Prof. Dr. pater Ulrich Leinsle referiert über Eberhard Razer - "Notdurft" zur Abdankung 1778
Ein Abt als Täter und Opfer

Eine Abt-Wahl im Schatten bayerischer Kirchenpolitik hieß das spannende Thema des Vortrags von Prof. Dr. Ulrich Leinsle (rechts) im Musiksaal von Kloster Speinshart. Bild: do
Kultur
Speinshart
19.05.2017
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In der bayerischen Klosterlandschaft des 18. Jahrhunderts herrschen raue Sitten. Auch das kurfürstliche Bayern bekleckert sich im Vorfeld der Säkularisation nicht mit Ruhm. Die staatskirchlich orientierte Politik bekam auch ein Speinsharter Abt zu spüren.

1771 starb nach mehr als 36 Jahren "Regierung" mit Abt Dominikus Lieblein einer der bedeutendsten Äbte des Klosters. Im gleichen Jahr wählte der Konvent den 42-jährigen Eberhard Razer zum Nachfolger. Von den 23 Mitgliedern waren nur 5 Chorherren wahlberechtigt. Die große Mehrheit des Klosters setzte sich aus "ausländischen" Kirchenmännern zusammen, die laut staatlichen Anweisungen vom Wahlrecht ausgeschlossen waren.

Diskriminierung hin oder her: Diese Regelung enthielt den Zündstoff für eine "unglückselige Regierungszeit" des neuen Abtes, wie es der renommierte Prof. Dr. Pater Ulrich Leinsle bei seinem Vortrag im Musiksaal des Klosters formulierte. Der Wissenschaftler, der dem Prämonstratenser-Stift Schlägl in Oberösterreich angehört, verstand es, in faszinierender Weise die lokalen Ereignisse ab 1771 in den größeren Zusammenhang damaliger gesellschaftlicher Veränderungen und herrschender politischer Verhältnisse zu stellen. Das Spezialthema stieß allerdings nur auf begrenztes Zuhörerinteresse.

Der Gast aus Österreich sah Eberhard Razer in einer Täter- und Opferrolle. Wahl, siebenjährige Amtszeit und Abdankung werfe ein "eigenartiges Licht" auf die Zustände im Haus und die Gesamtstruktur des Ordens im zu Ende gehenden 18. Jahrhundert, urteilte Leinsle unter Berufung auf Aufzeichnungen im Staatsarchiv Amberg.

Von vornherein belastet


In einer Zeit zunehmender Einschränkungen klösterlicher Rechte und der Bedrohung von Existenzen durch kirchenpolitische Einflussnahme sei damals jede Abtwahl zu einem Wagnis geworden. Angesichts der Schuldenlast des Klosters Speinshart sei die Amtszeit Razers schon von vornherein zusätzlich belastet gewesen.

In seinem Vortrag schilderte der Professor auch die Hilferufe des Abtes in Richtung der Mutterabtei Steingaden und die Ratlosigkeit des Generalabts in Prémontré, dem Mutterhaus des Ordens. Niemand sei noch in der Lage gewesen, sich der beginnenden Umklammerung durch den Staat energisch entgegen zu stellen. Dieser Opferrolle habe sich ein zweifelnder Abt nicht entziehen können. Auch die Zusammenhänge mit den Konkordats-Verhandlungen zwischen dem Episkopat und dem Kurfürstentum Bayern in der Regierungszeit Razers beleuchtete der Redner. Deren Inhalt habe die Rücktrittsabsichten des Abtes bestärkt.

Zu den Hintergründen für den Selbstzweifel zählte der Wissenschaftler auch die widrigen Umstände der Abt-Wahl. Razer sei als einer der wenigen "echten Bayern" von der Wahlkommission anerkannt worden. Mit dieser unsicheren Legitimation und einer starken, geistig überlegenden Opposition im eigenen Haus habe er sich während der gesamten Regierungszeit schwergetan. "Es ist ein Skandal, von Mitbrüdern aus der eigenen Kirche vertrieben zu werden", zitierte Leinsle aus Überlieferungen. Nur gelegentlich habe sich Razer aufgerafft, der Resignation zu widerstehen und zu eindeutigen Urteilen zu kommen. Einer Zitterpartie gleich habe er versucht, den Schuldenstand Speinsharts mit Grundstücksverkäufen, zum Beispiel des Schlosshofes von Oberbibrach, zu verringern.

Anfangserfolge


Zudem würdigte der Referent einige Anfangserfolge des Abtes im Bereich der wirtschaftlichen Klosterführung und des Anlegens wertvoller Kapitel- und Registerbücher. Auch den Eintritt junger Mitbrüder habe Razer gefördert. Dem Vater eines von ihnen, dem Maler Michael Wild, verdankt Speinshart das 1773 entstandene Deckenfresko in der Bibliothek.

Die Regierungszeit Eberhard Razers endete am 27. April 1778 mit dem Rechtsakt der "Resignation" und der Wahl von Hermann von Brodreis zum neuen Abt. Als "Notdurft" legte der Konvent einen Anspruch auf Kost und Trunk, auf 90 Maß guten Weines jährlich, Habit, Ring und Pektorale sowie auf vierteljährlich 50 Gulden fest. Razer überlebte noch seinen Nachfolger und starb unter Abt Guarinus Keiling am 1. Dezember 1792.

Zur PersonPater Prof. Dr. Ulrich Leinsle gehört dem Prämonstratenser-Stift Schlägl in Oberösterreich an. Von 1989 bis zu seiner Emeritierung 2013 war er Professor für Philosophie an der katholischen Fakultät der Universität Regensburg. Seit 1997 steht er der Historischen Kommission des Prämonstratenser-Ordens vor.

Eine seiner letzten Veröffentlichungen zu Speinshart war die Übersetzung der Speinsharter Annalen (Jahrbücher). Die chronologischen Aufzeichnungen berichten von besonderen, aber auch alltäglichen Ereignissen früherer Jahrhunderte in Kloster und Klosterland und sind eine wichtige Quelle hinsichtlich der Geschichte von Speinshart und der Region.
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