20.08.2017 - 20:00 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Konzertabend zur deutsch-tschechischen Völkerverständigung Musikalisches Lichtermeer

Es war am Samstagabend in Speinshart ein deutsch-tschechisches Projekt der Verständigung. Aufgeführt wurden Lieder und Klaviermusik des stillen Widerstandes von Komponisten aus der Zeit des Dritten Reiches in der Tschechoslowakei. Das musikalische Verständnis brachten die Sopranistin Irena Troupová und der Pianist Jan Dusek zum Ausdruck.

Unter dem Motto "Kerzen in der Nacht" beeindruckten am Samstag in Speinshart Lieder und Klaviermusik von Komponisten des "stillen Widerstandes" in Zeiten des Nationalsozialismus in Prag. Wirkungsvoll harmonierten Sopranistin Irena Troupová und Pianist Jan Dusek. Bild: do
von Robert DotzauerProfil

"Kerzen in der Nacht" hieß der berührende Titel des Sommerkonzerts im Rahmen des Festivals junger Künstler Bayreuth. Ein Abend der tausend Lichter im Musiksaal des Klosters Speinshart? Im Gegenteil. Das Konzertmotto stand symbolisch für die vielen Künstler, deren Licht in Zeiten des Nationalsozialismus nur im Geheimen leuchten durfte. Es war am Samstag vor allem die deutsch-tschechisch-jüdische Spur, deren Dramaturgie in Erinnerung gerufen wurde. Diese Spur hätte weltweit bekannter werden können, wenn es nicht den Holocaust gegeben hätte.

Im KZ ermordet

In Speinshart hinterließ diese Musik des stillen Widerstands bei der Hörerschaft ihre Spuren. Die Programmauswahl enthielt Lieder und Klaviermusik von Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die ein gemeinsames Schicksal hatten: Sie stammten aus jüdischen Familien, bekamen von den Nationalsozialisten zunächst Berufsverbot, bis sie dann ins Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. "Und gerade deswegen ist es notwendig, die Namen und ihre Werke auch im Zusammenhang mit der deutsch-tschechisch-jüdischen Kultur immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und aufzuführen", betonte Thomas Englberger, Leiter der Internationalen Begegnungsstätte.

Das intensive Musikerleben von Viktor Ullmann aus Schlesisch-Tschechien, Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts Opernchef des Prager Neuen Deutschen Theaters, fand nach einem Lageraufenthalt in Theresienstadt im Oktober 1944 in Auschwitz ein tragisches Ende. Im Theresienstädter KZ kam es zu Vertonungen berühmter Dramen, die auch am Samstag im Mittelpunkt der Konzertauswahl standen.

Musik geht zu Herzen

Die tschechische Sopranistin Irena Troupová und der tschechische Pianist und Komponist Jan Dusek präsentierten ein Liederschaffen Ullmanns für Sopran und Klavier, das zu Herzen ging. Ein musikalisches Lichtermeer ergoss sich über das barocke Ambiente des Musiksaales. "Wo hast du all die Schönheit hergenommen?", hieß es da in den "Fünf Liebesliedern" von Ricarda Huch. Die Verse der Dichterin erzeugten eine besonders verdichtete Atmosphäre. Für den temperamentvollen wie auch innigen Sologesang von Irena Troupová waren es Glücksmomente.

Es lohnte sich, am Samstagabend dabei zu sein. Behutsam von Jan Dusek am Klavier begleitet, verblüffte Irena Troupová wie auch der Klaviervirtuose mit gelungener Abstimmung und Meditation. In feinfühliger Harmonie zauberte die Sopranistin die Klangwelt der Liebe in den Musiksaal. Eingeleitet mit Frank Wedekinds Drama des Frühlingserwachens und dem Lied vom "Wendla im Garten" bestimmte Poesie den ersten Programmteil. Die Künstlerin besang den Himmel auf Erden. "Weil du der Himmel bist, gibt's keinen dort", schwärmte die Sopranistin und träumte: "Wenn je ein Schönes mir zu bilden glückte, war's, weil ich hingegeben deinem Wesen, mit meiner Seele mich in dich verzückte".

Grandiose Präsenz zeigte Irena Troupová auch mit einer Auswahl "Geistlicher Lieder", die der Komponist seinen beiden Söhnen gewidmet hatte. Viktor Ullmann ließ sich in seinen Liedern und Texten auch von Rainer Maria Rilke inspirieren. "Drei Sonette aus dem Portugiesischen" wurden zu einer Synthese kompositorischer Meisterschaft, die auch in Speinshart beeindruckte.

Pavel Haas galt als der bedeutendste Schüler des weltberühmten tschechischen Komponisten Leos Janácek. Nach der Errichtung des "Protektorats Böhmen und Mähren" wurde auch Haas' Musik verboten. Pianist Jan Dusek widmete in Speinshart dem Komponisten, der ebenfalls in den Gaskammern von Auschwitz endete, die "Suite für Klavier Op. 13". Geheimnisvoll erklang die Welt von Haas im "Praeludium" und dem "Con molta espressione" bis hin zu den Glücksmomenten "Danza". Das perlende Klavierspiel setzte sich mit Viktor Ullmanns "Klavier-Sonate Nr. 3" fort. Die Zuhörer wurden von einem faszinierenden "Allegro grazioso" betört und schließlich mit Mozart-Variationen im "Allegro grazioso" verwöhnt.

Zugabe stürmisch gefordert

Eine Auswahl lieblicher Volkslieder und Tänze aus Schlesisch-Tschechien beschloss die Programmvielfalt. Heimatgefühle als Inspirationsquelle verbanden sich mit einer einzigartigen Folkloresammlung des Komponisten Erwin Schulhoff. Irena Troupová verstand es, diese Klangwelten mit emotionaler Tiefe wirkungsvoll im Rahmen eines faszinierenden Gesamtwerkes zu vereinen. "Drei jiddische Lieder - Brezulinka Op. 53" des Komponisten Viktor Ullmann verliehen der lyrischen Atmosphäre zusätzlichen Glanz. Bei solch famoser Gesangs- und Musizierkunst waren die stürmisch geforderten Zugaben Pflicht. PHDr. Magdalena Zivná hatte die Besucher zu Beginn des Konzertes in das Thema des stillen Widerstandes eingeführt.

Die Künstler

Irena Troupová erlangte internationales Renommee bei Auftritten mit der Tschechischen Philharmonie. Sie lehrt an der Janácek-Akademie für Musik und Darstellende Kunst Brünn und bei internationalen Kursen.

Jan Dusek ist Preisträger vieler Wettbewerbe. Unter anderen nimmt er regelmäßig Aufzeichnungen für den Tschechischen Rundfunk auf und arbeitet sowohl mit führenden Solisten und Dirigenten als auch mit Kammerensembles und Orchestern zusammen. (do)

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