Denn ihren Tag beginnt sie so, wie Andere es nur aus dem Krankenhaus kennen: Vor dem Aufstehen überprüft sie ihren Blutdruck, dann geht es auf die Waage und schließlich wird noch die Temperatur gemessen. Schidla nimmt pünktlich um 8 Uhr die erste Ration von täglich bis zu 30 Tabletten ein, die sie fein säuberlich vorsortiert hat. Sie passt auf, dass sie über den Tag verteilt zwei bis drei Liter trinkt. Jeden Montagmorgen wird ihr Blut abgenommen. Auch übers Jahr verteilt stehen immer wieder Kontrolluntersuchungen an. Regelmäßig fährt sie nach Regensburg in die Uniklinik.

Bei Transplantierten unterdrücken Medikamente das körpereigene Immunsystem, um eine Abstoßung des fremden Organs zu verhindern. Kathrin Schidlas geliebter Kater musste aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos ausziehen, die Hündin allerdings durfte bleiben. Topfpflanzen mit Blumenerde sind verboten, auch Teppiche sollten in der Wohnung nicht verlegt sein. Kathrin Schidla darf nur geschältes oder gekochtes Obst und Gemüse essen - "also rote Grütze statt frische Beeren". Rohwurst und Innereien, Nüsse, Rohmilch- und Schimmelkäse sowie bestimmte Zitrusfrüchte sind ebenfalls vom Speiseplan gestrichen.

In 20 Jahre braucht sie eine neue Niere

Wegen des künstlich gedämpften Immunsystems fange man sich schnell einen Infekt ein, sagt Kathrin Schidla. "Im November habe ich zum Beispiel meine erste Lungenentzündung gehabt." Anfang des Jahres folgte eine erste leichte Abstoßungsreaktion des fremden Herzens. Schidla ist sich bewusst, "dass ich keine 100 Jahre alt werde". Der Professor der Uniklinik habe ihr gesagt, dass sie gute Chancen habe, nach der Transplantation noch 20 bis 30 Jahre zu leben. Aufgrund der starken Medikamente, die sie nun nehmen muss, und diverser Vorschädigungen benötige sie jedoch wahrscheinlich spätestens in 20 Jahren entweder eine neue Niere oder werde dialysepflichtig. "Mit einem neuen Organ ist man einfach nicht hundertprozentig gesund", sagt Kathrin Schidla, "da hängt ja so viel mit dran".

Nur durch Zufall erfuhr die Schwarzenfelderin, dass sie das Herz eines Mannes transplantiert bekommen hat. Mehr weiß sie nicht über ihren Spender. Sie komme mit der Situation gut klar: "Ich denke mir, für meinen Spender oder seine Angehörigen war es ja der letzte Wunsch, und den habe ich erfüllt. Der Spender lebt nun auch ein Stück in mir weiter." Schidla nennt ihr neues Herz "Otto". "Ich sag immer, der Otto und ich, wir sind jetzt gute Kumpels."

Dass es in Deutschland schon seit Jahren an Spenderorganen mangelt, betrübt Kathrin Schidla. Sie selbst habe seit ihrem 16. Lebensjahr einen Organspenderausweis. Eine Regelung wie in anderen Ländern, nach denen man automatisch Spender ist, sofern man dem nicht widerspricht, fände Schidla gut: "Ich bin total dafür." Jeder sollte sich zu dem Thema zumindest Gedanken machen: "Denn es kann wirklich jedem passieren, dass er schwer krank wird, von einem Tag auf den anderen."

Widerspruch statt Zustimmung: Experte fordert Umdenken

Im vergangenen Jahr hat sich die Organspende erneut rückläufig entwickelt. Bundesweit gab es 797 Organspender, 60 weniger als noch im Jahr zuvor. Die durchschnittliche Spenderrate lag 2017 bei 9,7 Spendern pro eine Million Einwohner. Bayern verzeichnete allerdings gegen den Trend bei den Organspenden eine Zunahme von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wegen der stark gesunkenen Zahl fordert der Transplantationsmediziner Paolo Fornara eine Wende in der Transplantationsmedizin. "Die jetzige Situation ist im Namen unserer Patienten nicht länger hinnehmbar", erklärte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Berlin.

Er forderte die Einführung einer Widerspruchslösung und "eine seriöse Diskussion" über den Herztod als Kriterium für eine Organentnahme. Das wäre in Deutschland ein Tabubruch und illegal, denn bislang gilt der Hirntod als Voraussetzung.

Bei einer Widerspruchslösung ist prinzipiell jede Person ein potenzieller Organspender - außer, sie hat dem ausdrücklich widersprochen. In Deutschland gilt derzeit eine sogenannte erweiterte Zustimmungsregelung. Danach ist nur derjenige ein potenzieller Organspender, der zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Liegt keine Aussage vor, können die Angehörigen im Sinne des potenziellen Spenders entscheiden. Kürzlich hatten die Niederlande die Widerspruchslösung eingeführt.

HintergrundKathrin Schidla leidet an einer eher seltenen Krankheit: Sarkoidose ist eine entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der es zu kleinen knötchenförmigen Gewebeveränderungen kommen kann. Am häufigsten ist die Lunge betroffen, bei Kathrin Schidla war es das Herz. Symptome wie Hustenanfälle, Erschöpfung und eine stark eingeschränkte körperliche Belastbarkeit missdeutet ein Arzt zunächst als Heuschnupfen. Ein Lungenfacharzt jedoch stellt fest: Herz und Lunge sind bereits voller Wasser, die junge Frau ist schwer krank.

Nach einem Herzstillstand wird Kathrin Schidla ein Defibrillator eingesetzt, doch ihr Zustand bessert sich nicht. Im November 2015 erleidet sie in der Lungenfachklinik Donaustauf einen zweiten Herzstillstand und wird zweieinhalb Stunden lang reanimiert. Von nun an übernimmt fast durchgehend eine Maschine die lebenswichtigen Herz-Lungen-Funktionen der Patientin, die jetzt an der Uniklinik Regensburg behandelt wird und im künstlichen Tiefschlaf liegt. Nach 41 Tagen folgt eine lebensrettende Herztransplantation. (m)


Es kann wirklich jedem passieren, dass er schwer krank wird, von einem Tag auf den anderen.Kathrin Schidla aus Schwarzenfeld lebt seit zwei Jahren mit einem fremden Herzen
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.