22.02.2018 - 20:00 Uhr
Speinshart

Literarischer Abend: Schauspieler der Studiobühne Bayreuth präsentieren Werke von Marie von ... Moderne "Dichterin der Güte"

Schon der Name müsste elektrisieren: Marie von Ebner-Eschenbach. Ein Kind der Stadt Eschenbach? Das ist sie zwar nicht, jedoch eine berühmte Frau des 19. Jahrhunderts. In einer Ausstellung porträtiert die Internationale Begegnungsstätte Kloster Speinshart derzeit die Dichterin aus der K.u.K-Zeit. Eine Lesung mit Texten aus der Feder der Schriftstellerin ergänzt die Schau über ihr Leben und Wirken.

Julia Metzner und Marcus Leclaire, Gäste von der Studiobühne Bayreuth, vermittelten in der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart bei einer literarischen Begegnung mit Marie von Ebner-Eschenbach Texte und weitere Eindrücke von einer der berühmtesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts. Bild: do
von Robert DotzauerProfil

"Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe als sie verdienen", heißt es in den Aphorismen von Marie von Ebner-Eschenbach (1830 bis 1916). Eine der größten deutschsprachigen Autorinnen des 19. Jahrhunderts spricht Klartext. Ihre Erzählungen und Gedichte gehen in die Untiefen und Tiefen der menschlichen Existenz: Tod und Teufel, Liebe und Glück, Gott und die Welt. Die glänzenden Pointen und brillanten Sentenzen zeugen von einem kunstvollen Umgang mit Sprache und Rhythmik - und von einem unbestechlichen Blick für die gesellschaftlichen Vorurteile des Adels und das oft menschenunwürdige Leben der unteren Gesellschaftsklassen. Dieser gipfelt etwa in der Bemerkung: "Der Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit. Sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit."

Im Musiksaal des Klosters begeistern diese Aphorismen. Doch im Mittelpunkt der Lesung über die berühmte mährisch-österreichische Schriftstellerin stehen spannende Geschichten und "Briefwechsel" mit dem Hang zu Sentimentalität und leiser Ironie. In faszinierend atmosphärischer Weise präsentieren Julia Metzner und Marcus Leclaire, Intendant und Regisseur an der Studiobühne Bayreuth, die Werke der Autorin. Zutage tritt das Image einer "Dichterin der Güte" und des Mitleids. Die Erzählungen der Schriftstellerin enthalten aber auch moderne Züge und radikale Analysen.

Mit Entdeckungslust

Den psychologischen Scharfblick, die glänzenden Pointen und den Humor der Dichterin entdecken im Musiksaal zahlreiche Zuhörer. Geschickt versteht es Thomas Englberger, durch den Abend zu führen. Der Leiter der Begegnungsstätte würdigt Marie von Ebner-Eschenbach als "regierende Fürstin der deutschsprachigen Literaturwelt" ihrer Zeit. Das Trio Englberger-Metzner-Leclaire macht die Lesung zu einer literarischen Begegnung erster Güte. Und so verspürt das Publikum immer mehr Lust auf die Entdeckung einer weiblichen Ikone der Literatur des 19. Jahrhunderts. Diesen "Drang" erfüllen die Protagonisten mit Auszügen aus der Autobiografie "Meine Kinderjahre". Mit "Die Unüberwindlichen", "Die angenehme Eigenschaft" und "Die Aufrichtigkeit" folgen Parabeln, die zu Lebzeiten der Schriftstellerin große Verbreitung und Bekanntheit fanden.

Feines Gespür

Die kämpferischen, witzigen und durchaus boshaften Seiten von Marie von Ebner-Eschenbach erfahren die Zuhörer in den "Erzählungen in Briefform". In der Novelle kommt das feine Gespür für menschliche Schwächen und Fassaden zum Ausdruck. Julia Metzner und Markus Leclaire brillieren mit beflügelnden Einsichten und blicken hinter die einsturzgefährdete Fassade einer vermeintlich tugendhaften Ehe.

Mit einem Selbstportrait der Autorin schließt der von viel Beifall begleitete Abend. Schon die ersten Sätze der Erzählung "Der Muff" zeigen unverkennbar autobiografische Züge. Ebner-Eschenbach bestätigt darin ihren Hang zur Wohltat und zur Selbstironie. 1916 stirbt nicht nur eine literarische Ikone der Donaumonarchie. Auch Kaiser Franz Joseph wird zu Grabe getragen. Beide verkörpern eine vergehende Welt. Ihr Tod nimmt das Ende des habsburgischen Vielvölkerstaates vorweg, der sich überlebt hat. Dieser Ton durchzieht auch die "Muff"-Erzählung.

Nur noch bis Sonntag

Die im Original tschechische Ausstellung zur literarischen Wiederentdeckung von Marie von Ebner-Eschenbach, die der tschechische Verein "Respekt" und Toleranz" erarbeitet hat, wurde eigens für Speinshart ins Deutsche übersetzt, gedruckt und gerahmt. Geöffnet ist sie nur noch bis Sonntag, 25. Februar. An diesem Tag ist sie von 13.30 bis 17 Uhr zu sehen. (do)

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